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Baden-Württemberg – China

Klein-Silicon-Valley im Heilklima

Wenn hierzulande ein örtlich eingegrenzter Wirtschaftsaufbruch wie aus dem Nichts, wie vom Himmel gefallen passiert, spricht der Betrachter gern gleich mal von einem Silicon Valley. Dass eines Tages auch der ziemlich überschaubar kleine, verträumte Heilklima-Kurort Obertal weit hinten im Tal der Murg in einen Start-up-Aufruhr nach kalifornischem Vorbild geraten würde, hätte wohl niemand für möglich gehalten.

14.12.2018

Von TEXT: Siegfried Schmidt|FOTOs: Rita Ott, Siegfried Schmidt, Unternehmen

Eine Meisterin in
Sachen Selbstvermarktung. Das Wellness- und Gesundheitszentrum für die chinesischen Kurgäste in Baiersbronn-Obertal wirbt mit dem Konterfei der Gastgeberin im XXL-Format.

Doch mit der Ankunft der chinesischen Schönheits-Unternehmerin Wenhong Yu aus dem großen Reich der Mitte vor vier Jahren wurde das idyllische Schwarzwald-Örtchen auf einen Schlag berühmt, trendy und sogar ein wenig glamouresk.

Mit der 2014 vollzogenen Übernahme des ehemaligen Schwarzwald-Sanatoriums Obertal und dessen Neueröffnung als Gesundheits- und Wellnessklinik für gut betuchte Landsleute hat die schöne und erfolgreiche Investorin in der Art eines deus ex machina nicht nur eine abgelegene Kuroase regelrecht wachgeküsst, sondern auch neues Geschäftsmodell begründet – und nebenbei so etwas wie ein Mini-Wirtschaftwunder ausgelöst. Oder hätte jemand je gedacht, dass in dem Dorf eine Edelboutique ihre wenn auch zeitlich beschränkten Dienste einmal anbietet. Dass Gäste von hier aus zu großen, teuren Shoppingtouren nach Baden-Baden oder Stuttgart aufbrechen und dann glücklich in ihr zwar gediegen aufgefrischtes, aber nicht gerade elitär-ausgefallen wirkendes Klinik-Resort zurückkehren?

Wer Wenhong Yu’s Deutschland-Outlet in der Rechtmurgstraße 27 betritt, erkennt gleich anhand der Schauvitrinen mit Luxuswaren und den obligaten Schwarzwald-Souvenirs die Anleihen aus der Glitzerwelt der Metropolen-Hotels. Und die reiche Unternehmerin ist als Meisterin der Selbstvermarktung auf allen Gängen bildlich präsent. An der Hausfassade grüßt ein riesiges Konterfei wie aus längst vergangenen Mao-Zeiten vom nunmehr kapitalistisch verstandenen Personenkult um den jugendlich, ja mädchengleich wirkenden Marketing-Popstar.

Die HG Health GmbH betreibt das Klinikum für die reichen Kurpatienten aus dem fernen Osten. 50 Belegbetten stehen bereit. Weil die chinesische Klientel aber regelmäßig mit Angehörigen, Freunden und Partnern anreist, werden die 160 Hotelplätze mitunter gut ausgelastet. Stefan Mosler, der deutsche Geschäftsführer des Tochterunternehmens, sieht eine klare Geschäftsausrichtung mit den Gruppen-Aufenthalten dieser gesundheitsaffinen und auch Schönheits-erpichten Kundschaft hergestellt: „Unsere Gäste wollen pro-aktiv auf ihre körperliche Verfassung einwirken und bestimmte Defizite ausgleichen.“ Das Sanatorium verstehe sich deshalb als Vorsorge-Unternehmen, das sich um Prävention und Heilung kümmert.

Zum medizinischen Angebot der Health GmbH zählen etwa Therapien zur Entgiftung und Revitalisierung, darunter Sauerstofftherapie-Verfahren, Eigenblutbehandlung, Infusions-Ansätze mit Vitalstoffen oder die Ganzkörperhyperthermie zur Stoffwechselaktivierung und Steigerung der Immunabwehr. Das Behandlungsspektrum reicht auch noch weiter und schließt zum Beispiel Anti-Aging-Verfahren mit natürlichen Hormonen oder Laser-Therapien gegen Schmerzzustände sowie therapeutische Maßnahmen am Bewegungsapparat und balneologische Wirkmechanismen mit ein.

Zum erfolgreichen chinesischen Start-Up konnte Obertal jedoch nur werden, weil hier einerseits die realen Träume zivilisationsgeplagter Chinesen aus der Oberschicht in ihren luftbelasteten, stressigen Großstädten und Ballungsregionen durch sprichwörtlich gute Luft und prickelnd feines Schwarzwald-Klima bedient werden, und weil andererseits der kostspielige Europa-Trip durch Sightseeing-Ausflüge in die nahen altdeutschen Romantik-Ecken und preiswerten Konsum-Pilgerstätten höchst verlockend und imageträchtig wirkt.

Unternehmerin Wenhong Yu, 48 Jahre, gebietet übrigens in China mit ihrem Konzern Young Merry Real International Group über ein Imperium von rund 4500 Gesundheits- und Schönheits-Studios, die durch ein Franchise-System verknüpft sind. Die ausgewiesene Jet Set-Dame, die vor einem Jahr mit ihrem jungen albanischen Lebensgefährten mal eben so eine stylische Modekollektion beim Filmfestival in Cannes ersteigerte – und dann in Obertal stolz präsentierte – ist, wie Insider berichten, permanent und auch weltweit auf der Suche nach neuen Therapieformen oder Schönheits-Anwendungen.

Obertal hat Wenhong Yu, auch das eine phantastisch anmutende Gründer-Story, selbst entdeckt und ausgekundschaftet. 2011 war sie in Baiersbronn erstmals als fremder Gast. Die Chinesin hatte in einem Buch einen Artikel über Naturheilverfahren in dem früheren Schwarzwald-Sanatorium Obertal gelesen und deshalb Gebäude und Umgebung in Augenschein genommen.

Der Heilklima-Ort der Premiumklasse in bestechender Naturkulisse, mit intakter Umwelt und bester Luftqualität sowie dem leer stehenden MedicalResort Obertal bot die idealen Bedingungen für ein Auslands-Engagement. Vor 2 Jahren hat Wenhong Yu hier noch ein 2. deutsches Unternehmen gegründet. Die Handelsfirma Jolly One mit Sitz in Obertal soll als Plattform beim Einfädeln von deutsch-chinesischen Wirtschaftsinvestitionen in beiden Ländern helfen. Noch ein Hauch Silicon Valley mehr also.

Eine prominente, hochgehandelte Ikone des Schönheits-Business in China: Die Unternehmerin Wenhong Yu weiß sich in Mode und Aussehen wie ein internationaler Star in Szene zu setzen.

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Erstellt:
14. Dezember 2018, 06:55 Uhr
Aktualisiert:
14. Dezember 2018, 06:55 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2018, 06:55 Uhr

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