„Jede Disziplin ist betroffen“

Interview mit Sportpsychologin Jeannine Ohlert über sexuelle Gewalt im Sport

Lange hat der Sport das Thema ausgeblendet. Doch immer mehr Betroffene melden sich. Für Sportpsychologin Jeannine Ohlert ist das ein ermutigendes Zeichen.

14.11.2020

Von Elisabeth Zoll

Körperkontakt zwischen Trainer und Schüler lässt sich im Judo kaum vermeiden. Doch wo werden Grenzen überschritten? Foto: Dmytro Zinkevych.shutterstock

Es geht um Macht. Auch im Sport. Vereinsvorstände und Trainer können Jugendlichen suggerieren, dass sie ohne den Verein nicht weiterkommen. Die Abhängigkeit öffne die Tür für Missbrauch, sagt die Sportpsychologin Jeannine Ohlert, die an der Deutschen Sporthochschule Köln und an der Uni Ulm zum Thema forscht.

Wird sexualisierte Gewalt im Sport noch immer unterschätzt?

Jeannine Ohlert: Das kommt ganz auf den Verband, den Verein an. Manche sind sehr aktiv. Daneben gibt es welche die sagen, das Thema ist für uns nicht relevant.

Das verwundert, denn das Thema beschäftigt uns seit vielen Jahren. Warum ist es im Sport noch nicht überall angekommen?

In kleineren Vereinen wird oft gedacht: Wir kennen ja alle. Das ist für manche Vereinsfunktionäre Grund, die Augen zu verschließen. Sie gehen von Einzelfällen aus oder sagen: Bei uns hat man gar keine Gelegenheit. Das stimmt nicht. Unsere Athletenbefragung zeigt: Sexualisierte Gewalt kann es überall geben. Sie kommt in allen Disziplinen vor.

In den Kirchen war es lange undenkbar, dass ausgerechnet von Klerikern eine Gefahr für Kinder ausgehen könnte. Gilt vergleichbares auch für Vereinsvorstände und Trainer?

Sexualität hat immer etwas mit Macht und Autorität zu tun. Man weiß, dass viele Menschen, die sexuell übergriffig werden, gar nicht pädophil sind. Für sie sind Kinder und Jugendliche gerade greifbar. Vereinsvorstände oder Trainer, die sich um Jugendliche kümmern, werden Übergriffe oft nicht zugetraut. Aber genau die haben Macht über die Kinder. Sie können ihnen suggerieren, dass diese ohne den Verein, ohne die eigene Person nicht weiterkommen. Da wird der Ehrgeiz der Jugendlichen ausgenutzt. In solch einer Abhängigkeitsspirale ist dann vieles möglich. Leider.

Vereinsstrukturen sind oft männerdominiert. Spielt das eine Rolle?

Dieser Faktor wird immer wieder als Problem genannt. Männerdominierte Strukturen führen dazu, dass leichter vertuscht, verschwiegen oder abwiegelt wird, nach dem Motto: Der hat es gar nicht so gemeint. Nach unseren Studien sind Vereine, die Frauen im Vorstand haben, viel weiter bei der Prävention. Sie haben auch häufiger Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt ergriffen.

Hindert der „Sportsgeist“ Betroffene daran, über Gewalt zu sprechen?

Reden wird dann besonders schwierig, wenn Betroffene wissen, dass der Täter gut vernetzt ist. In kleineren Vereinen kann der Täter der Vater einer Mitschülerin sein oder der nette Nachbar.

Ist der Sport ein besonders gefährliches Terrain für Kinder?

Die Zahlen im Sport gleichen denen, die wir in anderen Bereichen der Gesellschaft finden. Und doch gibt es spezielle Risikofaktoren. Das ist zum einen die Männerdominanz. Hinzu kommt: Leistungssportler verbringen extrem viel Zeit im Verein. Das ist eine Welt, in die Außenstehende wenig Einblick haben und aus der Sportler nicht einfach heraus können. Sie haben ja oft nichts anderes. Darüber hinaus sind Athleten gewohnt, über ihre Grenzen zu gehen. Sie müssen Schmerzen aushalten, um erfolgreich zu sein. Unser Verdacht ist, dass auch bei sexuellen Übergriffen die Grenzen nicht so klar erkannt werden.

Ist der Breitensport davon ebenso betroffen wie der Spitzensport?

Zum Breitensport haben wir noch keine Zahlen. Aber auch dort trainieren Sportler auf sehr hohem Niveau. Auch dort gibt es Jugendliche, die sich ein Leben ohne den Verein kaum vorstellen können. Wir haben da vergleichbare Strukturen.

Gibt es besonders risikoreiche Sportarten?

Nein. Nach unserer Befragung von 1500 Athleten gibt es keine Sportart, die nicht betroffen wäre.

Sportpsychologin Jeannine Ohlert. Foto: Privat

Sie beziehen sich auf die Studie „Safe Sport“, die sexuelle Gewalt im Sport erstmals systematisch untersucht hat. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Ein Ergebnis war, dass sexualisierte Gewalt überall vorkommt. Nach unserer Studie war ein Drittel der befragten Sportler schon einmal von sexualisierter Gewalt betroffen. Einer von zwölf Sportlern sogar von schwerer Gewalt. Wir fassen darunter nicht nur Vergewaltigung, sondern auch sexualisierte Gewalt über einen längeren Zeitraum. Das können unangenehme Berührungen sein, unangenehme Massagen.

Was wissen Sie über die Betroffenen, was über die Täter?

Wir wissen, dass junge Frauen häufiger betroffen sind als junge Männer. Und dass die erste Gewalterfahrung häufig im Jugendalter stattfindet. Nicht negativ zu Buche schlagen dagegen die Faktoren Migrationshintergrund oder Behinderung. Da gibt es keine Auffälligkeiten.

Und die Täter?

Unsere Studie hat auch „leichtere“ Übergriffe erfasst, wie das Hinterherpfeifen, Mails mit sexualisiertem Inhalt, zotige Witze. Sie sind auf den ersten Blick „nicht so schlimm“. Doch sie belasten junge Menschen, vor allem wenn sie immer wieder damit konfrontiert werden. Mildere und moderatere Formen der sexualisierten Gewalt können auch von Frauen ausgehen. Bei schweren Fällen von Gewalt sind die Täter Männer. Nicht übersehen werden darf, dass Gewalt auch von Gleichaltrigen ausgehen kann. Das ist wichtig für Präventionskonzepte.

Geht es auch da um Macht?

Ja. Auch Gleichaltrige versuchen, mit Bloßstellungen Macht zu demonstrieren. Manchmal schließen sich Jugendliche zusammen und drangsalieren einen Sportkollegen.

Was sagen Sie Menschen, die von Einzeltätern reden?

Unsere Zahlen widerlegen das eindeutig. Nach Geschlechtern differenziert hat rund die Hälfte der Frauen einschlägige Erfahrungen gemacht, bei männlichen Sportlern ist es jeder Vierte. Da kann man nicht mehr von Einzelfällen reden.

Wie kommt es, dass sich trotzdem nur rund hundert Athleten bei der Unabhängigen Missbrauchskommission gemeldet haben?

Die Schwelle über solch ein privates Thema zu reden ist hoch. Und dann auch noch in der Öffentlichkeit . . . Ein Drittel der von uns befragten Athleten hat gesagt, dass sie oder er noch nie über die Vorfälle geredet hat. Auch nicht mit Freunden oder Eltern. Deshalb ist es super, dass sich so viele bei der Missbrauchskommission gemeldet haben.

Wie beurteilen Sie die bisherige Aufarbeitung?

Da hat der Sport noch Nachholbedarf. Gut vorangekommen ist er dagegen bei der Prävention. Es gibt immer mehr Vorgaben für die Verbände. Das ist gut. Ein wichtiges Zeichen war auch, dass sich Petra Tzschoppe, Vizepräsidentin beim Deutschen Olympischen Sportbund, bei allen Betroffenen für erlittenes Unrecht entschuldigt hat. Sie gab Betroffenen das Gefühl, dass sie gehört werden. Doch es müssen weitere Schritte kommen.

Welche?

Für Betroffene müsste es eine Art Beirat geben, durch den sie vertreten werden. Wo sie auch formulieren können, was sie vom organisierten Sport erwarten. Da gibt es sicher sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Manchen reicht eine Entschuldigung, andere erwarten eine Entschädigung.

Welche Eckpfeiler braucht es bei der Prävention?

Wichtig ist die Einsicht, dass Missbrauch überall vorkommen kann. Dann halte ich die Forderung nach einem erweiterten Führungszeugnis für Trainer für richtig. Das klingt zwar nach Misstrauen, signalisiert potenziellen Tätern aber, dass der Verein wachsam ist. Wir wissen, dass sich potenzielle Täter gerne Vereine aussuchen, die das Thema nicht so ernst nehmen. Zentral sind auch Kinderschutzbeauftragte in Vereinen. Jugendliche müssen wissen, an wen sie sich wenden können. So eine Rolle können auch Ehrenamtliche einnehmen.

Gibt es Verbände, deren Verhalten Ihnen Mut macht?

Bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung passiert viel. Sie hat Kinderschutzbeauftragte, organisiert Schulungen. Auch Kampfsportvereine sind häufig sehr aktiv. Das hängt dort auch mit dem intensiven Körperkontakt zwischen den Sportlern zusammen, der zu Missbrauch führen kann. Auch der Schwimmverband kümmert sich. Leider sind das oft Folgen vorangegangener Übergriffe.

Safe-Sport

In der Studie der Sporthochschule Köln und der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Ulm wurde sexualisierte Gewalt im organisierten Sport untersucht. Zwischen 2014 und 2017 befragten Experten 1500 Athleten. Mit den Ergebnissen wurden Maßnahmen zur Prävention und Intervention im Sport entwickelt.

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Erstellt:
14. November 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. November 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. November 2020, 06:00 Uhr

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