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Mit nichts gekommen, doch viel erreicht
Wenn Nke Tanga wählen könnte, würde sie wieder Altenpflegerin werden, so wie die junge Frau auf dem Foto. Aber nicht viele Azubis entscheiden sich für den Job.

Mit nichts gekommen, doch viel erreicht

Annie Orlyne Nke Tanga macht eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Danach wird sie vermutlich abgeschoben. Pilotprojekte versuchen seit Jahren, Flüchtlinge durch eine Ausbildung zu integrieren.

29.06.2018
  • TEXT: Lisa Sporrer|FOTOS: iStockphoto/monkeybusinessimages, Anne Faden

Die Sprache ist der Schlüssel für alles“, sagt Annie Orlyne Nke Tanga, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Der Wille zur Integration ist die andere Hälfte und diesen Willen verkörpert Nke Tanga. Die 28-jährige Kamerunerin, die über die Türkei, Griechenland und Mazedonien vor drei Jahren nach Deutschland kam, macht eine Ausbildung in einem der Berufe, in denen in Deutschland Tausende von Fachkräften fehlen: Alten- und Krankenpfleger.

Nke Tanga putzt alten Menschen den Hintern ab, wechselt Windeln, seift sie unter der Dusche ein. Aber nicht nur das. Sie ist bei ihnen, wenn sie sich einsam fühlen, wenn sie Angst haben. Sie spielt mit ihnen, lacht mit ihnen. „Es ist traurig zu sehen, dass so Wenige das machen wollen“, sagt Nke Tanga. „Ich bin froh um den Beruf, die Arbeit macht Spaß.“ Was sie sich noch als Beruf für sich vorstellen könnte? – Die Frage überrascht sie, so, als ob sie nicht das Recht hätte, zu wählen. Nach kurzer Überlegung sagt sie: „Ich würde Altenpfleger werden wollen. So kann ich anderen helfen, die sich selber nicht helfen können.“

Kürzlich legte die Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen Zahlen vor. Demnach sind mehr als 25 000 Fachkraftstellen im Pflegebereich unbesetzt. Weitere 10000 Hilfskräfte fehlen. Aber nicht nur in der Pflege sind Flüchtlinge die neuen Hoffnungsträger. Immer mehr mittelständische Unternehmen setzen im Kampf gegen den Fachkräftemangel auf Geflüchtete. „Letztlich läuft es auf einen Mehrwert für beide Seiten hinaus“, sagt Aleksandra Vohrer, Integrationsberaterin der Industrie- und Handelskammer Reutlingen (IHK). Flüchtlinge könnten sich über eine Ausbildung Perspektiven schaffen, Betriebe ihren Nachwuchs sichern. Die Zahl der mittelständischen Betriebe, die Flüchtlinge beschäftigen, nahm, laut einer Umfrage der Beratungsgesellschaft EY, deutlich zu: Waren es vor einem Jahr noch 16 Prozent der Betriebe, ist es nun bereits mehr als jedes vierte mittelständische Unternehmen (27 Prozent).

Im Rahmen des Programms „Integration durch Ausbildung – Perspektiven für Flüchtlinge“ betreut Vohrer als sogenannte „Kümmererin“ junge Flüchtlinge mit Bleibeperspektive, die ein entsprechendes Sprachniveau mitbringen. Seit 2016 läuft das das IHK-Projekt, das vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg gefördert wird. Anfangs ist Vohrer in Sammelunterkünfte gefahren und hat das Projekt und die Möglichkeit einer Ausbildung vorgestellt. „Heute kommen die jungen Menschen meist von alleine zu mir“, sagt sie, die für die Landkreise Reutlingen, Tübingen und Zollern-Alb zuständig ist. Sie führt mit Geflüchteten, die das Sprachniveau B1 erfolgreich bestanden haben, Beratungsgespräche, hilft bei Bewerbungsmappen und Formularen für Behörden und sie betreut die jungen Menschen während ihrer Praktika und in den ersten Monaten ihrer Ausbildung.

Rund 210 potentielle Lehrlinge kamen bisher zu ihr in die Erstberatung, 192 Männer und 18 Frauen. 95 davon wurden von ihr intensiv betreut. Einige davon schließen im kommenden Jahr ihre Ausbildung ab. Nicht nur die Sprache, auch die Bleibeperspektive stellen oft ein Problem dar. Zwar haben die jungen Menschen, die Vohrer mit Unternehmen zusammenbringt, entsprechende Voraussetzungen. „Aber ich bekomme oft auch Anrufe von Betrieben, deren Auszubildenden die Abschiebung droht“, sagt Vohrer. Denn viele Flüchtlinge, die etwa über Ehrenamtliche in Unternehmen kommen, haben lediglich den Duldungs-Status während der Zeit ihrer Ausbildung. So wie Nke Tanga.

Die Kamerunerin ist kein Kriegsflüchtling. Einige ihrer Landsleute, die sie in den Sammelunterkünften kennengelernt hat, wurden bereits abgeschoben. Andere, Frauen, haben schnell Kinder bekommen, um bleiben zu dürfen, erzählt Nke Tanga. Aber das wollte sie nicht. Stattdessen lernte sie fleißig deutsch, arbeitete in einem Café, dann auf dem Wochenmarkt. Schließlich kam eine Frau der Samariterstiftung in ihre Unterkunft nach Herrenberg und erzählte von den Möglichkeiten einer Ausbildung. Das Diakonische Werk Württemberg, die Samariterstiftung und das Welcome Center Sozialwirtschaft haben bereits 2016 ein Pilotprojekt gestartet, um Flüchtlinge in eine Ausbildung zu bringen: als Krankenpfleger. „Viele Geflüchtete kennen den Beruf des Altenpflegers überhaupt nicht“, sagt Ulrike Schilling, Referentin Altenhilfe bei der Samariterstiftung. Pflege, das bestätigt auch Nke Tanga, werde in Ländern wie Syrien, Afghanistan, dem Iran oder den meisten afrikanischen Ländern, von Familienangehörigen übernommen. Deshalb sollten Interessenten erstmal Hospitanzen in den Einrichtungen der Samariterstiftung machen.

Neun von ihnen haben im Rahmen des Modellprojekts eine Ausbildung zum Altenpfleger begonnen. Für Migranten wird in Baden-Württemberg an einigen Standorten aus Landesmitteln sprachintegrierte Ausbildungen zum Altenpflegehelfer finanziert. So wird, um die vorausgesetzte Sprachkompetenz von Niveau A2 auf B1 zu verbessern, die sonst einjährige Pflegehilfe-Ausbildung auf zwei Jahre ausgedehnt. Nke Tanga musste kein zusätzliches Jahr einplanen, sie konnte wegen ihrer guten Deutschkenntnisse vor zwei Jahren direkt mit der dreijährigen Fachkraftausbildung beginnen.

Mittlerweile lebt Nke Tanga in Tübingen, arbeitet im Mühlenviertel und steckt ihr ganzes Herzblut in die Ausbildung, sagt sie. „Ich bin mit Nix gekommen, und habe alles gekriegt. Ich bezahle die Ausbildung nicht. Ich bekomme eine Zukunft, für die ich nichts bezahlt habe.“ Allerdings rechnet Nke Tanga damit, nach der Ausbildung abgeschoben zu werden. Denn solange ist sie bisher in Deutschland nur geduldet. „Leute, die sich integrieren wollen, bekommen viele große Steine in den Weg gelegt“, sagt sie nachdenklich. Dann aber lacht sie wieder. „Jeden Tag mache ich was Gutes. Das weiß ich. Und das reicht mir erstmal.“

Flüchtlinge können die Lücken in der Pflege nicht schließen

Die Grünen fordern ein Bleiberecht für Flüchtlinge, die in der Pflege arbeiten. „Wir brauchen eine reguläre Aufenthaltsgenehmigung für Pflege- und die Helferberufe als Einstieg in ein Einwanderungsgesetz“, sagte der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck vor zwei Monaten der Deutschen Presse-Agentur. Es brauche mehr als nur eine Duldung für die Zeit der Ausbildung. Zur Linderung des Pflegenotstands will Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) das Personal in den Pflegeheimen über die im Koalitionsvertrag vereinbarten 8000 zusätzlichen Stellen hinaus aufstocken. Das geht den Grünen nicht weit genug.

Ob allerdings Flüchtlinge den Pflegenotstand beheben können, bezweifelt Ulrike Schilling, Referentin Altenhilfe der Samariterstiftung. „Für die Einrichtungen bedeutet die Ausbildung von Flüchtlingen bisher immer noch einen Mehraufwand“, sagt sie. „Grundsätzlich sind Flüchtlinge in Pflegeberufen nur ein Baustein dafür, dass der Fachkräftemangel behoben werden kann.“ Aber immerhin lenke die Diskussion darüber den Blick auf das Thema, sagt Schilling.

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29.06.2018, 07:57 Uhr
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