Sie haben Lust auf Lernen

Jugendliche aus vielen Ländern besuchen freiwillig die Sommerschule

Knapp 20 Jugendliche spurten durch den Garten des Tübinger Carlo-Schmid-Gymnasiums und suchen Zettel mit konjugierten Verben: läufst, geht, arbeiten, esst. Was sie gefunden haben, ordnen sie dann den richtigen Personalpronomen du, er, wir, ihr zu. Die von der Stadt Tübingen geförderte Sommerschule zum Deutschlernen kommt an: Alle Daumen zeigen nach oben.

01.09.2016

Von Ute Kaiser

Drei Wochen ihrer Ferien verbringen Schüler/innen aus Internationalen Vorbereitungsklassen in Tübingen vormittags in der Sommerschule im Carlo-Schmid-Gymnasium, um noch besser Deutsch zu lernen. Marina Menner (Zweite von rechts) von der Tübinger Sprachtraining-Schule „Vivat Lingua!“ ist eine ihrer drei Lehrerinnen. Bild: Faden

Tübingen. Arsalan ist vor 16 Jahren im afghanischen Kunduz geboren. Der Jugendliche, der die Internationale Vorbereitungsklasse an der Tübinger Mathilde-Weber-Schule besucht, puzzelt Sätze aus einzelnen Wörtern zusammen: „Mein Vater kauft das Auto nicht, weil es ihm nicht gefällt.“ Einen Ordner mit Arbeitsblättern haben er und die anderen Teilnehmer/innen der Sommerschule von der Tübinger Sprach-Schule „Vivat Lingua!“ bekommen.

„Vivat Lingua!“-Firmengründerin Adelheid Kumpf hatte die Idee zu dem dreiwöchigen Projekt für Kinder und Jugendliche aus Internationalen Vorbereitungsklassen in Tübingen. Ihre Überlegung: Tübingen hat eine Kinder-Uni, einen Sommerkurs für ausländische Gaststudierende und eine Sommer-Universität. „Höchste Zeit also für eine Sommerschule für Kinder, die freiwillig lernen möchten und einen besseren Start nach den Sommerferien haben wollen“, fand Kumpf .

Sie wandte sich mit ihrem Anliegen an die Stadt und überzeugte mit ihrem Konzept. Luzia Köberlein, unter anderem für Integration zuständig, unterstützt das Projekt mit knapp 5000 Euro aus einem städtischen Fördertopf, in den auch Mittel aus dem Landesprogramm „Gemeinsam in Vielfalt“ flossen. Das städtische Integrationskonzept sieht unter anderem Sprachförderung für eine bessere Integration vor, sagt die städtische Pressesprecherin Sabine Schmincke auf Nachfrage. „Das Projekt ist absolut sinnvoll.“

Marina Menner und Carina Kramer, Sprachlehrerinnen bei „Vivat Lingua!“, und die Studentin Carina Marquardt, die ein Praktikum macht, motivieren und leiten um die 20 Jugendliche aus Afghanistan, Italien Irak, Iran, dem Kosovo, Syrien und Venezuela an. Sie sind zwischen 9 und 17 Jahre alt. Am Suchspiel haben alle unabhängig vom Alter Spaß.

Im Klassenzimmer des Carlo-Schmid-Gymnasiums (CSG), das neben der Stadt Kooperationspartner ist, hängen Regeln. Die erste heißt: „Ich höre zu, wenn die anderen reden.“ Das klappt meistens. Marina Menner, die mit Carina Kramer das Konzept für jeden Unterrichtsvormittag ausarbeitet, begeistert, „wie sich die Teilnehmer entwickeln“ – besonders, dass sie wirklich lernen wollen.

Alessandro, 12, aus Italien, beugt sich über ein Arbeitsblatt mit Bildern, das er sich selbst ausgesucht hat. Seine Aufgabe: Gegensätze zu finden wie heiß und kalt oder klein und groß. Andere Schüler verbinden Zeichnungen von Fahrzeugen mit Substantiven. Bei der Stillarbeit ist es ruhig im Klassenzimmer. Wer Unterstützung braucht, holt sie sich bei einer der drei Lehrerinnen.

Später geht es um Präpositionen. Alle Schüler/innen sollen einen Pokéball auf, neben unter oder zwischen etwas zeichnen. Ajlinda aus dem Kosovo hat das Malen an diesem Tag am besten gefallen, wie sie beim Feedback nach gut zwei Stunden sagt. Die 13-Jährige ist eine von drei Sommerschul-Jugendlichen, die nach den großen Ferien auf das CSG gehen werden (siehe Info).

Vor dem Unterricht müssen die Schüler/innen ihre Handys abliefern. Die sind im Klassenzimmer verboten. Für die letzte Herausforderung des Tages holen sie sie aus einer Kiste. „Ihr dürft kreativ sein“, ermuntert Marina Menner die Kleingruppen, die sie eingeteilt hat. Deren Aufgabe: Bilder zu je einer Präposition zu machen. Sie fotografieren sich gegenseitig unter einem Tisch oder auf einer Bank und schreiben zum Abschluss einen Satz zu jeder Aufnahme.

Auch in der Sommerschule gibt es Hausaufgaben. Die Jugendlichen sollen ihre Fotos an Marina Menner mailen und das neunte Kapitel aus dem Buch „Die kleine Hexe“ lesen. Was die Schwestern Haya, 14, und Duha, 17, aus Syrien noch vor sich haben, hat Miguel, 14, aus Venezuela längst erledigt. Er ist schon bei Kapitel 15. Das Buch gefällt ihm. Yasin, 16, aus Afghanistan ist mit dem ganzen Tag zufrieden. Auf die Frage, was daran gut war, sagt er nur: „Alles.“

Erste Vorbereitungsklasse an einem Tübinger Gymnasium

Das Carlo-Schmid-Gymnasium (CSG) ist öfter Vorreiter. Es führte schon 2012 islamischen Religionsunterricht ein. Im kommenden Schuljahr wird es dort – mit Genehmigung des Stuttgarter Kultusministeriums, eine Internationale Vorbereitungsklasse geben. „Mit gymnasialer Perspektive“, so Schulleiterin Hanna Sumski. In sie werden unter anderem drei Jugendliche aus der Sommerschule aufgenommen, die großes Interesse am Lernen haben. Die Klasse steht aber auch Kindern von „Wissenschaftsnomaden“ offen – ausländischen Forschern, die an die Tübinger Universität kommen. Die CSG-Lehrer Birgit Schumacher und Georg Bertrams „haben das Projekt auf den Weg gebracht“, so Sumski.

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Erstellt:
1. September 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
1. September 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. September 2016, 01:00 Uhr

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