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Kretschmann punktet doppelt

Starke Auftritte vor Unternehmern und später vor 500 Gästen in der Stadthalle

Reutlinger Doppelpack für Ministerpräsident Winfried Kretschmann: Gestern hat er erst die Familienunternehmer auf der Achalm besucht, dann mit einer brillanten Rede rund 500 Gäste in der Stadthalle begeistert.

05.03.2016

Von Thomas de Marco

Grünes Dreigestirn im vollbesetzten Kleinen Saal der Stadthalle: (von links) der Landtagsabgeordnete Thomas Poreski, Ministerpräsident Winfried Kretschmann und die Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke. Die Rede wurde per Lautsprecher auch ins Foyer übertragen.Bild: Haas

Reutlingen. Lange vor Beginn stehen die Menschen dicht gedrängt vor der Halle. Als Kretschmann pünktlich um 17.30 Uhr im Kleinen Saal einläuft, wird er mit lang anhaltendem Applaus begrüßt. Dann läuft er zu großer Form auf. Er schafft es, unter dem Begriff pragmatischer Humanismus auch unangenehme Botschaften so rüberzubringen, dass sie akzeptiert werden: „Wir müssen sagen, dass für viele, die aus nachvollziehbaren wirtschaftlichen Gründen zu uns kommen, das Asylrecht eine Sackgasse ist.“ Da müsse man restriktiv vorgehen, weil die Aufnahme politisch Verfolgter eben Priorität habe. Doch nur restriktiv seien die Probleme nicht zu lösen, „wir brauchen legale Einreisemöglichkeiten für Menschen vom Balkan.“

Kretschmann plädiert vehement für eine europäische Lösung der Flüchtlingskrise: „Wenn Europa zerbricht, hat das epochale Folgen!“ Er ist nach den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht, wo Frauen eingekreist und sexuell bedrängt worden waren, auch für klare Kante: „Wer mit so einem Verhalten hierher kommt, kann gleich wieder gehen!“ Klare Kante müssten aber genauso die zu spüren bekommen, die Flüchtlingsheime attackieren.

Kretschmann wird gefeiert, wenn er die „unglaubliche Hilfsbereitschaft im Land“ lobt. „Ohne die hätten wir es nicht geschafft!“ Er lässt die Leute schmunzeln, wenn er sagt, die Türkei sei nicht der kommodeste Verhandlungspartner – aber eben ein notwendiger. Und er geißelt Herausforderer Guido Wolf, der sich vor diesen Verhandlungen für eine nationale Lösung aussprach: „Das halte ich nicht für patriotisch, das hat die Position der Kanzlerin geschwächt!“

Der Kampf ums Klima sei keine grüne Spielweise, sondern entscheidend für die Zukunft des Planeten. „Aber Energiewende und grüne Produktlinie dürfen nicht nur ökologisch notwendig, sondern müssen auch ökonomisch sinnvoll sein“, sagt der Ministerpräsident und beschwört die Bedeutung grüner Innovation für den Standort Baden-Württemberg.

Er hat die Lacher auf seiner Seite, wenn er beim Schwerpunkt Bildung sagt, eine „verbindliche Grundschulempfehlung“ sei ein Widerspruch an sich gewesen. „Jetzt ist es eine Empfehlung – wer sich nicht daran hält, hat selbst die Verantwortung, nicht wir!“ Er lässt einen Zwischenrufer, der sich als CDU-Mitglied ausgibt, eine erregte Frage stellen – um ihm nachzuweisen, dass er Schengen- und Dublin-Abkommen verwechsle. Am Ende lobt Kretschmann noch das überragende bürgerschaftliche Engagement im Land, das sonst nirgends so ausgeprägt sei. Dann klatschen die Besucherinnen und Besucher minutenlang und feiern Kretschmann, der kurz darauf nach Tübingen weiterfährt.

Um die Mittagszeit hatte bereits Rainer Knauer von den Familienunternehmern bei Maultaschen und Kartoffelsalat auf der Achalm den Menschen hinter dem Ministerpräsidenten ausgelotet. Er habe durchaus mit dem Begriff „Landesvater“ anfangs Probleme gehabt, sagte Kretschmann. Mittlerweile sei er damit versöhnt, weil die Leute damit jemanden verbinden würden, der mit Besonnenheit Politik mache.

„Bodenständig, aber nicht verhockt“

Gebannt hörte die Unternehmer-Runde zu, wie der frühere 68er-Rebell auf seine radikale Vergangenheit in linken Sekten zu sprechen kam. Irgendwann habe er seinen Irrtum erkannt – und sich radikal von linksradikal getrennt. „Mit so linken Sachen habe ich es seither nicht mehr so“, sagte Kretschmann und erntete Lacher. Heute sei ihm ein großes Anliegen, was diese Gesellschaft mit ihren vielen Subkulturen zusammenhalte. Er sieht auch die Wirtschaft als Partner: „Wir lassen den grünen Drachen steigen, aber die Unternehmen müssen etwas daraus machen. Gerade Familienunternehmer denken nachhaltig.“

Vom bekennenden Katholiken wollte Knauer wissen, welche Fehler die Kirche mache. Die habe seit der Aufklärung versäumt, den modernen Erkenntnisgewinn mit dem Glauben zu vereinbaren. Ein Hauptproblem sei, dass die Kirche nicht offen debattiere – und zwar nicht nur die katholische. „Die evangelische Kirche denkt, weil sie eine Reformation hatte, sei sie reformiert. Doch das ist schon ein paar 100 Jahre her“, sagte Kretschmann, der zuhause einen Schutzengel hat: „Ohne Segen Gottes kann nichts gelingen.“

Überrascht sei er immer wieder, wie viele Angst vor dem Islam hätten. „Aber wer das Abendland retten will, soll sonntags in die Kirche und nicht montags zur Pegida-Demonstration gehen!“ Auch die derzeit starken Umfragewerte für die Grünen unterzog der Ministerpräsident einer theologisch-kritischen Analyse: „Zwischen Hosianna und Kreuzigung lagen auch nur drei Tage!“

Sein Fazit nach knapp 90 Minuten: Schon allein um die Balance zu schaffen zwischen Weiterentwicklung des Industriestandorts Baden-Württemberg und Erhalt des schönen Landes wolle er Ministerpräsident bleiben. „Dieses Grün passt zu Baden-Württemberg: bodenständig, aber nicht verhockt.“

Als die CDU noch 53 und die Grünen 5,3 Prozent hatten

Vor gut fünf Jahren habe er Winfried Kretschmann in der Uhlandhöhe gefragt, ob er sich den Ministerpräsidenten zutraue, erzählte der Reutlinger Grünen-Landtagsabgeordnete Thomas Poreski vor Beginn der gestrigen Rede. „Er hat das bejaht – und nach dem Wahlsieg habe ich jeden Tag dieser fünf Jahre mit ihm genossen“, sagte Poreski, der auch seine eigenen Verdienste im Sozialbereich herausstrich. Kretschmann erinnerte daran, wie seine baden-württembergischen Grünen 1980 mit 5,3 ins Parlament einzogen. „Damals waren wir alle happy!“ Die CDU habe da noch 53 Prozent gehabt. „Es lag außerhalb jeder Vorstellung, dass ein Grüner Ministerpräsident wird“, sagte er. Schon mittags hatte ihn selbst CDU-Mitglied Rainer Knauer von den Familienunternehmern als aktuellen – und auch zukünftigen – Ministerpräsidenten begrüßt.

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Erstellt:
5. März 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
5. März 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. März 2016, 01:00 Uhr

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