Was man vielleicht schon hat

Reutlinger Tonne: Eindrucksvolle Premiere des Schülerstücks „Glücksträumerei“

Als es dunkel wird im Tonne-Gewölbe, breitet sich so glaubhaft die Atmosphäre eines beklemmend verlassenen Ortes aus, dass einem ein bisschen unheimlich werden kann. Eine schmale Gestalt, das Gesicht halb unter einer Kapuze verborgen, bewegt sich verstohlen durch die Szenerie (Marie Zils als Tom). Ausgerechnet in diesem ungeschützten Raum wird Mira (Charleen Lowack) von ihrem Freund Lionel (Kristof Klein) bedrängt, ihm beim Einbruch in die Boutique ihrer Mutter zu helfen.

12.05.2016

Von DOROTHEE HERMANN

Reutlingen. Die Uraufführung des Stücks „Glücksträumerei“ der 16-jährigen Lena Hilf im Reutlinger Tonne-Theater wurde am Dienstagabend begeistert aufgenommen. Die Schülerin vom Tübinger Wildermuth-Gymnasium splittet ihre Hauptfigur in drei mehr oder weniger unterschiedliche Personen – in einer Nacht, in der das Mädchen zum ersten Mal ganz auf sich selbst angewiesen ist. Folgerichtig treten drei Darstellerinnen auf: Mal schaut Mira in einer Rückblende ein erwachseneres Selbst über die Schulter. Wenn Mira 2 (Leonie Gottschald) mit ernstem Gesicht kommentiert, was anscheinend bereits in der Vergangenheit liegt, stellt sich die paradoxe Frage, in welcher Zeit sich eigentlich abspielt, was auf der Bühne zu sehen ist. Dann wieder erscheint zu einer süß klimpernden Plinker-Plinker-Musik eine Art orientalische Fee (Lea Letsche als Arim) und konfrontiert Mira genau mit den Fragen, vor denen die sich drückt.

Die Bühne ist abstrakt-minimalistisch und dabei so einfach wie suggestiv: Drei quadratische Stahlgitter übereinander geschichtet, darauf ein Objekt, das ein Flatscreen sein könnte, eine Raumskulptur oder eben die Bank vor dem Bahnhof. Auch eine Stadt bei Nacht ließ sich assoziieren, der sogenannte öffentliche Raum als Leerstelle, oder das Erwachsenwerden als zeitweise ziemlich unheimlicher Ort (Bühne und Regie: Karen Schultze).

Die junge Autorin war nach der Premiere ziemlich überwältigt. „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl“, meinte sie. „Ich hätte nicht gedacht, wie viel man aus dem Stück herausholen kann.“ Zu den Figuren mochte sie nichts sagen. „Sie haben eine Eigendynamik.“ Und: „Das ist, wie wenn man J.K. Rowling fragt, was mit Harry Potter passiert, wenn er 80 ist.“

Das Spiel mit Traum und Realität hat sie besonders fasziniert. „Ich finde es sehr interessant zu überlegen, was ist eigentlich wirklich? Was ist echt?“, sagte die Schülerin. Glück sei für sie nicht etwas Fernes, das es zu erreichen gilt, sondern etwas, das man vielleicht schon hat.

Info Weitere Aufführungen sind heute Abend und am morgigen Freitag, 13. Mai, jeweils um 20 Uhr, sowie am Samstag, 14. Mai, um 16 Uhr im Tonne-Theater im Reutlinger Spitalhof.

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Erstellt:
12. Mai 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Mai 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2016, 01:00 Uhr

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