Nachhaltig angekommen

Nicole Lesyk-Seiler hat schon viel von der Welt gesehen und einige Jahre im Ausland verbracht. Sie war im Auftrag von Udo Walz unterwegs, hat Promis das Make-up gemacht, war oft in London und hat auf Mallorca bei Strandparties mitgefeiert – das Gelbe vom Ei hat sie erst jetzt für sich entdeckt – ihren eigenen Salon und ihre eigenen, veganen Produkte: CareHair. Deshalb zieht sie jetzt auch mit Mann und zwei kleinen Kindern wieder nach Hirrlingen – zurück in ihre Heimat.

05.03.2021

Von TEXT: Simone Maier|FOTOs: Jörg Romanowski/Unternehmen

Nicole Lesyk-Seiler

Auch wenn der Lifestyle zu ihrer Zeit auf Mallorca toll war, so war er „doch nie die Realität“, sagt Nicole Lesyk-Seiler. Während ihrer Ausbildung zur Friseur-Meisterin und Visagistin wurde sie schon zur Echo-Verleihung, zur UNESCO-Gala und auch zu Fashion-Shows von Hugo Boss gebucht. Xavier Naidoo und seine Background-Sängerinnen saßen schon vor ihr auf dem Stuhl. Oder in Portugal die Tennisspielerin Anke Huber oder der zweifache Formel-1-Weltmeister Mika Häkkinnen. „Man muss einfach nur gute Arbeit machen,“ schmunzelt die selbstbewusste Unternehmerin. Und fleißig sein. Gab es denn nie eine Hemmschwelle zu diesen „Promis“? „Die wirklich erfolgreichen sind meistens die, die am lockersten sind“, sagt sie.

Für die Fashion Shows bei Hugo Boss ging es schon morgens um vier Uhr los. Models aus aller Welt kamen eingeflogen. „Man verliert sich in den Gesichtern“, schwärmt sie noch heute von ihren Einsätzen als Visagistin. Man merkt: Die 38-Jährige liebt ihren Job. Sie ist leidenschaftlich gerne für das gute Aussehen anderer verantwortlich. „Ein einfaches Make-up ist die hohe Kunst“, so Lesyk-Seiler.

Das Handwerk hat sie in einem renommierten Salon in Reutlingen erlernt. Der Inhaber wollte damals immer einen Salon auf Mallorca eröffnen – darauf hat sie vier Jahre gewartet. Aber vergebens. Über einen Tübinger Friseurkollegen bekam sie dann den entscheidenden Hinweis. Sie verkaufte ihre Möbel und flog mit ihrem Hab und Gut, das in zwei Koffer passte, nach Mallorca. Die damals Mitte 20-Jährige besuchte Spanischkurse, „dennoch war immer Englisch die Hauptsprache“, so Lesyk-Seiler. Als sie nach einem halben Jahr ihre Steuernummer bekam, bewarb sie sich bei einer Modelagentur als freiberufliche Visagistin. Fortan war sie mit ihrem Köfferchen unterwegs – von einer schönen Ecke der Welt in die andere. Einmal wurde sie von einer Filmcrew, die einen Film mit Christine Neubauer drehte, eingeladen, auf einer Yacht von Mallorca nach Formentera zu schippern. Lediglich zu einem schönen Abendessen in der „Blue Bar“. „Solche Highlights waren natürlich toll. Aber doch nie die Realität“, resümiert sie.

Mit dem Traumschiff unterwegs

Beruflich hatte sie nach vier Jahren auf der Insel alles erreicht und verspürte manchmal auch eine „gewisse Einsamkeit.“ Nicht wissend, wo die Reise hingehen würde, kehrte sie nach Deutschland zurück und ging dann nach einem kurzen Zwischenstopp in Köln auf die MS Deutschland, leitete dort den Friseursalon und streifte weitentfernte Länder. Irgendwann wollte sie den Nordpol sehen, was sie dann auch tat. „Die Verbundenheit und der Blick für die Natur wurde damals geschärft“, sagt Lesyk-Seiler. Mit 31 Jahren kam sie zurück ins Schwabenland, lernte in Tübingen ihren Mann kennen, einen gelernten Schreiner. Die beiden heirateten und haben heute zwei kleine Kinder. „Die Idee eines eigenen Salons hatte ich schon immer“, sagt sie. Auch während der Elternzeit gab es für sie nie eine Zeit, in der sie ganz aufgehört hat zu arbeiten. Beim Durchstöbern der Immobilienangebote stieß sie dann vor zwei Jahren auf ihren heutigen Salon im Güterbahnhofareal. „Das Angebot war perfekt für mich. Klein, aber fein“, freut sie sich noch heute. Ein Jahr früher als eigentlich geplant eröffnete sie „CareHair“ im November 2019. „Das Timing war eigentlich perfekt – so konnte ich noch vor der Corona-Pandemie Fuß fassen und alles zum Laufen bringen“, so Lesyk-Seiler.

Der handwerklich begabte Mann ist im Salon nicht zu übersehen. Aus einem Baumstamm wurden zum Beispiel die Frisiertische hergestellt. Überhaupt ist alles „Natur pur“ in ihrem Salon. Alles vegan. Das ist ihr Konzept.

„Jetzt reicht‘s“

Sie wollte Produkte, die ohne Parabene, Sulfate, Silikone, Mineralöl und ohne Tierversuche auskommen. „Ich wusste schon immer, dass ich irgendwann meine eigenen Produkte haben werde. Doch dass es so schnell gehen würde, wusst’ ich nicht“, lacht sie. Denn es kam der erste Lockdown und sie wünschte sich ihren eigenen Online-Shop. Hat sich bei der Handwerkskammer in Reutlingen beraten lassen und der Zufall wollte es, dass sie nach dem ersten Lockdown bei einer Schulung jemanden kennenlernte, der ein eigenes Labor im Odenwald besitzt. Und schon war der Ort klar, an dem sie ihre eigene Pflegeserie herstellen lassen wollte. „Also habe ich mein Start-up gegründet – bin abends um acht ins Bett und morgens um drei aufgestanden, um an meinem Business-Plan zu feilen“, sagt sie, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre. „Irgendwie hätte ich ja auch gerne mal ein Buch gelesen, bin aber bis jetzt noch nicht dazu gekommen“, lacht sie. Stolpersteine gab es einige. So fehlte der richtige Barcode auf den Produkten, die korrekte Chargen-Nummer. „Ja, zwei, drei Mal war ich an einem Punkt, an dem ich dachte ´jetzt reichts`, aber aufzugeben war nie eine Option“, sagt sie. Seit Ende Januar sind nun drei eigens von ihr entwickelte Produkte online und auch bei Amazon zu kaufen. Es sollen noch weitere folgen. Der Nachhaltigkeitsgedanke ist zentral für ihr Wirken. So hat sie kurzerhand Ketchup-Kanister als „Refill-Anlage“ in ihrem Salon verwendet. Mit rostfreier Feder und einem Volumen von fünf Litern sind sie das perfekte Behältnis für ihre Produkte. Die Kunden bekommen zwei Euro Nachlass, wenn sie mit ihrem vorhandenen Fläschchen kommen. „Refill ist die Zukunft“, ist die Jung-Unternehmerin überzeugt. Passend zu ihrer Umweltphilosophie spendet sie pro Haarschnitt 50 Cent an Tierschutz- und Umweltorganisationen. Ihre veganen Haarpflegeprodukte und auch die veganen Haarfarben, die ohne Ammoniak funktionieren, sowie ein spezielles Strähnenpapier anstatt Alufolie sind ihr Markenzeichen. „In allen Geschäftsprozessen nachhaltig handeln – das ist mein Credo.“ Und auf die Gesundheit ihrer Kunden großen Wert legen. Deshalb auch der Name „CareHair“, auf den sie ein europäisches Markenpatent hat. Wenn sie früher, fernab der Heimat, einen tollen Lifestyle hatte, aber ihr alles weit weg von der Realität vorkam, so ist es heute genau umgekehrt. Das Häuschen in Hirrlingen und ihr Salon sind jetzt ihr Ding. Ihre Familie ist die Realität und sie ist angekommen und glücklich.

Ein bisschen Glamour gab es dann doch vor kurzem, als die Illustrierte BUNTE sie buchte, Tübingens momentan bekanntestes Gesicht, die Notärztin Lisa Federle, für ein Fotoshooting zu schminken.

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Erstellt:
5. März 2021, 07:27 Uhr
Aktualisiert:
5. März 2021, 07:27 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. März 2021, 07:27 Uhr

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