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Aufklärung mit Empathie

Jacco Groens Film über eine Kinderprostituierte in Manila beim Frauenfestival

Prostitution ist ein gewöhnlicher Erwerbszweig für Frauen aus den Slums von Manila. Auch Kinder sind auf dem Strich der philippinischen Hauptstadt leicht zu finden. Was das mit den Kindern macht, erzählt der niederländische Regisseur Jacco Groen in dem Spielfilm „Lilet never happened“ (Lilet ist nie geschehen) mitfühlend und differenziert.

25.11.2015
  • Ulrike Pfeil

Tübingen.Es sollte ein Dokumentarfilm werden. Doch dann verschwand die vorgesehene Kronzeugin und Hauptdarstellerin Lilet, die Groen in Manila ausfindig gemacht hatte, von der Bildfläche. Groen wollte die grassierende Praxis der Kinderprostitution auf den Philippinen belegen – vor einigen Jahren ging man von bis zu 150 000 betroffenen Kindern aus. Die „echte“ Lilet, damals 13, lernte er in einer psychiatrischen Einrichtung kennen. Sie hatte zwei Jahre als Prostituierte gearbeitet, war drogenabhängig und suizidal.

Dass Groen aus dem Stoff später einen Spielfilm machte, hat sein Gutes: Denn so gelingen dem Regisseur berührende, intime Szenen aus dem Leben der Frauen und Kinder in den Bordellen, wie sie ein Dokumentarfilmer wohl nie einfangen könnte. Der verständnisvolle Blick ist die Stärke dieses Films, der die Widerwärtigkeit der sexuellen Unterwerfung eher ahnen lässt, als dass sie gezeigt wird. Die seelischen Verletzungen wiegen mehr als körperliche Spuren. „Ich wollte ja auch, dass der Film auf den Philippinen akzeptiert wird, in einem sehr katholischen Land. Mein Ziel ist aufzuklären, nicht schwarz-weiß zu zeichnen“, sagt der Regisseur, der zum Filmfest „Frauenwelten“ aus Amsterdam nach Tübingen gekommen ist.

„Lilet“ hat seit 2013 nicht nur zahlreiche Preise gewonnen; der Film hat mit seiner populären Erzählweise auch in anderen Ländern, die für Kinderprostitution bekannt sind, wie Thailand und Kambodscha, das Thema in den Fokus gerückt. Auf den Philippinen hat sich schon etwas verändert. Clubs und Bars müssen sich vor verschärften Kontrollen fürchten. Und vor den sozialen Netzwerken: Ein Shitstorm nötigte auch das zunächst unwillige Hilton-Hotel zur Unterzeichnung einer Vereinbarung, dass männliche Gäste Minderjährige nicht auf die Zimmer mitnehmen dürfen.

Im Film ist das noch gängige Praxis. Die zwölfjährige Lilet, ein hübsches, zierliches Mädchen, weiß schon alles über Sex. Der Stiefvater hat sexuell missbraucht, die spielsüchtige Mutter dient sie einem Bordellbetreiber an. Doch Lilet ist wach, kratzbürstig und selbstbewusst, sie setzt sich zur Wehr und entzieht sich, um ihre kindliche Seele zu retten. Sie nennt sich Snow White und träumt wie Schneewittchen von einem Märchenprinzen, der sie wachküssen wird. Und wie viele andere Mädchen träumt sie von einer Zukunft als Filmstar oder Model.

In einem Heim für Straßenkinder erlebt Lilet zeitweise ein beschützendes Zuhause. Doch ihre zu frühen Erfahrungen kann das nicht ungeschehen machen, es gibt für sie kein Zurück in die unbeschädigte Kinderwelt. Sie weiß um ihren verführerischen Charme, und sie ist selbst verführt von Geld und dem Traum, „entdeckt“ zu werden. Sie läuft weg in ein Bordell, in dem eine ältere Schwester von ihr arbeitet.

Häuser wie dieser neonflickernde „Club Wonderland“, sagt Groen, sind für die Prostituierten von Manila bereits Aufstiegs-Adressen. Hier verkehren vor allem ausländische Kunden. Entgegen verbreiteter Mutmaßungen sind die europäischen und amerikanischen Sex-Touristen jedoch insgesamt nicht hauptverantwortlich für die Kinderprostitution: 85 Prozent der Fälle, sagt Groen, spielten sich im einheimischen Milieu ab.

Die Patronin des Clubs bietet Lilet widerstrebend Unterschlupf, denn die Anwesenheit einer Minderjährigen gefährdet den Betrieb. Bald kann sie jedoch den Offerten der Kunden nicht widerstehen. Lilets Kinn ragt nur wenig über die Tischkante, als sie sich zu ihrem ersten Freier setzt – ein bedrückend komischer, erhellender Film-Moment.

Groen schildert das Bordell-Milieu als eine ambivalente Mischung aus Ausbeutung, Solidarität und sogar einer gewissen Geborgenheit. Die Prostituierten zeigen bei aller Konkurrenz untereinander Fürsorge und Selbstbehauptung. Lilet-Darstellerin Sandy Talag gibt dem inneren Abstumpfen ihrer Figur Gesicht und Körpersprache. Unter 500 Kindern, die für die Rolle gecastet wurden, erinnerte sie Jacco Groen am meisten an die wirkliche Lilet. „Wir hatten in den drei Drehjahren nur Sorge, dass sie nicht zu groß wird.“

Ambivalent erscheint auch der staatliche Kampf gegen die Kinderprostitution: Weil unter den Polizisten selbst korrupte Vergewaltiger sind, und weil die Schließung des Bordells Frauen und Kinder auf den ungeschützten Straßenstrich zwingt.

Der Film hat zwei Ausgänge, einen tragischen und einen hoffnungsvollen. Als wolle der Regisseur die Vorstellung, dass die wirkliche Lilet in dem Komplex aus Kriminalität, Armut und sexueller Ausbeutung unterging, niemandem zumuten.

Jacco Groens nächster Film wird von Kinderpornographie im Internet handeln. Millionen Männer weltweit klicken solche Bilder und Videos an. Sie entstehen in so genannten Webcam-Houses. Groen war dabei, als eines dieser Häuser ausgehoben wurde. Man fand darin Kinder von sieben bis 17 Jahren.

Info: Regisseur Jacco Groen wird bei der Vorführung von „Lilet never happened“ (Originalfassung mit englischen Untertiteln) am heutigen Mittwoch um 20.30 Uhr im Studio Museum anwesend sein. Zum 25. November, dem Internationalen „Tag gegen sexualisierte Gewalt an Frauen“ gibt es zuvor eine Podiumsdiskussion um 18 Uhr in den Oberen Museumssälen.

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25.11.2015, 01:00 Uhr
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