Corona

Omikron-Variante: ein Wettlauf gegen die Zeit

Die Omikron-Variante erreicht immer mehr Länder, Reisebeschränkungen können sie nur bremsen. Die entscheidende Frage ist: Wie gefährlich ist die Mutante?

29.11.2021

Von Hajo Zenker

Flughafen Kapstadt: Nur noch wenige Schalter sind offen. Doch Reisebeschränkungen können das Virus nicht aufhalten. Foto: K. Palitza/dpa

Die neue Corona-Variante namens Omikron ist auf dem Vormarsch und löst weltweit Besorgnis aus. Das hat Auswirkungen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Wie weit hat sich Omikron bereits ausgebreitet? Obwohl Südafrika die Welt sehr schnell über die neue Mutante informiert hatte, konnte die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Omikron getaufte Variante B.1.1.529 Afrika bereits verlassen und ist etwa in Großbritannien, Belgien, Tschechien, Italien und Australien aufgetaucht. In Deutschland wurde bei einem Ehepaar aus Bayern, das nach einem längeren Aufenthalt in Südafrika in München gelandet war, laut dem Virologen Oliver Keppler Omikron „zweifelsfrei“ nachgewiesen. In Hessen hat sich der Verdacht bei einem Reiserückkehrer aus Südafrika laut Sozialminister Kai Klose (Grüne) bestätigt. Der bekannteste US-Immunologe Anthony Fauci hält es für möglich, dass Omikron auch schon in den USA ist. Die weltweite Verbreitung sei letztlich fast unvermeidlich. Reiseeinschränkungen könnten lediglich Zeit verschaffen, um mehr über die Variante zu erfahren.

Ist Omikron denn eine besondere Gefahr? Es mehren sich die Hinweise, dass diese Variante, so die Virologin Ulrike Protzer, „sehr ansteckend ist, noch mal ein Stück ansteckender als Delta“. Laut dem Epidemiologen Tulio de Oliveira, der das Institut leitet, das die Mutante identifizierte, hat sich Omikron in weniger als zwei Wochen bei den Neuinfektionen in Südafrika durchgesetzt und macht aktuell etwa 75 Prozent der Ansteckungen aus. Für die deutsch-britische Professorin Christina Pagel, die sich am University College London mit mathematischen Modellierungen im Gesundheitswesen befasst, legt die enorme Zunahme nahe, dass Omikron bei der Verbreitung „signifikante Vorteile“ gegenüber Delta habe. Ob Omikron aber auch gefährlicher ist, scheint noch unklar. Auch wenn der Virologe Friedemann Weber angesichts der Vielzahl von Mutationen formuliert: „Das Ding ist bis an die Zähne bewaffnet.“

Die WHO hat Omikron inzwischen als „besorgniserregend“ eingestuft, und die EU-Gesundheitsbehörde ECDC spricht von ernsthaften Sorgen, dass die Variante die Wirksamkeit der Impfstoffe erheblich verringern und das Risiko von Reinfektionen erhöhen könne. Nach Biontech hat auch Moderna mit der Arbeit daran begonnen, seinen mRNA-Impfstoff an Omikron anzupassen. Dieser könne Anfang 2022 in großem Maßstab hergestellt werden. Die bisher in Südafrika an Omikron Erkrankten haben aktuell eher milde Verläufe – es sind bisher aber vor allem junge Patienten betroffen. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach weist darauf hin, dass in Südafrika nur sechs Prozent der Bevölkerung älter als 65 sind. Deutschland aber sei das „älteste Land Europas mit vielen chronisch Kranken“.

Was bedeutet Omikron für Deutschland? Die Zahlen dürften noch steigen. Weshalb der Virologe Martin Stürmer fordert, alle aus dem südlichen Afrika Einreisenden strikt in Quarantäne zu schicken. Denn jeder Einzelfall habe das Potenzial, „größere Infektionsketten in Gang zu setzen“. Nach Ansicht der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften, macht Omikron „klare und stringente Maßnahmen nach einheitlichen Kriterien“ noch dringlicher. Gefordert werden „umfassende Kontaktbeschränkungen“ ab sofort „für wenige Wochen“, 30 Millionen Booster-Impfungen bis Jahresende und eine Impfpflicht für medizinisches Personal und Pflegekräfte. Der geschäftsführende Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kündigte unterdessen an, die Impfpflicht für Kliniken und Heime noch vor Weihnachten umsetzen zu wollen.

Großveranstaltungen, die man nach Ansicht von RKI-Chef Lothar Wieler generell absagen sollte, bleiben trotz der immer höheren Inzidenzen aber Realität. So hatte das Kölner Gesundheitsamt 50 000 Zuschauer zum Derby in der Bundesliga zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach zugelassen. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt zeigt „null Verständnis“ für ein so volles Fußballstadion. Auch Karl Lauterbach findet das „hochproblematisch“.

Wie sieht es in den Kliniken aus? Laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) liegen 4459 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 91 mehr als am Vortag. Vor einer Woche waren es noch 3675, vor einem Monat erst 1808. Bundesweit gesehen sind 19 196 Intensivbetten belegt, 2565 sind noch frei. Vor einem Jahr, sagt Divi-Präsident Gernot Marx, seien 4000 Betten mehr einsatzbereit gewesen – dafür fehle mittlerweile das Personal. Laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) kann der Normalbetrieb in mehr als drei Viertel aller Kliniken  mittlerweile nicht mehr aufrecht erhalten werden, dort müssten planbare Operationen verschoben werden. Selbst bei Krebsbehandlungen, etwa bei Brust- oder Darmkrebs, gibt es offenbar Einschränkungen. Die Lage sei „wirklich zunehmend dramatisch“, so DKG-Vorstandschef Gerald Gaß.

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Erstellt:
29. November 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
29. November 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. November 2021, 06:00 Uhr

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