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Pustefix · Große Marke, große Freiheit

Mehr als eine Million Liter Seifenblasen-Konzentrat werden jährlich in Kilchberg produziert

2011 wurde das Kilchberger Seifenblasen-Imperium nach Österreich verkauft. Noch heute werden jedoch Millionen Dosen im Tübinger Stadtteil produziert.

22.06.2018

Von Moritz Hagemann

Geschäftsführer Frank W. Hein vor seinem Seifenblasen-Imperium.Bild: Metz

Es ist laut im Kilchberger Pustefix-Werk, einige tragen einen Lärmschutz, die Maschinen rattern. In große silberne Behälter wird das Konzentrat abgefüllt und mit Wasser vermischt. Über Nacht muss alles ruhen. Dann läuft die Flüssigkeit drucklos in die Maschinen, sonst würde sie schäumen. Die kleinen Dosen werden als weiße Rohlinge eingeführt, nass bedruckt und bei etwas über 50 Grad getrocknet. Dann befüllt und mit einem Deckel versehen: die Hälfte in rot, jeweils ein Viertel in gelb und grün. Nur das Verpacken läuft nicht automatisch. Bis zu 40.000 Dosen werden in Spitzenzeiten pro Tag im Tübinger Stadtteil produziert.

Gegründet wurde das Unternehmen vor 70 Jahren von Chemiker Rolf Hein, das Rezept ist bis heute geheim. Dessen Enkel Frank W. Hein, Jahrgang 1962, leitet heute das Geschäft. Obwohl Pustefix bereits Anfang 2011 an die österreichische Firma Stadlbauer verkauft worden ist. „Es hat sich ein bisschen so angefühlt, als ob man sein Haus verkauft und wieder anmietet“, sagt Hein heute. Er gibt ehrlich zu, damit gerechnet zu haben, dass er seinen Posten sechs bis zwölf Monate nach dem Verkauf niederlegen werde. Doch es kam anders: „Wir können wesentliche Teile der Marke bestimmen und mit einer großen Freiheit arbeiten.“ 2015 starb Dieter Stadlbauer, dessen Firma auch die Carrera-Rennbahn im Portfolio hat. Er sei wie ein Mentor gewesen; ein Mensch, „auf den man trifft und weiß, dass man sich versteht“, sagt Hein.

Die Geschäfte gingen weiter. Die Firma Stadlbauer nutzt ihre Kenntnisse im asiatischen Markt, auf den einige Nachahmer drängen, und brachte eine Pistole und ein Schwert als Pustefix-Spielzeug in Fernost heraus. Wobei aus Kilchberg Signale kamen, das Ganze dürfe nicht zu martialisch werden. Dadurch brachen sie auch mit Heins Credo, keine batteriebetriebenen Produkte zu verkaufen. „Ich habe daran nicht geglaubt“, sagt er, „aber ich bin eines Besseren belehrt worden.“ 50 Prozent des Gesamtumsatzes werden im Ausland gemacht, 20 Prozent davon außerhalb der EU. So rollen die Lastwagen ins Logistiklager nach Salzburg, das die großen Platzprobleme in Kilchberg kompensiert. Hein muss schmunzeln: „Für uns ist Österreich auch Export.“

Jede Produktion wird einem Qualitätstest unterzogen. Da sitzt ein kleiner Testbär hoch über den silbernen Behältern und bläst Seifenblasen durch eine Lichtschranke. „Der Mensch würde keinen konstanten Luftstrom erzeugen“, erklärt Hein. In zehn Minuten muss er mindestens 2500 Seifenblasen schaffen, in der Regel bläst er sogar 3200 heraus.

Der Umsatz stieg seit dem Verkauf kontinuierlich an, genaue Angaben macht Hein nicht. Er dürfte im mittleren bis oberen einstelligen Millionenbereich liegen. Pro Jahr werden 3 bis 4 Millionen Dosen verkauft und 1,3 Millionen Liter Flüssigkeit produziert. Kostete die klassische 70-Milliliter-Dose 1950 noch etwa 90 Pfennig, steht sie in Kilchberg heute für 1,15 Euro im Regal. Das ist der Preis, den Hein auch dem Handel empfehlen würde.

Standort Kilchberg aufgewertet

Einst war der Verschluss aus Kork, der Stift aus Metall. „Heute undenkbar!“, sagt Hein – weil zu gefährlich. Zumal die Dosen damals undicht und für den Export ungeeignet waren. Die stärksten Wachstumsraten verzeichne Pustefix inzwischen im Verkauf der Nachfüllflaschen, die es mit bis zu 5 Litern Inhalt gibt. Zeiten ändern sich: „Heute wäre die damalige Umsatzgröße das Existenzminimum“, sagt der Geschäftsführer. Doch seinem Großvater, der davor nichts gehabt habe, sei dank Pustefix ein gutes Leben vergönnt gewesen.

25 Mitarbeiter sind in Kilchberg beschäftigt. Die Hauptsaison für den Endverbraucher korrespondiert zur Sommerreifen-Zeit: etwa von Ostern bis Oktober. Pustefix setzte oft auf Aushilfskräfte, inzwischen hat Hein ein anderes Modell entwickelt. Steigern die Angestellten ab dem Frühjahr ihre Stundenzahl, gibt’s in den Wintermonaten jeden Freitag frei. „Wenn das Weihnachtsgeschäft kommt, wird es ruhiger für uns“, sagt Hein.

Dass es an seinem Standort bald ruhiger wird, will er verhindern. Durch die neue B 28 wird der Durchgangsverkehr nicht mehr in Kilchberg anhalten: „Wir müssen die Kunden gezielt zu uns bringen.“ Deshalb wurde der Shop neu gestaltet, eine Lounge eingerichtet, und ein Selfie-Point soll auch noch hinzukommen. T-Shirts, Fasnetskostüme, rutschfeste Socken oder Coffee-to-go Becher mit dem Teddy-Logo laufen heute gut und seien auch notwendig. „Für meinen Großvater war Marketing noch ein Fremdwort“, sagt Hein. Mittlerweile gehören auch Sonderproduktionen für Firmen zur Tagesordnung.

20 Jahre führt Frank W. Hein das Unternehmen mittlerweile. Wie lange noch? Zwar sei die vierte Generation nicht zwingend an Pustefix orientiert, doch momentan laufe alles rund. „Ich sehe das alles ganz entspannt“, sagt Hein, der auch so wirkt. „Diesen einfachen Spaß mit den Seifenblasen wird es immer geben.“

Die Geschichte von Pustefix

Der Chemiker Rolf Hein gründet Pustefix 1948, als er mit Waschmittel experimentiert und dieses gegen Lebensmittel bei Bauern umtauscht. Der gelbe Teddy wird zum Markenzeichen und Pustefix verkauft sich prächtig. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre schlittert das Unternehmen in eine Krise, der Markt ändert sich und ein Mitarbeiter zwackt Geld auf sein Privatkonto ab. 1973 übernimmt Gerold P. Hein das Unternehmen von seinem Vater und baut vor allem den Export aus. 1993 gründet der heutige Pustefix-Geschäftsführer Frank W. Hein die Vertriebsfirma Success, 1998 übernimmt er die Pustefix-Führung von seinem Vater. 2001 lernt er den amerikanischen Seifenblasen-Künstler Louis Pearl kennen und beide entwickeln gemeinsame Spielideen. Pearl wohnt auf einem Hausboot in San Francisco und hat schnell keine Lust mehr, sich um den Vertrieb zu kümmern – Pustefix profitiert. 2011 geht das Unternehmen an die österreichische Firma Stadlbauer, doch Hein bleibt Geschäftsführer in Kilchberg.

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Erstellt:
22. Juni 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Juni 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2018, 01:00 Uhr

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