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Tübingen · Freiburg

Klimaschutz fängt im Kleinen an

Öffentlich spielt sich der Kampf gegen die Erderwärmung vor allem auf der internationalen Bühne ab. Aber auch in Städten und Gemeinden tut sich viel, wie Beispiele aus Baden-Württemberg zeigen.

13.04.2019

Von DAVID NAU

Im Windpark „Ellwanger Berge“ auf der Ostalb erzeugen die Stadtwerke Tübingen Strom, der für rund 8200 Tübinger Haushalte ausreichen würde. Foto: Stadtwerke Tübingen/ Marquardt

Tübingen/Freiburg. Nach Energiewende sieht der große graue Gaskessel am Rande von Tübingen beim besten Willen nicht aus. Ganz anders dagegen die vielen Solarpaneele auf den Dächern der Werkshallen direkt nebenan. Hier residieren die Stadtwerke Tübingen (SWT). Seit über 100 Jahren setzt man dort auf Erneuerbare Energien, erzählt Hanno Brühl und grinst. Der Bereichsleiter für Energie und Innovation meint das Wasserkraftwerk am Neckar, das seit 1911 mithilfe des hinabstürzenden Flusses Strom erzeugt.

So richtig begann das kommunale Unternehmen allerdings genau 100 Jahre später mit dem strukturierten Ausbau von Windkraft, Wasserkraft und Solar. „Der Atomunfall in Fukushima im Jahr 2011 hat bei der Entscheidung eine Rolle gespielt“, sagt Brühl. Seither haben die Stadtwerke die Erneuerbaren stark ausgebaut. 50 Millionen Euro Eigenkapital und weitere 150 Millionen Euro an Darlehen hat Brühl zur Verfügung. Er setzt vor allem auf Windkraft und Solar. Inzwischen betreiben die Stadtwerke zehn eigene Windparks, vor allem in Süddeutschland. Zum Beispiel auf der Ostalb nördlich von Ellwangen, bei Aalen und auf der Baar zwischen Tuttlingen und Donaueschingen. An weiteren 13 Windparks sind die SWT beteiligt. Zum Portfolio gehören außerdem zehn Solarparks, die Mehrheit liegt im Nordosten Deutschlands.

Das Ziel, das man sich 2011 setzte: „Bis 2020 wollen wir die Hälfte des Tübinger Bedarfs mit Strom aus Erneuerbaren Energien decken.“ Erreicht haben die Tübinger das Ziel bereits Ende 2017. Damals erzeugten die SWT-Anlagen rund 200 Millionen Kilowattstunden Strom. Ganz Tübingen benötigt etwa 400 Millionen Kilowattstunden. Damit sparen die Stadtwerke klimaschädliches CO2: „90 000 Tonnen pro Jahr“, rechnet Brühl vor.

Nicht viel angesichts eines jährlichen CO2-Ausstoßes von rund 802 Millionen Tonnen – allein in Deutschland. Wie wirkungsvoll ist der Klimaschutz im Kleinen überhaupt?

Hanno Brühl verantwortet in Tübingen die Erneuerbaren Energien. Foto: Stadtwerke Tübingen

Keine Pflichtaufgabe für Städte

„Kommunen spielen eine sehr große Rolle für den Klimaschutz“, sagt Tanja Kenkmann. Die Wissenschaftlerin beschäftigt sich am Freiburger Öko-Institut mit kommunalen Klimaschutzkonzepten und hat den Eindruck, dass diese Erkenntnis in Rathäusern und Landratsämtern auch langsam angekommen ist. „Die Fördergelder für Klimaschutzmaßnahmen werden immer aktiver abgerufen“, stellt sie fest.

Städte und Gemeinden könnten ganz konkrete Klimaschutzprojekte umsetzen, zum Beispiel bei der Ausweisung neuer Wohngebiete. „Dabei können die Kommunen zum einen hohe Standards für die neuen Gebäude durchsetzen, zum anderen direkt eine intelligente Verkehrsplanung mitdenken und für eine klimaneutrale Wärmeversorgung sorgen“, sagt Kenkmann.

Ein Problem sei jedoch, dass Klimaschutz keine kommunale Pflichtaufgabe ist. „Dafür gibt es nicht automatisch Mittel im Haushalt“, sagt die Wissenschaftlerin. Die Gelder für beispielsweise die Einstellung eines Klimaschutzbeauftragten müssten die Städte und Gemeinden selbst zur Verfügung stellen. „Es wäre ein wichtiger Schritt, den Klimaschutz zur kommunalen Pflichtaufgabe zu erklären“, sagt Kenkmann. Denn es gebe zwar viele Kommunen, die bereits aktiv Klimaschutz betreiben, das sei aber immer abhängig von den handelnden Akteuren.

Ebenfalls abhängig sind Bürgermeister und Landräte von der Bundes- und Landespolitik. „Kommunaler Klimaschutz stößt in vielen Bereichen an Grenzen“, sagt Kenkmann. Zum Beispiel beim Verkehr. Die Senkung der Geschwindigkeit könne in vielen Städten bereits die Emissionen deutlich verringern, erklärt sie. „Tempolimits können Kommunen aber zum Beispiel auf Bundesstraßen nicht so einfach verhängen.“

Einfach gehandelt hat Jürgen Roth. Der CDU-Politiker ist seit Januar Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen, davor saß er im Rathaus der 3000-Einwohner-Gemeinde Tuningen auf dem Chefsessel. Mit einer cleveren Idee senkte der Bürgermeister den Stromverbrauch der kleinen Gemeinde. Roth ließ alle Straßenlaternen mit intelligenten LEDs ausstatten. „Wir wollten Strom einsparen“, erklärt er. Das funktioniert durch Vernetzung der einzelnen Straßenlaternen.

Statt um 23 Uhr alle Laternen in Tuningen abzuschalten, werden die Lampen nun auf 10 Prozent ihrer Leuchtkraft herunter gedimmt. Erkennt der eingebaute Wärme- und Bewegungssensor einen herannahenden Menschen, leuchtet die Straßenlaterne wieder für 90 Sekunden mit voller Leistung – und informiert auch direkt die nächste Laterne über den nahenden Tuninger. Das spart enorm Strom. „Eine normale Laterne braucht zwischen 60 und 80 Watt, unsere LED-Laternen im gedimmten Zustand lediglich drei Watt“, sagt Roth.

Damit spart die Gemeinde im Jahr rund 141 000 Kilowattstunden Strom – und bares Geld. „Das freut mein Kämmererherz“, sagt Roth. Der Klimaschutz sei ein „super Begleiteffekt“.

Kein rasantes Wachstum mehr

Bei den Tübinger Stadtwerken sind die Zeiten des rasanten Wachstums inzwischen vorbei. „Die großen Player auf dem Markt sind zu stark geworden“, sagt Hanno Brühl. Mit finanzkräftigen Großinvestoren könnten kommunale Unternehmen nicht mithalten. Und auch auf Verbraucherseite hat sich in Tübingen eine Art Sättigung eingestellt. Rund 15 Prozent aller Stromkunden der Stadtwerke beziehen Ökostrom, die Zahl ist seit längerem stabil.

Die Zukunft sieht Brühl daher in Lösungen, die näher am Verbraucher sind. Die SWT bieten zum Beispiel den sogenannten Mieterstrom. Dabei baut das Unternehmen Solarpanele auf Mietshäuser, um die Mieter mit Strom vom eigenen Dach zu versorgen. Von der Politik wünscht sich der Bereichsleiter vor allem eines: Konstanz. „Im Bereich der Erneuerbaren Energien ändern sich die Gesetze ständig.“ Das erschwere eine langfristige Planung.

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Erstellt:
13. April 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
13. April 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. April 2019, 06:00 Uhr

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