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Nachruf · Hans-Jörg Müller

Keiner erzählte die Geschichten wie er

Er hatte den Blues, und zwar mit der Muttermilch aufgesogen: Zum Tod des ehemaligen Black-Cat-Bone-Gitarristen Hans-Jörg Müller.

16.08.2019

Von Wilhelm Triebold

Hans-Jörg Müller im Tübinger Abschiedsjahr 2002 beim Konzert mit Blues Aces im Tübinger Café Parterre. Bild: Ulrich Metz

Eigentlich steht noch in diesem Jahr das Bühnenjubiläum an. 40 Jahre Black Cat Bone – die mit Abstand beste Rock- und Bluesband, die Tübingen je hervorgebracht hat. Das „eigentlich“ bezieht sich allerdings darauf, dass Black Cat Bone, ohne der jetzigen Besetzung allzu nahe zu treten, den Verlust ihres phantastischen Sologitarristen Hans-Jörg (Hansi) Müller nie ganz verschmerzt hat und danach nie zu einstiger Größe zurückfand. Nun ist Müller, fern der schwäbischen Blues-Heimat, in anderen Jagdgründen, in Gainsville/Florida nach schwerer Krankheit gestorben.

Er war ein außergewöhnlicher Musiker. Aufgewachsen als Jüngstes von sieben Geschwistern, darunter eine Schwester, in Dettingen/Erms. Als in der Familie einige der fünf älteren Brüder den Bluesrock für sich entdeckten, sperrte Hansi – selbst noch zu klein, um mitzuspielen – begierig die Ohren auf.

„Er hatte ein unglaublich gutes Ohr“, sagt Werner Müller-Grimmel, heute Kulturjournalist, über das aufmerksame Nesthäkchen der Familie. Und: „Er hat mit der Muttermilch den Blues aufgesogen.“ Relativ bald durfte Hansi bei den Großen aushelfen, etwa wenn Bruder Günther an der Leadgitarre verhindert war.

Mit „Walter Rab‘s Blueshouse“ (schon mit Werners Schulfreund Stephan Wegner am Bass) entstand ein Vorläufer von Black Cat Bone, als dessen Gründungsdatum und Initiationsritus wiederum das „Rock-gegen-Rechts“-Konzert im November 1979 auf der Morgenstelle gilt. Mit dabei ein weiterer Müller-Bruder, Robert an den Drums.

Ein begnadeter Gitarrist

Schnell spielte sich Black Cat Bone mit der Kern-Formation Hans-Jörg Müller, Stephan Wegner und (nach 1983) Drummer Uli Wagner in die obere Tabellenhälfte der Bundesbluesliga, wurde von Champion Jack Dupree auf die Konzertbühne und ins Plattenstudio geleitet. Das Debütalbum „Am Arsch der Welt“ ließ TAGBLATT-Popkritiker Wolfgang Alber 1983 hellsichtig festhalten: „Hans-Jörg-Müller darf man getrost zu den besten deutschen Bluesgitarristen rechnen.“

Das sollte so bleiben. Hans-Jörg Müller erwies sich als „treibende Kraft und Initiator“ der Gruppe, so Müller-Grimmel – und er rühmt den „begnadeten Gitarristen“ auch jenseits aller brüderlichen Familienboni: „Kaum jemand konnte Geschichten auf der Gitarre so packend erzählen wie er. Dieses minimale Verschieben im Metrum, nicht auf den Takt gestanzt, das hat er sehr lebendig gemacht. Wie vielleicht noch B.B.King.“ Darüber hinaus, erinnert sich der ältere Bruder, war er „nicht nur fokussiert auf den Bluesrock, liebte auch die klassische Musik, insbesondere Schumann und Brahms, nahm in Tübingen sogar klassischen Klavierunterricht. Spielte darüber hinaus eben auch Bluespiano, unterrichtete es sogar, neben Bass, Bluesharp und vor allem die unterschiedlichen Gitarrenarten, nachdem er im Jahr 2002 nach Amerika übersiedelte.

Urbesetzung: Black Cat Bone im Jahr 1982 mit (von links) Hans-Jörg Müller, Stephan Wegner, Robert Müller und Albrecht Schäfer. Bild: Privat

Das hatte private Gründe. Black Cat Bone hatte sich auf Betreiben Hans-Jörg Müllers einen Herzenswunsch erfüllt und war mit Mick Taylor, dem Ex-Rolling-Stone, erst ins Sudhaus-Neckarsound-Studio und später in ein New Yorker Tonstudio gegangen. So wird er dann wohl Mick Taylors Backgroundsängerin Susan McMinimin kennen und lieben gelernt haben, zog mit ihr nach Defuniak Springs in Northwest Florida, wurde der Stiefvater von Susans (und Mick Taylors) kleiner Tochter Emma, nahm schließlich den Nachnamen seiner Frau an. Jobbte vorübergehend in einer Weinhandlung und versuchte als Session- und Studiomusiker, aber auch als Musiklehrer („Hans’ School of Rock“) Fuß zu fassen.

Seltene Soli in Tübingen

Zumeist an Weihnachten war er, jedenfalls bis 2010, regelmäßig auf Heimaturlaub in Bleichstetten bei St. Johann. Und trat musikalisch, nachdem er in den USA seine Soloauftritte perfektioniert hatte, sogar wieder in Erscheinung, zum Beispiel 2005 in Tübingen – ein Auftritt, an den Müller-Grimmel bis heute fast andächtig denkt. Zu Black Cat Bone, seiner alten Band, war mittlerweile aber eine offenbar unüberbrückbare Distanz gewachsen. Ein Abstand, der von vielen hier sehr bedauert wurde.

Black Cat Bone ist die Bezeichnung eines magischen Katzenknochens, der Glück bringen soll. Schwer zu sagen, wie sehr das Glück den Gitarristen Hansi Müller, der wahrlich den Blues hatte, in seiner zweiten Lebensphase ereilt hatte. Zu wünschen war es ihm. Zuletzt war er allerdings, schwer erkrankt, viermal in der Klinik, davon zweimal im Koma auf der Intensivstation. Als die Ärzte Hoffnung hatten, er könnte sich erholen, erlitt er Blutungen in der Luftröhre und starb am 1. August im Hospital von Gainsville. Er wurde 61 Jahre alt.

Wer nicht mehr die frühen, vielleicht schon angestaubten Black-Cat-Bone-Alben mit Hans-Jörg Müller aus der eigenen CD-Sammlung hervorkramen kann, möge bei Youtube reinzuhören, diesem riesigen Gedächtnisspeicher längst vergangener Musik. Etwa in die Nummer „Guitar Slinger“ von der wirklich gelungenen CD „Livin‘ On The Hog“, mit der die „Deutsche Bluesmaschine“ Black Cat Bone Ende der 1980er-Jahre open air in Konstanz losfetzte. Oder in Hansi Müllers Begleitschutz für Katie Webster beim Gang über „Bullie‘s Soulfood Place“. Oder, wie er neben Mick Taylor besteht. Es lohnt wirklich.

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Erstellt:
16. August 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
16. August 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. August 2019, 01:00 Uhr

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