Flutkatastrophe

Neuaufbau nach der Zerstörung

Allein die Reparatur der kaputten Straßen, Autobahnen und Schienenwege wird enorm teuer. Verkehrsminister Scheuer sagt schnelle Hilfe zu.

21.07.2021

Von DOROTHEE TOREBKO

Bautrupps versuchen, eine Bundesstraße bei Bad Neuenahr wieder befahrbar zu machen. Das Hochwasser hat die Strecke unterspült. Foto: Thomas Frey/dpa

Berlin. Kaputte Straßen, verschlammte Schienenwege, bröckelige Brücken: In den Hochwassergebieten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und nun auch in Sachsen und Bayern wurde die Infrastruktur teilweise völlig zerstört. Doch gerade für die Versorgung der Bevölkerung sind funktionierende Straßen und Schienenwege essentiell. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will den Aufbau der Infrastruktur vorantreiben und sich an diesem Mittwoch im Kabinett dafür einsetzen, dass finanzielle Hilfen zügig zur Verfügung gestellt werden.

Die Kosten für den Wiederaufbau sind immens. So sollen Schäden am Schienennetz und den Bahnhöfen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro entstanden sein. Teilweise wurden Strecken auf einer Länge von bis zu 25 Kilometern von Wasser unterspült, berichtet die „Bild“. Die Schäden an Straßen sollen mehrere hunderte Millionen Euro betragen. Nach Angaben der Niederlassung Rheinland der Autobahn GmbH vom Dienstag soll der Aufbau der Straßen allein dort mindestens 50 Millionen Euro kosten. „Wir müssen den Menschen vor Ort schnell und unbürokratisch helfen. Wir dürfen niemanden im Stich lassen. Brücken, Gleise, Straßen und Mobilfunkmasten müssen schnellstens aufgebaut werden“, sagte Scheuer.

Wasser abpumpen

Um die Infrastruktur wieder zu errichten, arbeiten Deutsche Bahn, Autobahn GmbH und Mobilfunkbetreiber zusammen. Derzeit sichten Mitarbeiter der bundeseigenen Autobahngesellschaft, wie viele Straßen und Brücken zerstört wurden und wo die Einsatzkräfte noch Wasser abpumpen müssen. „Die Autobahninfrastruktur ist erheblich getroffen worden. Es gab nicht nur Überflutungen, sondern auch Schäden an der baulichen Infrastruktur“, sagte der Leiter der Niederlassung Rheinland der Autobahn GmbH, Thomas Ganz. Damit der Bau der Straßen schneller vorangeht, will NRW Änderungen im Vergaberecht vornehmen, sagte der Staatssekretär im NRW-Verkehrsministerium, Hendrik Schulte. Das heißt: Aufträge sollen schneller vergeben werden, der Bau zügiger beginnen. „Unsere Priorität ist, die Straßen schnell zu reparieren“, sagte Schulte.

„Die Schieneninfrastruktur kann schneller wieder ans Netz gehen als Straßen aufgebaut werden“, ist sich Markus Hecht sicher. Er ist Leiter des Fachgebiets Schienenfahrzeuge am Institut für Land- und Seeverkehr der Technischen Universität Berlin. Damit die Regional- und Güterzüge wieder über die Schienen fahren können, sind zwei Maßnahmen notwendig. Zum einen müsse der Untergrund unter den Gleisen entwässert werden, damit er tragfähig ist. Das dauere wenige Stunden, wenn das Wasser abgelaufen ist oder abgepumpt wurde. Zum anderen müssen dort, wo die Brücken weggerissen wurden, Behelfsbrücken gebaut werden. „Wenn die Fundamente noch tragfähig sind, dauert das ein bis zwei Tage“, erläutert Hecht.

Der Berliner Wissenschaftler Hecht glaubt jedoch nicht an eine schnelle Inbetriebnahme der Schienenwege. Wie behäbig der Konzern sei, habe man bei der Havarie in Rastatt gesehen. 2017 war die für den europäischen Bahnverkehr bedeutende Nord-Süd-Verbindung zwischen Rastatt und Baden-Baden wegen Gleisabsenkungen gesperrt worden, nachdem beim Tunnelbau Wasser in den Untergrund eingedrungen waren. „Die Bahn hat zweieinhalb Monate gebraucht, um zu überlegen, und eine Betonplatte zu bauen und aushärten zu lassen, statt schnell eine Behelfsbrücke zu errichten“, sagt Hecht. Ähnliches befürchtet er auch beim jetzigen Hochwasser.

Nicht nur schnelle Hilfe ist jetzt gefragt. Auch künftig muss sich das Planen und Bauen der Infrastruktur verändern, sind sich Forscher einig. „Die Wissenschaft warnt schon lange davor, dass man den Klimawandel in das Planen und Bauen von Straßen und Schienen einbeziehen muss“, sagt Stephan Freudenstein. Er ist Professor für Verkehrswegebau an der Technischen Universität München und forscht zur konstruktiven Gestaltung von Straßen- und Eisenbahnoberbausystemen.

Anpassung an den Klimawandel

Seiner Einschätzung nach müsste künftig noch mehr in die Pflege der Vegetation entlang der Schienen und Straßen investiert werden. Diese sei besonders bei starken Winden bruchgefährdet, was zu Streckensperrungen führen könne. Zwar investierte die Bahn in den vergangenen Jahren 125 Millionen Euro jährlich, um Sturmschäden vorzubeugen. Doch: „Der Klimawandel wird es erforderlich machen, dass wir noch mehr daran arbeiten müssen, die Infrastruktur krisenfester zu machen“, erläutert der TU-Forscher aus München.

Bei extremen Fluten wie in NRW und Rheinland-Pfalz seien den Aufgabenträgern die Hände gebunden. Präventiv könnte man allerdings bei kleineren Regenfällen und Stürmen aktiv werden. „Man könnte etwa die Entwässerung der Schienen und Straßen großzügiger gestalten und die Infrastruktur intensiviert instand halten“, sagt Freudenstein. Insgesamt sieht der Forscher Deutschland im internationalen Vergleich gut aufgestellt. „In den vergangenen zehn Jahren wurde die Bitte der Wissenschaft erhört und viel in die Infrastruktur investiert. Daher ist sie auf einem sehr hohen Niveau“, sagt der Münchner.

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Erstellt:
21. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Juli 2021, 06:00 Uhr

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