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Tübingen · Reparaturcafé

Reparieren statt entsorgen: Geht da noch was?

An einem Abend pro Monat können im Tübinger Werkstadthaus kaputte Gegenstände kostenlos und gemeinschaftlich repariert werden.

30.08.2019

Von Felix König

Besucher Toni Hetzel-Krauss und Reparateur Jakob Schenk tüfteln gemeinsam an einer kaputten Nähmaschine. Bild: Felix König

„Wir sind nicht hier, weil wir Geld verdienen wollen, sondern weil wir Spaß daran haben zu reparieren und voneinander zu lernen“, sagt Naomune Haii. Er arbeitet hauptberuflich als Community Builder an der Hochschule Reutlingen – und ehrenamtlich als Reparateur im Tübinger Reparaturcafé. An jedem letzten Mittwoch im Monat von 18 bis 21 Uhr kann jedermann kostenlos und ohne Voranmeldung seine kaputten Geräte ins Werkstadthaus mitbringen. Die ehrenamtlichen Helfer versuchen sich dann gemeinsam mit ihren Gästen an der Reparatur. „Uns ist wichtig: Niemand soll seine Sachen einfach bei uns abgeben, sondern jeder soll dabei lernen und Spaß haben“, erklärt Haii.

Alles außer Autos und Waschmaschinen

Das Spektrum der Gegenstände, die ins Reparaturcafé mitgebracht werden können, ist äußerst vielfältig: In der Abteilung Elektronik/Mechanik werden beispielsweise defekte Kaffeemühlen, Kopfhörer, Lampen, Küchengeräte, CD-Spieler, Röhrenradios und Plattenspieler repariert, im Bereich Metall kümmert man sich unter anderem um Wäscheständer, Fahrräder und Tretroller, in der Holz-Abteilung um kaputte Stühle und Holzspielzeuge, außerdem nimmt man sich auch defekter Nähmaschinen, Smartphones und Laptops an und näht kaputte Kleidungsstücke.

„Unsere einzige Einschränkung lautet: Keine Kühlschränke, keine Waschmaschinen, keine Autos“, sagt Haii lachend. Wer sich nicht sicher ist, ob sein kaputter Gegenstand für das Werkstadthaus geeignet ist, kann sich per E-Mail an reparaturcafe@werkstadthaus.de vorab erkundigen.

Nähmaschinen sind ein Dauerbrenner

Besonders viele Gäste kommen mit defekten Nähmaschinen ins Reparaturcafé. Zu ihnen gehört Toni Hetzel-Krauss, der gemeinsam mit dem fachkundigen Reparateur Jakob Schenk an seiner alten Husqvarna-Maschine tüftelt. Der Grund: Es gibt kaum noch gewerbliche Reparateure für Nähmaschinen– und wenn, dann wird die Reparatur schnell zu einer kostspieligen Angelegenheit.

Im Reparaturcafé hingegen spendet jeder so viel, wie er für angemessen hält. Für finanzielle Spenden steht ein Kässchen bereit, alternativ werden aber auch immer wieder Kuchenspenden mitgebracht. „Jeder soll als Anerkennung für unsere Arbeit das spenden, was er kann und möchte“, sagt Haii. Die Reparateure arbeiten alle ehrenamtlich und dürfen als Dankeschön kostenlos essen und trinken. Eine Fachausbildung wird von ihnen nicht erwartet – jeder, der reparieren will, ist willkommen.

Gäste aus der ganzen Region

Entsprechend sind die Mitarbeiter hinsichtlich ihres beruflichen Hintergrundes bunt gemischt. „Wir sind relativ lose organisiert: Man kann sich einfach online eintragen, wann man Zeit hat“, erklärt Haii. Im Schnitt kommen 10 bis 15 Reparateure und 30 bis 50 Gäste pro Termin ins Reparaturcafé. „Es gibt Stammgäste, die wirklich jedes Mal kommen – und manche kommen nur einmal, wenn sie eben gerade etwas zu reparieren haben“, so Haii. Nicht nur Tübinger nutzen das Angebot: Viele reisen auch aus Reutlingen, Rottenburg oder gar aus Horb an.

Die Abläufe im Reparaturcafé folgen einem festen Schema: Jeder Gast trägt sich als Erstes mit Name, Wohnort und mitgebrachtem Gerät in eine Liste ein. Außerdem bestätigt er, die Hausordnung gelesen und verstanden zu haben. Für jeden Gegenstand wird ein eigener Laufzettel ausgefüllt. Anschließend nimmt der Besucher in einem Wartebereich Platz und kann sich an Kaffee, Kuchen und Abendessen bedienen, bis er an der Reihe ist. Dann tüfteln Besucher und Reparateur gemeinsam an der Reparatur des Gegenstandes – und lernen im Idealfall beide voneinander.

Nach getaner Arbeit werden die Laufzettel der Gegenstände an einer Pinnwand in die Kategorien „komplett repariert“, „teilweise repariert“ oder „nicht repariert“ einsortiert. Denn natürlich können auch die Reparaturfachleute nicht jeden mitgebrachten Gegenstand retten. „Es geht nicht um die perfekte Lösung, sondern um Spaß und Freude“, sagt Haii. „Für mich ist es das Schönste, wenn Leute ihre alten Schätze wiederbeleben.“

Über das Tübinger Werkstadthaus

Im Jahr 2002 wurde das Werkstadthaus in der Aixer Straße 72 (gegenüber der Hindenburgkaserne) von einer Bewohnerinitiative gegründet. Seitdem bildet es den Stadtteiltreff des Französischen Viertels und eine offene Werkstatt in einem. Betreiber ist der Tübinger Verein „Werkstatt für Eigenarbeit“. Zu den Angeboten im Werkstadthaus zählen unter anderem Kurse in den Bereichen Holz, Fahrrad, Metall, Textil und Ton, das Eltern-Kind-Café Fränzchen (immer donnerstags), die Kindertonwerkstatt (immer freitags) und das Reparaturcafé (jeden letzten Mittwoch im Monat). Außerdem können die Räumlichkeiten auch für private Veranstaltungen gemietet oder von anderen Initiativen und Vereinen genutzt werden.

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Erstellt:
30. August 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
30. August 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. August 2019, 01:00 Uhr

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