Sexuelle Übergriffe in Tübingen

Mehr Anzeigen – keine Festnahmen

Seit Jahresbeginn zeigten mindestens 13 Frauen in Tübingen Fälle sexueller Belästigung an. Die Polizei ermittelt, hat aber noch keinen Angreifer gefasst.

16.02.2017

Von Jonas Bleeser

Bereits im vergangenen Jahr nahm die Zahl der Anzeigen wegen Angriffen auf Frauen in der Öffentlichkeit in Tübingen gegenüber 2015 zu. Das bestätigt die Polizei. Die genauen Zahlen werden erst mit der Kriminalitätsstatistik 2016 bekanntgegeben, voraussichtlich im März. Aber der Trend sei klar erkennbar, sagt die Sprecherin des Polizeipräsidiums Reutlingen Andrea Kopp. Eine Erklärung dafür hat die Polizei bislang nicht – es ist noch keiner der Männer ermittelt.

Zu den Übergriffen kam es zu unterschiedlichen Tages- oder Nachtzeiten, an unterschiedlichen Orten in der Stadt. Vier Mal wurden Frauen am frühen Morgen zwischen 5 und 6 Uhr in der Nähe der Kliniken attackiert. Ein Exhibitionist belästigte eine Frau vormittags um 10.30 Uhr auf der Neckarinsel, ein anderer verfolgte eine weitere mit entblößtem Glied nachts gegen 1.30 Uhr durch die Innenstadt. Im Fichtenweg versuchte ein Mann, eine junge Frau, die auf dem Heimweg von einer Halloweenparty war, in einer Tiefgarage zu vergewaltigen. Durch heftige Gegenwehr konnte sie ihn in die Flucht schlagen. In anderen Fällen versuchten die Angreifer, Frauen den Rock herunterzuziehen, küssten oder betatschten sie. Allein seit Jahresbeginn zeigten in Tübingen 13 Frauen solche oder ähnliche Übergriffe an.

Ein Serientäter scheint nicht unterwegs zu sein. Ein Angreifer war auffallend klein, einer eher 1,80 Meter, in einem Fall schmächtig, im anderen kräftig, mal sprach er akzentfrei deutsch, ein anderer gebrochen, einer mit schwäbischem Einschlag, andere griffen wortlos an: „Wir gehen wegen des unterschiedlichen Vorgehens und den Personenbeschreibungen von mehreren Tätern aus. Da ist alles dabei, von mitteleuropäisch bis dunkelhäutig“, sagt Polizeisprecherin Kopp. Das macht den Beamten die Arbeit nicht leichter. Gefasst hat sie bislang noch keinen einzigen der Angreifer. Es gebe durchaus Ansätze, aber eben noch keine Ergebnisse, sagt Kopp.

Die Polizei hat bei der Suche nach den Männern mit mehreren Problemen zu kämpfen. Manche Frauen sind nach einem Übergriff so geschockt, aufgebracht oder verängstigt, dass sie erstmal nach Hause oder zu einer Freundin gehen. Die Polizei alarmieren sie dann erst viel später. „Das verstehen wir zwar. Aber ganz wichtig ist, dass wir sofort Bescheid bekommen“, appelliert Kopp, „dann können wir sofort mit der Fahndung beginnen. Das erhöht die Chance, dass wir den Täter erwischen können.“ Schwierig ist für die Ermittler auch, dass es häufig keine ausreichend aussagekräftigen Personenbeschreibungen gibt. Wer sich gegen einen Angriff wehrt oder flüchtet, dem fällt es meist schwer, sich den Angreifer richtig einzuprägen, (siehe unten). Und die Erinnerung verblasst, je länger der Übergriff her ist. Ein weiterer Grund dafür, gleich die 110 zu wählen.

Kopp ruft Frauen außerdem dazu auf, die Polizei auch schon dann zu alarmieren, wenn ihnen etwas verdächtig oder bedrohlich vorkommt. Jede Kontrolle nach so einem Anruf könnte die Ermittler vielleicht in einem anderen Fall einen Schritt weiterbringen.

Von Bewaffnung rät die Polizei ab. Ob Pfefferspray, Schlagstock oder Schreckschusswaffe (für die man außerdem einen kleinen Waffenschein benötigt), das alles sei potentiell auch für die Trägerin gefährlich: „Jede Waffe, die man bei sich trägt, kann gegen einen verwendet werden“, warnt Kopp. Wer angegriffen oder belästigt wird, solle alles tun, um aus der Situation herauszukommen: Laut schreien, wegrennen, sich Hilfe von anderen holen, bei Anwohnern klingeln. Auch Zuschlagen sei sehr wohl erlaubt: In einer Notwehrsituation gelte es, sich mit allen Mitteln vehement zu wehren.

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Erstellt:
16. Februar 2017, 23:55 Uhr
Aktualisiert:
16. Februar 2017, 23:55 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2017, 23:55 Uhr

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