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Mobilität von morgen

Signale von ganz hoch oben

Die Reutlinger Industrie- und Handelskammer fördert Geschäftsmodelle aus Weltraumtechnologie. Und dabei steht das kurz vor seiner Vollendung stehende Galileo-Projekt im Zentrum. Doch was man damit schon anstellen kann, füllt Ideenbörsen und motiviert Start-ups. Galileo, das europäische satellitengestützte Navigationsprogramm, ist nicht nur das einzige zivile demokratisch kontrollierte Projekt seiner Art. Dem amerikanischen GPS, dem russischen Glonass und dem chinesischen Beidou soll es mit hochpräzisen Positionsbestimmungen bis auf 20 Zentimeter auch an Genauigkeit überlegen sein.

29.03.2019

Von Bernd Ulrich Steinhilber

Galileo ist die europäische Antwort auf das amerikanische Navigationssystem GPS.Bild: Pierre Carril/ESA

Was sich zwischen der Galileo-Armada im Orbit in 23 222 Kilometern Höhe und weit unten in der Region Neckar-Alb abspielt, ist freilich jetzt schon ein Wettbewerb um Märkte, befeuert vom ESA-Business Incubation Centre (BIC) im Technologiepark Tübingen-Reutlingen und, notabene, der Reutlinger Industrie- und Handelskammer (IHK). „Wir sind an vorderster Front dabei“, sagt nicht ganz ohne Stolz deren Bereichsleiter für Innovation und Umwelt Dr. Stefan Engelhard. „Wir sorgen dafür, dass sich aus Weltraumtechnologien Geschäftsmodelle entwickeln“, um einen riesigen Markt also, der sich munter um die Kleinigkeit eines Positionssignals aus dem Weltall herum entwickelt.

Stefan Engelhard, Bereichsleiter für Innovation und Umwelt bei der IHK Reutlingen. Bild: IHK Reutlingen

Versorgt die Europäische Raumfahrtagentur (ESA) Start-up-Gründerinnen und -Gründer mit der sächlichen Ausstattung, einem Büro für zwei Jahre im BIC und einer Anschubfinanzierung von 50 000 Euro, kümmert sich die IHK um den Nachschub an geeigneten „Galileo Masters“. Als federführende Kammer organisiert sie den jährlich ausgeschriebenen Europäischen Wettbewerb zur Satellitennavigation (ESNC), dessen Gewinner für einen Platz im BIC gebucht sind.

Seit 2007 führt die IHK für das Land Baden-Württemberg den jährlich stattfindenden Ideenwettbewerb aus und seit dem letzten Jahr können bis zu 30 Bewerber ihre Idee im ESA BIC verwirklichen. „Wir schauen nicht nur auf Ideen, auch das Start-up-Team ist uns wichtig“, sagt Engelhard. Ein Panoptikum der Welt von Morgen? Mitnichten. Wir sind schon mittendrin. So lässt sich etwa die Vorhersage von Vulkanausbrüchen mit dem Positionssignal aus dem All optimieren. Ein Versuch am Ätna zeigt das, wo man Ziegen mit einem Halsband, einem Tracker, ausstattet. Und wer ist nun der Sensor? Die Ziegen. Das Verhalten der georteten Tiere lässt Rückschlüsse auf die Aktivität das Berges zu. Ein satellitengestütztes System zur Beobachtung von Vögeln entwickelt derzeit das Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell. Albatrosse, die bis zu 14 Tagen in der Luft bleiben und auf Äquatorebene knapp über dem Wasser fliegen, werden in großem Stil wichtige Wetterdaten liefern.

26 von insgesamt 30 Galileo-Satelliten befinden sich derzeit schon im Orbit. Sie umkreisen die Erde in 23 222 Kilometern Höhe. Bild: Pierre Carril/ESA

Andere Möglichkeiten förderte der letztjährige Wettbewerb zutage. Den ersten Platz der ESNC Baden-Württemberg Challenge belegte 2018 das Projekt SafeRoute der Firma iXpoint Informationssysteme. Das Team hat das Routing per Positionssignal soweit optimiert, dass sich Hindernisse, Bürgersteige und Unterführungen so genau anzeigen lassen, dass sehbeeinträchtigte Menschen sicherer unterwegs sind. Den zweiten Platz belegte Teleportr aus Stuttgart. Das Startup von Linus Linder hat eine Crowd-Plattform-Lösung für die letzte Meile der Paketzustellung entwickelt. Statt nach Hause lässt man sich die Bestellung zu einem Paketshop liefern. Die App erkennt, wenn man daheim anzutreffen ist und das Paket wird zugestellt durch verschiedene Austräger – der Crowd. Auch das vermittelt die App per Satellitensignal automatisch und das funktioniert schon in Teilen Stuttgarts.

Und manches kommt nur zustande, wenn sich die IHK aktiv als Geburtshelfer betätigt. So beim Forschungsprojekt Navka (Navigations-Algorithmen und -plattformen Karlsruhe). Eine neuartige Kopplung verschiedener Sensortypen sorgt für die nahtlose Navigation von Fahrzeugen. Auch hier ist die präzise Satellitenpositionierung der treibende Motor für millimetergenaue Ortsbestimmung. Dass Navka überhaupt zustande gekommen ist, verdankt sich nicht zuletzt der Initiative von Engelhard. Niemand in Baden-Württemberg hatte daran geglaubt, dass sich mit dem Low-Budget-Ansatz mit Billigsensoren wie in Handys und Navka-Algorithmen je ein Geschäftsmodell entwickeln ließe. Doch es ist gelungen und der Volocopter, ein elektrisch betriebenes Flugtaxi, das sich mit einem Joystick steuern lässt, der fliegende Beweis, vorerst freilich nur in Dubai.

„Im Hintergrund“ hatte sich Engelhard „dahintergeklemmt, dass Navka und daraus schließlich der Volocopter starten kann.“ Möglich wurde dies auch, nachdem die IHK 2009 Doktorandenstellen von der Karlsruher Hochschule an die Uni Tübingen vermittelt hatte, um die Algorithmen für das Flugtaxi entwickeln zu lassen.

Galileo lässt grüßen. Und ist nur der Anfang.

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Erstellt:
29. März 2019, 07:44 Uhr
Aktualisiert:
29. März 2019, 07:44 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. März 2019, 07:44 Uhr

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