Nachhaltig

Plötzlich wollen alle die Welt retten

Wie legt man Geld so an, dass es nicht nur das eigene Kapital vermehrt, sondern für gute Zwecke in der Gesellschaft oder die Umwelt arbeitet? Bernd Villhauer ist Geschäftsführer des Tübinger Weltethos-Instituts und Experte für diese Frage.

17.12.2021

Von TEXT: Gernot Stegert|FOTOS: Unternehmen, IStockphoto.com/Petmal

Geld stinkt nicht, sagt ein altes Sprichwort der Lateiner. Wohl aber dünsten manche Verwendungen von Kapital schlecht aus – etwa bei Rüstungsfirmen oder Kohle-Konzernen. Wie geht es besser? Gernot Stegert sprach mit Bernd Villhauer vom Weltethos-Institut.

Alle reden von nachhaltigen, ethischen oder grünen Geldanlagen. Was versteht man eigentlich darunter?

Nachhaltige Geldanlagen zielen nicht nur auf Rendite, sondern mit ihnen sollen positive gesellschaftliche oder ökologische Wirkungen erreicht werden. Meist orientiert sich das an den ESG-Richtlinien: „E“ für „Environment“, also Umwelt, „S“ für „Social“, also sozial, und „G“ für „Governance“, also gute Unternehmensführung. Allerdings gibt es noch keine allgemein anerkannten und verbindlichen Richtlinien dafür, was als „nachhaltig“ bezeichnet werden darf. Es sollte also genau hingeschaut werden, welche Wirkung tatsächlich erzielt wird.

Oft sind Anlagen nicht gut, sondern nur nicht schlecht. Etwa ein Aktiendepot oder Fonds ohne Waffen produzierende Unternehmen oder ohne Kohle oder Atomenergie. Was ist eine gute Anlage?

Sie sprechen an, dass lange mit sogenannten Negativlisten gearbeitet wurde. Das bedeutet, dass nicht in problematische Bereiche wie Tabak, Waffen, Pornographie oder Atomstrom investiert werden sollte. Allerdings reicht es oft nicht, das Schlechte zu lassen, man muss auch das Gute tun.

Und hier kommen die Anlagen ins Spiel, die zum Beispiel bewusst Firmengründungen im Bereich der Umwelttechnologie fördern oder Finanzanbieter, die in ärmeren Ländern investieren und dabei nicht nur Beiträge zur dortigen Entwicklung leisten, sondern oft auch hochprofitabel arbeiten. Zudem ist es wichtig, diejenigen Unternehmen zu begleiten, die gerade dabei sind, sich zu verändern und zum Beispiel ihren CO2-Ausstoß verringern. Es geht nicht nur um die „Guten“, sondern auch um jene, die sich auf den Weg machen, besser zu werden. Manchmal wäre es gerade wichtig, als kritischer Investor in „schmutzige“ Firmen zu investieren und die Unternehmensstrategie zu beeinflussen. Dazu haben die großen Kapitalsammelstellen (wie Black-Rock) durchaus die Macht.

Wie oft wird den Anlegern etwas vorgegaukelt, wird also nur grün gewaschen?

Das ist schwer zu quantifizieren. Jenseits der aktuellen Skandale – wie kürzlich bei der Deutsche Bank-Tochter DWS – gibt es jedenfalls eine wundersame Vermehrung der angeblich „grünen“ Anlagen. Plötzlich wollen alle Banken und Fondsanbieter die Welt retten. Ich persönlich würde schätzen, dass 60 bis 70 Prozent der als nachhaltig angepriesenen Produkte einer näheren Prüfung nicht standhalten.

Wie erkennt man das?

Besonders skeptisch sollten wir sein, wenn diejenigen Finanzakteure, die noch nie mit Nachhaltigkeit zu tun hatten, plötzlich lauter „ethische“ Produkte aus dem Hut zaubern. „Greenwashing“ nennt man so ein Vorgehen – und das Umfüllen von altem Wein in neue Schläuche hat gerade Hochkonjunktur. Es ist schön, wenn sich in der Finanzbranche etwas tut und immer mehr auf die grüne Nachfragewelle reagieren – aber für Sie sind diejenigen besonders hilfreich, die sich schon lange mit nachhaltigen Finanzprodukten beschäftigen.

Suchen Sie Partner mit Erfahrung und ausgewiesener Kompetenz. Schauen Sie sich also genau an, was die entsprechenden Anbieter vor 5, vor 10 oder vor 15 Jahren gemacht haben. Denn schon damals waren die ökologischen Probleme drängend – nur hat es in den Finanzhäusern kaum jemanden interessiert. Wer aber damals schon aktiv war und Umwelt- oder Sozialfonds aufgelegt hat, der verdient eher unser Vertrauen.

Worauf sollte ein Anleger, eine Anlegerin achten?

Sehen Sie sich die Geschichte der Produkte und der Anbieter an. Arbeiten Sie mit Firmen zusammen, die Nachhaltigkeit als Teil der Firmenstrategie und nicht nur im Marketing haben. Prüfen Sie kritisch die Angaben und ziehen Sie unabhängige Ratgeber wie die Zeitung der Stiftung Warentest („Finanztest“) zu Rate. Und lassen Sie sich nicht von dicken Zahlenwerken und der Fachsprache abschrecken. Das alles ist kein Hexenwerk, obwohl sich die Finanzbranche gerne mit komplizierten Begriffen schmückt. Ich schreibe selbst an einem Ratgeber für den Hirzel Verlag in Stuttgart, der Licht ins Dunkel bringen soll. Da gibt es dann eine Checkliste, mit der sich „Greenwashing“ vermeiden lässt und die ich bei der VHS Tübingen nächstes Jahr vorstelle.

Wichtig ist auch, dass die beabsichtigte Wirkung (der „Impact“) einer Anlage beschrieben wird. Stellen Sie die Frage: Was genau bewirkt mein Geld in der Welt? Wenn Sie darauf keine Antwort bekommen, dann ist es Zeit, neue Gesprächspartner zu suchen, auch unter interessierten „Laien“, also Bürgerinnen und Bürgern, die ebenfalls verantwortlich Geld anlegen wollen. Hier gibt es schon zahlreiche Communities.

Sind Sie mit den rechtlichen Rahmenbedingungen zufrieden? Muss die Politik mit Gesetzen nachbessern, für Transparenz sorgen?

Es tut sich viel, aber die Prozesse brauchen ihre Zeit, manchmal sehr viel Zeit. Auf europäischer Ebene haben wir seit März eine Offenlegungsverordnung zu ESG-Produkten. Da gibt es dann solche mit geringem oder keinem Nachhaltigkeitsanspruch („Artikel 6“), solche, die Umwelt- oder soziale Kriterien berücksichtigen („Artikel 8“) und schließlich die, mit denen explizit und nachweisbar positive Wirkungen verfolgt werden („Artikel 9“). Das bringt schon eine gewisse Orientierung, muss aber noch verfeinert und konkretisiert werden.

Auch die deutsche BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) hat Kriterien für nachhaltige Finanzprodukte festgelegt und von der scheidenden Bundesregierung liegt eine Liste von 26 Maßnahmen zur Unterstützung nachhaltiger Finanzierungsformen vor. Es soll zum Beispiel eine „Finanzampel“ geben, mit der alle Verbraucherinnen und Verbraucher sofort sehen können, wie nachhaltig ein Angebot ist. Wir werden sehen, ob die Ampel-Koalition dieser Ampel eine Chance gibt.

Was fordern Sie?

Ich fände es richtig, wenn die deutsche Aufsichtsbehörde BaFin mehr nach dem Vorbild der US-amerikanischen SEC (Securities and Exchange Commission) mit härteren Sanktionen gegen die vorgehen würde, die offensichtlich irreführend Nachhaltigkeit vorspiegeln. Denn es ist zwar manchmal nicht leicht, zu sagen, was tatsächlich nachhaltig wirkt. Aber es ist oft sehr schnell zu erkennen, wenn ein altes Produkt einfach neu verpackt wurde oder jeglicher Wirksamkeitsnachweis fehlt. Dazu brauchen wir aber Gesetzgeber und Aufsichtsbeamte mit Sachkenntnis und Mut.

Bernd Villhauer, Gchäftsfüfile://172.16.11.180/OPI/Bilder/screen/640_0008_1353187_Bild_Vil_49690.jpghrer des Weltethos-Instituts

Zur Person Bernd Villhauer

Bernd Villhauer ist seit Januar 2015 Geschäftsführer des Weltethos-Instituts. Geboren 1966, studierte er nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann Philosophie, Altertumswissenschaft und Kunstgeschichte an den Universitäten Freiburg, Jena und Hull. Nach seiner Promotion zu einem kulturphilosophischen Thema war er im Verlags- und Medienbereich tätig, zuletzt als Lektoratsleiter der Tübinger Verlagsgruppe
Narr Francke Attempto. Er ist Mitbegründer des Instituts für Praxis der Philosophie in Darmstadt, leitet das Lab „Good Leadership“ an der
European School of Governance und die Forschungsgruppe Finanzen und Wirtschaft am Weltethos-Institut. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Nachhaltigen Finanzen, Geldtheorie und Finanzethik.

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Erstellt:
17. Dezember 2021, 07:52 Uhr
Aktualisiert:
17. Dezember 2021, 07:52 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Dezember 2021, 07:52 Uhr

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