Tübingen

Theologin Rahner löst Schlagabtausch auf katholisch aus

Ist in der Kirche jeder ein Rassist, der nicht gegen die Diskriminierung von Frauen eintritt? Ein zugespitzter Vergleich der Tübinger Theologin Johanna Rahner hat eine heftige Diskussion ausgelöst.

28.04.2021

Von ELISABETH ZOLL

Die Tübinger Theologin Johanna Rahner. Foto: Ulrich Metz

Die Tübinger Theologin Johanna Rahner. Foto: Ulrich Metz

In der katholischen Kirche ist ein Orkan entfacht. Im Zentrum steht die in Tübingen lehrende Dogmatikprofessorin Johanna Rahner. Diese hatte bei einem Frauenforum der Diözese die Diskriminierung von Frauen in der katholischen Kirche gebrandmarkt und mit Bezug auf die amerikanische Soziologin Robin DiAngelo eine Strukturanalogie zur Diskriminierungen von Schwarzen durch Weiße hergeleitet: Weil Weiße die Auseinandersetzung mit Rassenfragen den People of Colour überließen, lüden sie die Verantwortung bei den Diskriminierten ab, sagte Rahner. Deshalb müssten die Männer die Frage der Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche zu ihrem Thema machen (wir berichteten). Und dann ergänzte sie zugespitzt: „Wenn wir diese Diskriminierung nicht als solche benennen, wird sich daran nichts ändern. Wer aber daran nichts ändern will, ist nichts anderes als ein Rassist.“

Der Satz löste viel Empörung aus. Über die Theologin ergoss sich binnen Stunden eine Flut von Hass-Mails. Auch die Veranstalterinnen des Frauenforums, an dem auch Bischof Gebhard Fürst teilgenommen hatte, wurden angegriffen. Der Passauer Bischof Stefan Oster, ein erklärter Konservativer, lieferte die Munition dafür. Denn er interpretierte frei, was die Theologin scheinbar gesagt haben sollte, dass nämlich ein Rassist sei, wer sich gegen die Weihe von Frauen ausspreche. Das hatte die Tübinger Theologin jedoch so nie formuliert.

Von einer „groben Verzerrung“ ihrer Aussage spricht nun Rahner. Sie gestehe durchaus ein, dass ihre Formulierung „überspitzt war“, aber das, was Bischof Oster nun behaupte, sei schlicht unwahr. Sie wundere sich, dass sich der Bischof nicht um das Originalmanuskript bemüht habe, bevor er in die unterste Schublade gegriffen und auf der Basis eines erfundenen Zitats einen Sturm entfacht habe.

Der Passauer Bischof stellte in einer ersten Reaktion wenig verklausuliert die Freiheit katholischer Medien in Frage wie auch die Lehrberechtigung kritischer Theologen. Oster: „Wir Bischöfe (. . . ) ermöglichen durch unsere Zustimmung die Verwendung von Kirchensteuermitteln für die Finanzierung bestimmter Medien und ermöglichen damit eine große Bühne, auf der wir selbst (ich fühle mich zumindest gemeint) als „Rassisten“ bezeichnet werden dürfen (...) Auch haben wir Bischöfe Mitverantwortung dafür, wer an unseren Fakultäten katholische Theologie unterrichten darf.“ Die Äußerung wurde von Wissenschaftlern und Medienverbänden durchaus als Drohung wahrgenommen.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk verstärkte Oster seine Kritik in Bezug auf Rahner, die auch Vorsitzende des Katholisch-Theologischen Fakultätentages ist: „Wenn jemand aber offensiv Lehren verbreitet, die dem überlieferten Glauben in seinen Fundamenten diametral widersprechen“, sagte er, „wird diese Person hoffentlich selbst überlegen, ob sie noch im Auftrag der Kirche katholische Theologie unterrichten und verantworten kann.“

Johanna Rahner: Nur auf der Basis des erfundenen Zitats könne sie Bischof Oster als nicht-katholisch kritisieren. Gleichwohl räumt die Theologin angesichts der dadurch entfachten Debatte ein, die Zuspitzung nicht noch einmal aufzugreifen. Die Gefahr des absichtlichen Missverstehens oder der Verzerrung sei zu groß. Mit Oster will sie noch im Laufe der Woche sprechen. Sie erwartet, dass er dann seine Äußerungen korrigiert.

Die Initiatorinnen des Frauenforums werfen ihrerseits Bischof Oster vor, Stimmung zu machen. In einem offenen Brief formulieren sie: „Von einem habilitierten Theologen (...) erwarten wir ein höheres Maß an Genauigkeit und Differenzierung in Argumentation und Aussagen. Die von Ihnen bekannt gewordenen Sätze und Hinweise dienen zumindest nicht der Versöhnung. Sie wirken als Keil, der die Spaltung der Kirche weiter vertieft.“

Auch die frühere Vatikan-Botschafterin Annette Schavan stellte sich in einem Deutschlandfunk-Interview auf die Seite der Dogmatikprofessorin. „Johanna Rahner ist eine Theologieprofessorin und nicht Mitglied des diplomatischen Dienstes. Sie muss klare Worte sagen können.“ Die Qualität einer Institution zeige sich auch daran, wie über ein Thema gestritten wird.

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Erstellt:
28.04.2021, 06:00 Uhr
Lesedauer: ca. 2min 52sec
zuletzt aktualisiert: 28.04.2021, 06:00 Uhr

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