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Beim Turteln inflagranti erwischt

Rudolf Schneiders Eisvögel kamen beim Bezirksfotowettbewerb auf den ersten Platz

Sehr, sehr lange warten und dann im richtigen Moment auslösen: Mit dieser Methode macht Rudolf Schneider die schönsten Fotos von Tieren im Steinlachtal. Eine gute Kamera und ein armlanges Teleobjektiv helfen ihm dabei.

01.01.2016

Von susanne mutschler

Erst passiert stundenlang nichts, dann zählt jede Sekunde: Rudolf Schneider mit seinem preisgekrönten Foto der Eisvögel.Bild: Franke

Mössingen . Der Eisvogelbräutigam stürzt sich kopfüber in die Steinlach und taucht nach einem Fischlein. Dann bringt er sich auf einem Ast erstmal wieder in präsentablen Zustand und überbringt den Fang seiner Auserwählten als Brautgeschenk. Anschließend sorgt er – wie Rudolf Schneiders Foto unverkennbar zeigt – für den Fortbestand seiner Art. Bevor sich das Paar gemeinsam dem Bau einer Bruthöhle in der steilen Bachböschung zuwendet, wiederholt sich dieses galante Treiben etliche Male.

Viele Wochenend-Stunden hockte der Mössinger Fotograf im April 2014 in einem kleinen Tarnzelt auf der gegenüberliegenden Steinlachseite und beobachtete die Eisvögel, wie sie viel Zeit auf den Nestbau und wenig auf ihr Liebesspiel verwendeten. „Nach zwei Sekunden ist das ganze Ding vorbei“, stellte er fest. Dass er die beiden im entscheidenden Moment auch noch im Profil erwischte, sieht er als besonderen Glücksfall. „Eigentlich ist das Foto ein Schnappschuss“ sagt er. Für diese Aufnahme hat der 59-jährige Fotoservice-Techniker im November beim Bezirksfotowettbewerb „Schwäbische Alb“ den ersten Platz in der Einzelwertung bekommen. Den Juroren – und auch ihm selbst – gefallen am Motiv vor allem die Kombination von Schärfe und Unschärfe. Das Weibchen ist bis zur winzigsten Feder präzise abgebildet. Von den aufgeregt flatternden Flügeln des landenden Männchens dagegen ist nur ein verschwommener Farbenwirbel zu sehen.

Dass die seltenen, in ihrer prächtigen Färbung fast exotisch wirkenden Vögel in dem Abschnitt zwischen der Talheimer Brücke und dem Friedhof nisten, wusste Schneider vom Mössinger Naturfilmer Dietmar Nill. Neid oder Konkurrenz gebe es unter den Naturfotografen nicht, sagt er dazu. „Wir geben uns untereinander Tipps“.

An Schneiders Camouflage-Zelt gewöhnten sich die Eisvögel schnell. „Man darf halt keine hektischen Bewegungen machen.“ Wenn er im Inneren auf seinem Klappstuhl kauert und mit dem Objektiv durch die seitlichen Öffnungen späht, vergisst Schneider alles um sich herum. Manchmal merkt er kaum, wie ihm die Beine einschlafen. Doch sobald die Schreie der blitzschnell anfliegenden Vögel zu hören sind, steigt sein Adrenalinspiegel steil an. „Im richtigen Augenblick muss man hellwach sein“, sagt er.

Schneider bekam seinen ersten Fotoapparat zur Konfirmation. Seitdem hat ihn das Fotografieren nie mehr losgelassen. Mit 17 Jahren begann der gelernte Feinmechaniker mit einer Spiegelreflexkamera zu experimentieren. Inzwischen ist er längst auf Digitalfotografie umgestiegen. Von den Möglichkeiten der nachträglichen Bildbearbeitung hält er dennoch nicht viel. „Ich schaue, dass es gleich beim Fotografieren stimmt.“ Schon als Junge war der in Öschingen aufgewachsene Rudolf Schneider am liebsten draußen in der Natur. Seine Liebe zur heimischen Flora und Fauna vertiefte sich durch 32 Jahre Mitgliedschaft im Nabu und die Lektüre von vielen vogelkundlichen Werken. Wer Tiere fotografieren will, „muss sich mit ihren Verhaltensweisen auskennen“, weiß der Hobby-Ornithologe.

Für 2016 hat er einen „Streuobstkalender“ mit eigenen Fotografien zusammengestellt. Um das Wiesel zu erwischen, das auf der Februarseite mit einer Wühlmaus im Maul durchs Bild rast, sei er „ein paar Samstage lang“ auf einer Balinger Wiese gesessen. Der Rehbock für den Monat März scheint – durch das lichtstarke Teleobjektiv aufgenommen – über dem Grün der Farrenberg-Wiese zu schweben. Er habe sich so vorsichtig über den Feldrain angeschlichen, „dass der keine Witterung aufnehmen konnte“. Seit die Strecke als Premiumwanderweg immer mehr Publikum anzieht, seien die Rehböcke dort so gut wie verschwunden, bedauert er. Für den Mai hat Schneider am Öschinger Firstberg einen Gartenrotschwanz auf sein Foto gebannt. Der Vogel mit dem Insekt im Schnabel hängt wie jäh im Flug gestoppt in der blauen Luft. Für dieses Foto wählte Schneider eine Belichtungszeit von 1600tel Sekunde. Trotzdem habe er viele Fehlversuche gehabt.

Auf seinen Fotosafaris durch das Steinlachtal fand Schneider heraus, dass ein parkendes Fahrzeug von den Tieren wesentlich weniger irritierend wahrgenommen wird als ein fotografierender Spaziergänger. Seitdem ist er gerne im Auto unterwegs. Am Seitenfenster seines Wagens hängt er dazu eine stabile Metallvorrichtung ein, auf der die Kamera festgeschraubt wird. Auf diese Weise wurden der Halsbandschnäper aus den Mössinger Obstwiesen, der hoch interessiert dreinschauende Öschinger Feldhase und der junge Fuchs vom Farrenberg im Bild festgehalten. Ein Grünspechtpaar, das von beiden Seiten gleichzeitig auf einen Baumstamm einhämmert, rechnet Schneider zu den glücklichen Zufällen in seinem Fotografendasein.

Fast jeden Sonntag ist er in aller Herrgottsfrühe mit seiner Kamera im Steinlachtal unterwegs. Für ihn ist längst ausgemacht, dass Langschläfer etwas verpassen. „Sie wissen gar nicht, was es für hübsche Vögel in Mössingen gibt.“

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Erstellt:
1. Januar 2016, 21:35 Uhr
Aktualisiert:
1. Januar 2016, 21:35 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Januar 2016, 21:35 Uhr

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