Gesundheit

Kiffen und Trinken im Vergleich: Was ist gefährlicher?

Alkohol ist in Deutschland eine Volksdroge. Cannabis war bisher verboten, soll nun aber legalisiert werden. Die beiden Drogen im Vergleich.

30.11.2021

Von Christina Sticht, dpa

Cannabis wirkt häufig beruhigend, kann aber auch Angst auslösen. Bild: Arne Immanuel/dpa

Hannover. Wer ab und zu einen Joint raucht, führt gern als Argument an, dass die legale Droge Alkohol gesundheitsschädlicher sei als Marihuana oder Haschisch. Noch zählt Cannabis in Deutschland zu den illegalen Drogen, doch die Ampel-Parteien planen eine kontrollierte Abgabe von Gras & Co an über 18-Jährige. Welche gesundheitlichen Schäden verursachen Alkohol und Cannabis? Wie schätzen Wissenschaftler die Gefahren ein?

Wirkung Alkohol ist ein Zellgift, das schnell über die Blutbahn in den gesamten Körper gelangt. Im Gehirn verändert Alkohol die Informationsübertragung, bei größeren Mengen kann es zu einer Alkoholvergiftung kommen. Die Hanfpflanze Cannabis sativa enthält mehr als 60 Cannabinoide, von denen das THC als stärkste psychoaktive Substanz eingestuft wird. Im ganzen Körper gibt es Rezeptoren, an denen körpereigene Cannabinoide, aber auch THC andocken. Generell sind die Effekte von Alkohol besser erforscht, bei Cannabis kommt die Schwierigkeit hinzu, dass der THC-Gehalt der Pflanzen höchst unterschiedlich sein kann.

Akute negative Folgen Beide Substanzen wirken sehr schnell auf das Gehirn. Konzentration und Gedächtnisleistung schwinden. Alkoholeinfluss ist eine der häufigsten Unfallursachen im Straßenverkehr. Alkohol steigert bei manchen Menschen die Aggressivität – fast jede dritte Gewalttat geschieht unter Alkoholeinfluss. Cannabis wirkt zwar bei vielen entspannend und beruhigend, es kann aber auch Angst und Panik auslösen.

Langfristige Schäden Wer zu häufig Alkohol trinkt, senkt seine Lebenserwartung. Viele denken bei dem Thema nur an Alkoholabhängigkeit. Es seien aber mehr als 200 Krankheiten bekannt, die durch Alkoholkonsum begünstigt oder direkt verursacht werden, sagt Ulrich John, Sozialmediziner von der Universitätsmedizin Greifswald. Zu ihnen zählen viele Leber-, Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Jüngste Studien widerlegen zudem den Mythos, dass Alkohol in Maßen einen generell positiven Effekt habe. So steigt zum Beispiel das Brustkrebsrisiko schon bei drei bis sechs Gläsern Alkohol pro Woche. Bei Cannabis gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang mit Erkrankungen wie Depressionen oder Hodenkrebs. Mehrere Studien belegen, dass das Psychose-Risiko steigt – insbesondere wenn früh mit dem Kiffen begonnen wird.

Todesfälle Nach Schätzungen des Suchtforschers Jakob Manthey waren im Jahr 2016 etwa fünf Prozent aller Todesfälle – also rund 44 000 – auf den Konsum von Alkohol zurückzuführen. Vergleichbare Schätzungen für die gesundheitlichen Auswirkungen von Cannabis liegen nicht vor. Es sei jedoch plausibel anzunehmen, dass auch Todesfälle aufgrund von Cannabis-Konsum zu beklagen sind, sagt der Psychologe, der am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) forscht. 2019 seien 52 Personen durch Verkehrsunfälle, bei denen Cannabis oder andere Drogen eine Rolle gespielt hätten, ums Leben gekommen. Zudem rauchten mehr als 80 Prozent der Konsumenten Cannabis zusammen mit Tabak, womit sie sich einem erhöhten Krebsrisiko aussetzen.

Jugendgefährdung Sowohl Alkohol- als auch Cannabiskonsum im Jugendalter schädigen die Gehirnentwicklung. Der Kinder- und Jugendpsychiater Rainer Thomasius warnt vor Hirnschädigungen selbst durch gelegentlichen Cannabis-Konsum. Das Gehirn sei auch mit 18 Jahren noch nicht ausgereift, sagt der Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am UKE. Es drohten Minderungen der Intelligenz, Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit. Wer früh mit dem Trinken beginnt, trinkt auch später oft zu viel, wird abhängig oder hat bereits im Alter von 40, 50 Jahren Folgeerkrankungen wie eine Fettleber.

Suchtpotenzial Dem Epidemiologische Suchtsurvey 2018 zufolge konsumieren 6,7 Millionen Menschen in Deutschland zwischen 18 und 64 Jahren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Etwa 1,6 Millionen Menschen dieser Altersgruppe gelten als alkoholabhängig. Der gleichen Untersuchung zufolge haben 3,7 Millionen Menschen mindestens einmal innerhalb der letzten zwölf Monate Cannabis konsumiert, 309 000 Personen seien abhängig von Cannabis. Während der Alkohol- und Tabakkonsum bei jungen Menschen zurückgeht, wird das Kiffen laut Befragungen beliebter. Mediziner schätzen das Suchtpotenzial beider Substanzen ähnlich ein. Beim Alkoholentzug zeigten sich allerdings im Gegensatz zu Cannabis besonders schwerwiegende körperliche Entzugserscheinungen.

Bevölkerung ist gespalten

Die geplante Legalisierung von Cannabis spaltet einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey zufolge die Menschen in Deutschland. 43 Prozent sprachen sich in einer aktuellen Befragung für die Idee der künftigen Ampel-Koalition aus. Genauso viele lehnen sie ab. Auch durch die Generationen geht ein Riss. Zwei Drittel der 18- bis 29-Jährigen sind dafür, Cannabis freizugeben, zwei Drittel der über 65-Jährigen sind dagegen oder unentschieden.

Die künftige Koalition plant eine „kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften“. Dadurch würden die Qualität kontrolliert und die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert.

Zum Artikel

Erstellt:
30. November 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
30. November 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. November 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App