Österreich · Innsbruck

Erwarten Deutschland ähnliche Szenarien wie in Österreich?

Im Nachbarland gelten seit einer Woche verschärfte Corona-Regeln. Muss sich Deutschland auf ähnliche Szenarien einstellen?

29.11.2021

Von Patrick Guyton

Nichts los: Die Innsbrucker Innenstadt erlebt den vierten harten Lockdown, wie ganz Österreich. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Innsbruck. Blickt Bürgermeister Georg Willi vom Rathaus in Innsbruck hinunter auf die Maria-Theresien-Straße, dann sieht er vor allem: „Es sind nicht viele Leute unterwegs, sicher 70 Prozent weniger als sonst.“ Die Straße ist die Fußgängermeile in der Tiroler Landeshauptstadt, doch die meisten Läden sind geschlossen. Wie ganz Österreich befindet sich auch Innsbruck mit schwindelerregend hohen Corona-Zahlen seit einer Woche im harten Lockdown. Es ist der vierte.

Geimpfte wie Ungeimpfte dürfen nur zur Arbeit raus, zur Erholung oder zum Lebensmitteleinkauf. Die Schulen bleiben bisher geöffnet, die Teilnahme am Unterricht ist aber freiwillig. Supermärkte sind ebenfalls offen, aber die anderen Läden, Restaurants, Hotels und Sportanlagen geschlossen, alle Veranstaltungen abgesagt. Anfang Februar wird, so die Planung, eine Corona-Impfpflicht eingeführt. Bürgermeister Willi, einst Grünen-Abgeordneter im Parlament in Wien, unterstützt das vollkommen: „Wie Schul- und Steuerpflicht muss es auch die Impfpflicht geben.“

Wie nimmt das Land die erneute Lage hin? „Wir sind schon routiniert“, meint Theresa Ringler ironisch-gelassen. „Wir gehen zur Arbeit, gehen spazieren und kommen wieder heim. Abends ist es sehr ruhig.“ Ringler ist 24 Jahre alt und betreibt ein Büro für Kommunikation und Marketing. „Man ist schon gerne mal daheim“, meint sie, „aber nicht lang.“ Der Lockdown soll für Geimpfte am 13. Dezember enden und für die anderen auf unbestimmte Zeit weiter gehen. Doch wer wettet darauf?

„Wir gehen arbeiten und spazieren“: Theresa Ringler. Foto: Patrick Guyton

Therasa Ringler, die für die bürgerlich-unabhängige Gruppierung „Für Innsbruck“ im Gemeinderat sitzt, sagt: „Man hört immer wieder, dass eine Verlängerung anstehen kann.“ Weiterhin sind viel zu wenige Menschen geimpft, in Teilen der Gesellschaft wird die Corona-Politik abgelehnt, das Virus an sich geleugnet.

Mit Blick auf Deutschland kommt einem das alles ziemlich bekannt vor. Explodierende Inzidenzen in Österreich von bis zu 1700, alle paar Tage kleinere Verschärfungen, Lockdown für Ungeimpfte, eine Kakophonie von Politiker-Meinungen. Bundeskanzler Alexander Schallenberg von der konservativen ÖVP schloss einen Komplett-Lockdown bis vor kurzem aus, wenige Tage später rief er ihn aus. Andernfalls werde das Gesundheitssystem zusammenbrechen. Auf den Intensivstationen sterben die Menschen reihenweise an Covid, die meisten ungeimpft. In der Corona-Entwicklung ist Österreich Deutschland meist rund drei Wochen voraus. Sieht man in Innsbruck also die nahe Winter-Zukunft der Bundesrepublik?

Mit den Impfskeptikern setzt sich Kommunikationsfachfrau Ringler immer wieder auseinander. „Es macht keinen Sinn, den Ungeimpften Vorwürfe zu machen“, sagt sie. Auch in ihrem Bekanntenkreis kennt sie manche davon. „Man muss versuchen, auf die Beweggründe einzugehen, muss positiv argumentieren.“ Das sei natürlich anstrengend und zeitraubend. Manche hätten sich dann doch einen Ruck gegeben und seien zur Impfung gegangen: „Vielleicht war ich der letzte Auslöser dafür.“

„Es muss eine Impfpflicht geben“: Georg Willi, OB von Innsbruck Foto: Franz Oss

Nicht mehr so viel Geduld hat da der Bürgermeister Georg Willi. „Die Tiroler sind ein reiselustiges Volk“, sagt er. „Und in viele Länder kommt man nur noch geimpft rein.“ Auch würden die Menschen gerne ins Wirtshaus gehen. Er glaubt: „Wenn die Ungeimpften wirklich erkennen, dass das alles für sie auf unbestimmte Zeit verboten ist, dann werden sie sich impfen lassen.“ Erst recht, wenn mit der Impfpflicht Briefe vom Gesundheitsamt kommen und Bußgeldbescheide. Dem Bürgermeister, so der Eindruck, ist es mittlerweile egal, ob die Menschen von der Impfung überzeugt sind oder dazu gezwungen werden.Georg Willi zückt sein Handy, er hat immer die neuesten Daten für seine Stadt parat: Vor zwei Wochen lag die Inzidenz bei 600, sie raste auf über 1150 nach oben, in diesen Tagen sind es gut 1300.

Immer wieder gibt es Demos gegen die Corona-Maßnahmen. Geschätzte 30 000 Menschen waren es am Tag vor dem Lockdown in Wien – Querdenker, Corona-Leugner, Rechtsradikale –, 3000 versammelten sich in Innsbruck. Vielerorts steht die rechtspopulistische FPÖ an der Spitze der Proteste. Ihr Parteichef Herbert Kickl meinte, mit dem Lockdown sei Österreich zur „Diktatur“ geworden. Andrea Dengg führt die FPÖ-Fraktion im Gemeinderat und sagt, sie verstehe die Wut der Leute. Manche Menschen könnten „mit Zwängen von außen eben nicht gut umgehen“.

Vierstellige Inzidenzen

Die 7-Tage-Inzidenz im Bundesland Tirol lag am Samstag nach Angaben des Österreichischen Rundfunks bei 1333. Der höchste Wert wurde aus Salzburg gemeldet (1509). Auch die Bundesländer Oberösterreich (1451), Kärnten (1410) und Vorarlberg (1353) meldeten vierstellige Werte. Den landesweit niedrigsten Wert verbuchte Wien mit 548.

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Erstellt:
29. November 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
29. November 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. November 2021, 06:00 Uhr

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