Zeit-Fragen

Kleiner Retter aus dem Ländle

Bosch-Entwickler vom Standort Reutlingen haben einen mobilen elektronischen Retter entwickelt. Das Gerät erkennt einen Unfall und alarmiert Rettungskräfte – und kann vor allem auch in älteren Fahrzeugen eingesetzt werden. Reutlinger Produkte des Konzerns sollen zudem auch für verunfallte Mountainbiker oder Wanderer von Nutzen sein.

17.04.2020

Von Eike Freese|Fotos: Horst Haas, Unternehmen

Ein Randprodukt? Vielleicht. Aber eines, auf das die Reutlinger stolz sind: Produktmanager Michael Heck mit dem kleinen „Vivatar“-Retter.

Warum bestimmte Auto-Segmente seit Jahren boomen und andere nicht, hat unter anderem mit einem zentralen Faktor der Kundenpräferenz zu tun: dem Sicherheitsgefühl. Und nicht nur im Privaten, auch politisch wird nach diesem Grundsatz entschieden: Seit ziemlich genau zwei Jahren gilt deshalb etwa in der EU-Gesetzgebung die E-Call-Pflicht für neue Pkw-Zulassungen. Das fest eingebaute E-Call-System wählt bei einem Unfall selbständig die 112, sendet die GPS-Daten des verunglückten Fahrzeugs direkt an die Rettungsleitstelle und stellt mit dem Fahrer eine Sprechverbindung her. Sensorik und Kommunikationselektronik sind dabei stets fest im Auto eingebaut. Reagiert der Fahrer nicht, werden die Rettungskräfte automatisch aktiviert.

Und mobile Systeme, zum Nachrüsten von Autos ohne eingebauten E-Call? Die gibt es merkwürdigerweise kaum. „Es ist tatsächlich so, dass wir im Grunde keinen Wettbewerber haben“, sagt Bosch-Produktmanager Michael Heck. Heck hat am Reutlinger Standort die Entwicklung eines winzigen Gerätes geleitet, das Unfälle erfasst und meldet und doch nicht größer ist als ein Zigarettenanzünder. Das System mit dem Namen „Vivatar drive“ wird über eben jene Anschlussbuchse sehr fest mit dem Auto verbunden – und erfasst, wenn unfalltypische Erschütterungen, Lageveränderungen und Tempowechsel stattfinden. Ähnlich wie beim eingebauten Sicherheitssystem gibt es über die Smartphone-App einen Alarm, GPS-Daten für die Retter und eine Telekommunikationsverbindung.

Die Tübinger Rettungswache ist im internationalen Werbefilm für den Unfallmelder zu sehen.

Viel Erfahrung hatten die Bosch-Entwickler unter anderem deshalb, weil der Konzern über Jahrzehnte Know-how in der Sicherheitssensorik aufgebaut hat. So stattet Bosch als Automobil-Zulieferer etwa auch Airbag-Systeme aus. Diese und andere Funktionen, die auslösen, wenn ein Unfallgeschehen stattfindet, sind in den allermeisten Fällen fest mit der Karosserie verbunden, bei Airbag-Sensoren etwa meist im Motorraum. „Insgesamt kann man sagen, dass die erforderliche Technologie, um einen Unfall zuverlässig erkennen zu können, nicht jede Firma hat“, so Heck.

Für die Entwickler in Reutlingen kam es darauf an, ein Gerät zu entwickeln, das zuverlässige Ergebnisse liefert, ohne die komplette Fahrzeugelektronik eines heutigen Premiumautos abrufen zu müssen: Das Produkt soll auch in einem alten VW Golf funktionieren. „Wir wollten einen einfach zu installierenden Ladestecker, bewusst ohne Zugriff auf die Daten des Fahrzeugs“, so Heck. Über Bluetooth kommuniziert das System mit der App, und wer mag, darf dort für Rettungskräfte auch Gesundheitsdaten speichern wie etwa die Blutgruppe.

Stattdessen findet die gesamte Unfallerkennung im Ladestecker statt, „ein Unterfangen, das wir tausendmal bei uns durchsimulieren, wobei wir natürlich auch mit Crash-Tests arbeiten“, so Heck. Um absolut exakte Daten zu liefern, muss der Sensor möglichst fest mit dem Auto verbunden sein – auch deshalb der Ort im Zigarettenanzünder. „Außerdem ist das ein sehr universeller Ort“, sagt Heck: „Auch Oldtimer haben einen Zigarettenanzünder.“

Im Stecker selbst werkelt ein selbstentwickeltes Betriebssystem, das unabhängig, aber kompatibel zu den gängigen Smartphones ist. Bei einem Unfall stellt es die Verbindung zu einem europaweit agierenden Notfall-Call-Center mit Sitz in Berlin her – auch aus dem Ausland.

Bosch Werbefilm für einen automatischen Unfallmelder im Auto mit der Leitstelle Tübingen.

Rund zwei Jahre haben die Bosch-Entwickler an dem Minigerät in variablen Teams gearbeitet. „Zunächst legt das Produktmanagement Grundlagen fest wie etwa den Umfang der Funktionalitäten oder die Art der Bedienung“, so Heck. Im zweiten Schritt arbeiten unterschiedlichste Fach-Ingenieure am Gerät selbst, „vielleicht werden es am Ende zehn bis zwanzig gewesen sein“, schätzt Heck. Software-Ingenieure entwickelten aus den Signalen, die das Gerät liefert, einen Algorithmus, der erkennt, ob ein Unfall stattgefunden hat oder nicht. „Währenddessen gibt es auch immer Abwägungsentscheidungen zu treffen“, so Heck: „Designer wollen, dass etwas klein und schön ist, Entwickler wollen möglichst viel Platz.“ Letztendlich produziert wird das Gerät dann ebenfalls von Bosch an eigenen Standorten in China.

Gegenüber dem Gesamtumsatz des Konzerns von rund 78 Milliarden Euro im Jahr 2019 stehe der Umsatz des Vivatar Drive „gewiss eher für ein Randprodukt“, so Heck – aber eines, auf das man stolz sei, auch, weil es auf den Markt der Konsumentenprodukte abziele, der nicht das Kerngeschäft des Gesamtkonzerns ist. Auf einen ähnlichen Markt zielt auch ein Schwesterprodukt namens Vivatar Go: Das ist ein superkleiner Alarm-Knopf, der unabhängig vom Auto, etwa bei einem Fahrrad-Unfall oder beim Wandern, Positionsdaten übermitteln und denselben Notruf wie bei einem Autounfall senden kann. Das Produkt soll etwa auch Menschen, die in unsicherem Gelände oder in düsteren Stadtteilen unterwegs sind Sicherheit bieten.

„Die allermeisten Schritte in der Entwicklung wurden von Reutlingen aus getätigt“, sagt Michael Heck. Dazu gehört auch der Werbespot, der in aller Welt für das Gerät trommeln soll: Die Produktion wurde in der Region gemacht – und sie beinhaltet auch die Rettungswache des DRK in Derendingen (siehe Bild). „Die Leute vom Roten Kreuz fanden das Gerät natürlich gut und haben uns deshalb gerne unterstützt“, sagt Produktmanager Heck.

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Erstellt:
17. April 2020, 07:25 Uhr
Aktualisiert:
17. April 2020, 07:25 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. April 2020, 07:25 Uhr

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