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Neymar führt Seleçao gegen die DFB-Elf zur glücklichen Revanche für das 1:7
Schnappschuss mit dem Superstar: Neymar posierte nach dem Triumph mit den brasilianischen Anhängern. Foto: Actionpress
Gold für die Seele Brasiliens

Neymar führt Seleçao gegen die DFB-Elf zur glücklichen Revanche für das 1:7

Das ist mehr als Gold. Die Brasilianer feiern das 5:4 im Elfmeterschießen gegen die deutsche Elf wie die ganz große Revanche für die 1:7-Schmach bei der WM.

22.08.2016
  • WOLFGANG SCHEERER

Rio de Janeiro. Vielleicht hat es vorher Macumba-Zeremonien mit Hühneropfern, heiligen Kerzen und Rauchsalven gegeben, wie wenn im riesigen Rund des Maracanã die großen Lokalrivalen „Flu“ und Fla“ – Fluminense und Flamengo Rio – gegeneinander antreten.

Nach Neymars entscheidendem Elfmeter jedenfalls sanken erst der Torschütze, dann Trainer Rogiero Micale auf die Knie und streckten die erhobenen Arme ehrfürchtig dankbar gen Himmel. Der glückliche Olympiasieg mit 5:4 im Elfmeterschießen hat Brasilien mit dem Fußball-Gott schlagartig wieder versöhnt. Neymar hatte per Freistoß in der 27. Minute das 1:0 erzielt. Dem 20-jährigen Schalker Max Meyer gelang das völlig verdiente 1:1 (59.).

Bis zur letzten Sekunde der Verlängerung war dieses olympische Finale mitreißend, die deutsche Mannschaft um den besonders starken Leverkusener Julian Brandt immer auf Augenhöhe. Die Brasilianer hatten zwar logischerweise etwas mehr Ballbesitz, vergaben Chancen aber viel zu überhastet. Nach jeweils vier Schüssen war auch das Elfmeterschießen noch ausgeglichen. Dann ging der Freiburger Stürmer Nils Petersen zum Punkt, lief an – und Weverton wehrte die Kugel unter Jubelstürmen ab. Letzter Schütze gegen den Kölner Bundesliga-Keeper Timo Horn: Neymar, der nach etwas Taktieren sicher verwandelte.

Dann gab's keine Schallgrenze mehr. Weverton riss Neymar an sich, die anderen stürmten dazu, während Horst Hrubesch am Schluss seines letzten Spiels als U-21-Trainer als Tröster gefragt war. Alle ließen die Köpfe hängen, Nils Petersen war bleich wie die Silbermedaille, die er wenig später um den Hals baumeln hatte, während die Brasilianer bei ihrem ersten Fußball-Olympiasieg auf der Tribüne Party machten.

Hrubesch verabschiedet sich nach 40 Jahren im Trainergeschäft nicht mit dem erhofften ersten Gold-Coup einer DFB-Elf. Dennoch: „Wir haben ein tolles Turnier gespielt“, sagte der 65-Jährige. „Wir gehen hier als Sieger vom Platz, auch wenn wir Silber gewonnen haben.“ Es war ein bemerkenswerter Auftritt seines Teams im größten Hexenkessel Rios. Das Maracanãstadion hat nur in einem Punkt an Kapazität verloren, statt einst 200 000 Fans passen noch 76 500 hinein, die Akustik ist umwerfend, schlicht ohrenbetäubend.

Auf der Tribüne nicht einfach nur eine „Gelbe Wand“ wie beim BVB, sondern ein einziges Getöse in Gelb. Was für ein Kontrast zum Turnierbeginn, als Micales Mannschaft sich mit den Nullnummern gegen Südafrika und den Irak bis auf die Knochen blamierte und „Marta! Marta!“-Rufe über sich ergehen lassen musste. Das hätte die Frauen-Elf mit ihrem Star längst auch so hinbekommen, da hätte es keinen Neymar gebraucht. Der 24-Jährige vom FC Barcelona hatte für Olympia extra auf die „Copa America“ im Juni verzichtet. Nun wollte er auftrumpfen – noch mehr als 2012, als er die Brasilianer mit insgesamt drei Toren ins Finale von London schoss und sie gegen Mexiko verloren.

Gerade Neymar hatte fast unstillbaren Nachholbedarf, seit die WM 2014 für ihn im Viertelfinale gegen Kolumbien so krass endete mit einem Lendenwirbelbruch. Bei der 1:7-Schmach im Halbfinale gegen Jogi Löws kommende Weltmeister war er nur doppelt leidender Zuschauer. Fußball ist aus brasilianischer Sicht die mit Abstand wichtigste Disziplin auch bei Olympia.

„Das ist eines der besten Dinge, die mir je im Leben passiert sind“, sagte Neymar jetzt und gab den Kritikern eins mit: „Wir haben es allen gezeigt und mit Fußball geantwortet.“ Durch Höhen und Tiefen des Turniers führte der Kapitän das junge Team, in dem außer ihm auch Renato Augusto (früher in Leverkusen, inzwischen Profi in China) und Torwart Weverton die Rolle der drei erlaubten älteren Spieler einnehmen, die wie bei der DFB-Elf die Bender-Zwillinge nicht mehr zur U21 zählen müssen. Doch gerade auch die Jüngeren im Team wie der gebürtige Stuttgarter Serge Gnabry, 21, im Mittelfeld oder der Hoffenheimer Verteidiger Niklas Süle, 20, haben in Rio einmal mehr ihr Potenzial demonstriert. Petersen ebenfalls. Wie Gnabry kam er auf sechs Treffer. Nur der letzte Schuss saß nicht. „Einer muss immer der Doofe sein, und das bin diesmal ich“, sagte der 27-Jährige, als der erste große Schock des Scheiterns sich etwas gesetzt hatte.

Einer der Helden des Abends im Deutschen Haus war Horst Hrubesch, mit dem viele Sportler für ein Foto posieren wollten. „Ich kann dem Fußball nur dankbar sein. Er hat mir so viel gegeben. Ich habe so viel erlebt. Ich muss vielen danken. In erster Linie meiner Mutter und meiner Frau! Am Ende des Tages hat sich alles gelohnt“, sagte er stolz.

Während sich die Spieler schnell wieder mit dem Ligabetrieb beschäftigen müssen, geht Hrubesch jetzt erst einmal „für ein paar Tage“ in den Urlaub. Danach soll es Gespräche mit dem DFB geben. „Ich werde dem Fußball sicher in irgendeiner Art erhalten bleiben“, versprach Hrubesch. Rente mit 65. Für ihn kein Thema. Die jungen Spieler halten auch ihn jung.

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22.08.2016, 06:00 Uhr
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