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Wohlstand durch Frieden!

Schatz des Monats Juni: eine Bronzestatue der Eirene und die antike Tagespolitik

In unserer Reihe „Schatz des Monats“ präsentieren die Kustod(inn)en des Museums Schloss Hohentübingen die besten Stücke der Dauerausstellung Alte Kulturen. In diesem Monat: Eirene.

01.06.2016

Von Kathrin B. Zimmer

Tübingen. Im Rittersaal des Schlosses Hohentübingen begegnet dem Besucher eine hochgewachsene Frauengestalt in lang auf die Füße herabfallendem Peplos, mit Szepter in der rechten und üppig gefülltem Füllhorn in der linken Hand. Dekorativ fallen die offenen Korkenzieherlocken auf Brust und Rücken herab. Eindrucksvoll steht sie dem Betrachter gegenüber, doch scheint sie ihn gar nicht zu bemerken, gilt doch ihr gesamtes Interesse dem kleinen nackten Knaben, der auf ihrem linken Arm sitzt, zu ihr aufschaut und ihr ans Kinn greifen möchte. Die innige Beziehung zwischen beiden Figuren verleitet nur allzu schnell zu der Annahme, es handle sich hierbei um eine göttliche Mutter und ihren unsterblichen Sohn, erst auf den zweiten Blick ist ihre eigentliche Aussage zu erkennen.

Zu Ehren der

Stadtgöttin

Identifiziert wurde die Frauenstatue, mit der erst 1881 der Knabe kombiniert werden konnte, schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit Hilfe von Münz- und Vasenbildern. So findet sich die Statuengruppe bereits seit circa 360 v. Chr. auf den sogenannten attischen Preisamphoren, also den berühmten Vasen, die – mit Öl gefüllt – als Siegespreis bei den alle vier Jahre in Athen zu Ehren der Stadtgöttin veranstalteten Festspielen überreicht wurden.

Diese Gefäße zeigen neben der Göttin Athena gerne real existierende Monumente aus dem Stadtbild Athens. In der römischen Kaiserzeit ist die Statuengruppe dann auch auf attischen Münzen abgebildet. Zu den bildlichen Quellen gesellen sich zwei literarische: Pausanias überliefert in seiner Reisebeschreibung Griechenlands, der Künstler Kephisodot habe den Athenern ein Bildwerk geschaffen, das Eirene mit Plutos auf dem Arm zeige, und dieses sei im Westteil der Agora, also des zentralen politischen Marktplatzes, aufgestellt gewesen. Literarisch belegt ist weiterhin die Einrichtung eines Kultes für Eirene anlässlich des Seesieges des Timotheos gegen Sparta bei der Insel Leukas (375 v. Chr.). Kombiniert man diese Quellen, so lässt sich die Errichtung der Statuengruppe in das Jahr 374 v. Chr. anlässlich des panhellenischen Friedens von Mantineia datieren. Doch welche Aussage steht hinter dem Götterbild?

In der griechischen Mythologie ist keineswegs Eirene („Friede“) die Mutter von Plutos („Reichtum“), sondern vielmehr Demeter, die Göttin des Getreides. Dies ist nur allzu naheliegend, erinnert man sich, dass der Wohlstand Athens auch aus den üppigen Getreidefeldern Attikas herrührte. Zudem ist die Frauenfigur nach antiker Ikonographie eindeutig nicht als Mutter gekennzeichnet: Langes offenes Haar und Peplos sind vielmehr Kennzeichen eines Mädchens. Die Friedensgöttin nimmt hier also die Funktion einer Kourotrophos ein, einer Art Amme, die das ihr anvertraute Kind nicht allein in den ersten Monaten ernährt, sondern vielmehr dauerhaft großzieht.

Abstrahiert man diese mythologische Figurenkonstellation, so formuliert die Statuengruppe einen eindringlichen Appell an die Bürger Athens: Nur der Friede kann im Ansatz vorhandenen Reichtum fördern, nur in Friedenszeiten ist es Athen möglich, seinen aus der Agrarwirtschaft stammenden Wohlstand auszubauen. Dass die Athener Gesellschaft für solche Fragestellungen sensibilisiert war, zeigt auch Aristophanes‘ Komödie Plutos, die im Jahr 388 v. Chr. aufgeführt wurde. Anlässlich des Friedensschlusses mit Sparta ergeht nun der Aufruf, diesen Frieden auch dauerhaft zu erhalten.

Ursprünglich stand

sie in Rom

Die Bronzestatue der Athener Agora ist zwar verloren, doch hat sich ihr Aussehen in römischen Marmorkopien bewahrt, von denen die vollständigste heute in der Münchner Glyptothek steht, für die sie 1815 von Ludwig I. in Paris bei Auflösung des Musée Napoleon erworben wurde. Ursprünglich stand sie in Rom in der Antikensammlung des Kardinals Albani, des Gönners von J. J. Winckelmann. Die Tübinger Abguss-Sammlung präsentiert die Figurengruppe als bronzierten Abguss, der das Aussehen des Originals aus der Hand des Kephisodot anschaulich rekonstruiert.

Der bronzierte Gipsabguss rekonstruiert das Aussehen der originalen Bronzestatue der Eirene mit Plutos. Bild: MUT/Valentin Marquardt

Schätze Alter Kulturen

Das Museum der Universität Tübingen (MUT) vereint die größte Zahl an Universitätssammlungen im deutschsprachigen Raum. Nach einer aktuellen Modernisierung präsentiert das MUT die Alten Kulturen auf Schloss Hohentübingen nun auch im neuen Licht. Hier werden derzeit etwa 4000 Objekte von der Urgeschichte über die Klassische Antike bis zu den außereuropäischen Weltkulturen präsentiert. Öffnungszeiten: mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, donnerstags von 10 bis 19 Uhr.

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Erstellt:
1. Juni 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
1. Juni 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Juni 2016, 01:00 Uhr

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