Bildung

Kommt der Schul-Lockdown noch vor Weihnachten? Zahl der Corona-Fälle bei Jüngeren steigt rasant

Nicht nur bei den Erwachsenen, auch bei Kindern und Jugendlichen verschlimmert sich die Corona-Lage. Lehrerverbände befürchten deswegen Schließungen.

27.11.2021

Von Alfred Wiedemann

Die Maske muss wieder drauf im Unterricht. Schulschließungen sollten keine Option mehr sein, sagt das Kultusministerium. Ist das durchzuhalten?

Stuttgart. Der Anstieg ist rasant: 12 718 Kinder und Jugendliche und 582 Lehrkräfte sind landesweit in Quarantäne, 247 Klassen wegen Coronafällen nicht im Präsenzunterricht, drei Schulen sind zu. Eltern, Kinder, Lehrkräfte bangen: Wie lange ist Präsenzunterricht noch möglich?

Das Kultusministerium betont bei den Zahlen, dass der Anteil der Betroffenen gering sei. „Die Schulen sind Teil der Gesellschaft und deswegen auch vom gesamtgesellschaftlichen Infektionsgeschehen betroffen“, sagt ein Sprecher von Kultusministerin Therese Schopper (Grüne). „Wir beobachten genau, tauschen uns mit Fachleuten aus der Regierung, der Wissenschaft, der Praxis aus.“ Falls erforderlich, werde bei den Schutzmaßnahmen justiert. Sicherung der Gesundheit und des Präsenzunterrichts seien dabei Kernziele.

Grundsätzlich gelte: Schulschließungen sollten keine Option mehr sein. „Um den Kindern und Jugendlichen ihr Recht auf Bildung zu gewährleisten, um die Lernlücken nicht größer werden zu lassen, um nicht weitere Probleme und Blockaden im sozial-emotionalen Bereich entstehen zu lassen“, so der Sprecher. „Präsenzunterricht ist durch nichts zu ersetzen – fachlich und auch sozial-emotional.“ Auch Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) hält die  Situation an den Schulen für „beherrschbar“.

„Das ist schlicht Wunschdenken, die Kontrolle ist uns längst entglitten“, sagt dagegen Ralf Scholl, Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg. „Die Infektionslage ist dramatisch und leider wohl kaum zu bremsen“, meint auch Monika Stein, Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. „Die Landesregierung hat es noch in der Hand, Schließungen zumindest zu verzögern.“ Die GEW befürchtet, dass es im Dezember zur Schließung von Kitas und Schulen kommen wird. „Wir setzen uns seit Monaten dafür ein, dass jede Woche an jedem großen Schulzentrum mobile Impfteams stehen, das Kultusministerium stellt den Schulen nur medizi­­nische Masken zur Verfügung und verweigert die Verteilung von medizinischen FFP2-Masken und Luftreinigungsgeräte sollten endlich Standard werden“, sagt Stein.

Auch der Philologenverband fordert „maximale Schutzmaßnahmen“, um die Schulen offen halten zu können: Raumluftfilter in allen Unterrichtsräumen und Maskenpflicht am Platz. Mittlerweile sei der Zug abgefahren, so Scholl, „wir werden die vierte Welle mit allen Maßnahmen, die bisher getroffen werden, nicht in den Griff bekommen können.“ Ein schnelles Sinken der Inzidenz sei bisher nur durch einen Total-Lockdown gelungen. „Wir gehen deshalb davon aus, dass wir in der gesamten Gesellschaft und in den Schulen noch vor Weihnachten einen erneuten Teil- oder Voll-Lockdown erleben werden, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen der Politiker. Die Realität bestimmt das Geschehen, nicht das politische Wunschdenken.“

Jetzt, da die Infektionslage eskaliere, sei die Frage, „wie schaffen wir es, an den Schulen möglichst lange Präsenzunterricht anbieten zu können und dabei die Kinder und Jugendlichen zu schützen“, sagt Michael Mittelstaedt, Vorsitzender des Landeselternbeirats. Impfen funktioniere so schnell nicht, weil das zu lange dauern wird. „Was bleibt? Die Schutzschilde hochhalten, also Masken und testen, testen testen – und zwar alle“, führt Mittelstaedt aus. Auch die Geimpften.

Schultests auch für Geimpfte

Zwar könne es sein, dass Antigen-Schnelltests nicht ansprechen, wenn die Virenlast zu gering ist. Dann  sei man aber auch weniger infektiös. „Wir müssen diejenigen herausfinden, deren Virenlast hoch ist, die infektiös sind“, sagt Mittelstaedt. Da sprechen die Tests auch bei Geimpften an. „Die Schultestungen machen viel Arbeit, ja, aber sie müssen sein, für alle!“ Auch der Philologenverband fordert Tests für alle Lehrkräfte und Schüler. Das bringe mehr Sicherheit. Angesichts der Impfdurchbrüche sei das Testen aller Lehrkräfte, vielleicht mit Ausnahme der kürzlich geboosterter, „wichtig“, sagt Scholl. Möglichst alle Schulen sollten PCR-Pooltests machen: Sie schlagen früher an, haben weniger falsche Ergebnisse und seien viel schneller durchführbar. „Das bedeutet deutlich weniger Unterrichtsausfall.“

GEW: Früher in Ferien bringt nichts

Vorzeitige Weihnachtsferien – könnten sie helfen? Die Bildungsgewerkschaft GEW hält das nur dann für sinnvoll, wenn ein allgemeiner Lockdown notwendig werden sollte. „Fast 1,5 Millionen Menschen in Baden-Württemberg werden derzeit regelmäßig getestet. Das sind die Kinder und Jugendlichen in unseren Schulen. Wenn diese statt in den Klassenzimmern zu sitzen sich privat treffen, ist das keine Lösung, mit der die Ausbreitung des Virus gebremst wird“, sagte GEW-Landesvorsitzende Monika Stein.

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Erstellt:
27. November 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. November 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. November 2021, 06:00 Uhr

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