Finanzen

Inflation so hoch wie seit 1992 nicht: Preise steigen um 5,2 Prozent

Mit 5,2 Prozent ist die Teuerung so stark wie seit Juni 1992 nicht mehr. Ökonomen erwarten 2022 einen Rückgang, sind aber skeptisch für die Jahre danach.

30.11.2021

Von Rolf Obertreis

Die Lichter der Bankenskyline von Frankfurt und der EZB. Nicht alle erwarten hier eine Beruhigung der Lage. Foto: Boris Roessler/dpa

Frankfurt/Main. Die Preise haben auch im November weiter deutlich angezogen. Die Inflationsrate kletterte erstmals seit über 29 Jahren auf mehr als 5 Prozent. Nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes verteuerten sich Waren und Dienstleistungen im November im Vergleich zum Vorjahresmonat um 5,2 Prozent. Stärker war die Inflationsrate zuletzt im Juni 1992 mit 5,8 Prozent gestiegen. Damals sorgte der Boom in Folge der Wiedervereinigung für dieses starke Plus. Im Oktober waren die Preise im Vorjahresvergleich um 4,5 Prozent gestiegen.

Auch im November war Energie der Haupttreiber der Inflation. Nach Berechnungen der Statistiker kletterten die Preise für Haushaltsenergie, also für Heizen, Kochen und Strom, und für Kraftstoffe um 22,1 Prozent. Im Oktober waren sie um 18,6 Prozent gestiegen. Nahrungsmittel verteuerten sich im Vergleich zum November 2020 um 4,5 Prozent, Dienstleistungen um 2,8 Prozent. Deutlich unterdurchschnittlich entwickelten sich die Nettokaltmieten mit einem Plus von nur 1,4 Prozent. Die Statistiker verweisen auch mit Blick auf den November auf den Effekt der zeitweisen Mehrwertsteuersenkung im zweiten Halbjahr 2020. Während damals Sätze von 16 und 5 Prozent galten, sind es aktuell wieder 19 und 7 Prozent. Auch Energie war vor Jahresfrist deutlich billiger. Zudem wirkt sich die Einführung des CO2-Preises zum Beginn diesen Jahres aus. Die Statistiker verweisen auch auf „krisenbedingte Effekte“ wie den deutlichen Preisanstieg in vorgelagerten Wirtschaftsstufen, also etwa bei Importen.

Unterdessen erwartet die Europäische Zentralbank (EZB) im kommenden Jahr wieder einen deutlichen Rückgang der Inflation. „Wir gehen davon aus, dass im November der Höhepunkt der Inflationsentwicklung erreicht ist und dass die Inflation im kommenden Jahr wieder allmählich zurückgehen wird und zwar in Richtung unseres Inflationsziels von 2 Prozent“, betonte EZB-Direktorin Isabel Schnabel am Montag im ZDF. Ihr zufolge deuten die meisten Prognosen sogar auf einen Rückfall auf weniger als 2 Prozent hin. „Insofern kann man eigentlich keine Hinweise darauf sehen, dass die Inflation außer Kontrolle gerät.“

Schnabel wie auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonen, dass sie die Sorgen vieler Menschen mit Blick auf die hohe Inflation durchaus sehr gut verstehen. Andererseits habe das auch viel mit der Pandemie zu tun. Nach den Lockdowns sei die Wirtschaft sehr schnell wieder in Fahrt gekommen, das Angebot habe dabei nicht mit der Nachfrage Schritt halten können. Lieferengpässe und Knappheiten seien die Folge gewesen mit entsprechendem Druck auf die Preise. Dazu verweist Schnabel auf statistische Sondereffekte. „Wir haben heute deshalb so hohe Inflationsraten, weil die Preise vor einem Jahr besonders niedrig waren.“ Vor der Pandemie habe die Teuerungsraten in Deutschland im Schnitt bei etwa 2 Prozent gelegen.

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Inflation schrittweise zurückbildet und Mitte des Jahres die Zweiprozent-Marke wieder unterschreitet“, sagt Fritzi Köhler-Geib, Chef-Volkswirtin der Förderbank KfW. In der Geldpolitik sei deshalb weiter eine ruhige Hand gefragt, warnt sie indirekt vor einer übereilten Zinserhöhung. Ähnlich sieht es Jörg Zeuner, Chef-Ökonom der Fondsgesellschaft Union Investment. Im nächsten Jahr werde sich die Teuerungsrate schrittweise normalisieren. Bis Ende 2022 rechnet er mit unter 2 Prozent. Vorsichtiger ist Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Er rechnet zwar ab Januar mit einem Absacken der Inflationsrate. Unklar bleibe aber, ob Deutschland in den kommenden beiden Jahren wieder mit Inflationsraten in einem Bereich von 2 Prozent rechnen könne. Das entscheide sich in den Tarifverhandlungen und bei der EZB. Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer rechnet für 2022 mit einer Rate von 2,2 Prozent. Krämer erwartet allerdings auf Sicht von einigen Jahren ein „deutliches Inflationsproblem“.

Ein Teufelskreis

Inflation bezeichnet die kontinuierliche Verteuerung von Waren und Dienstleistungen. Dieser Anstieg der Verbraucherpreise in einer Volkswirtschaft – also die Teuerungsrate – wird in der Regel als Inflationsrate zum Vorjahr erhoben. Die Berechnung basiert auf einem fiktiven Warenkorb je nach dem Konsumverhalten der Bürger. Dabei werden die Preisänderungen bei teureren Produkten wie Strom stärker gewichtet als bei Zucker oder Briefmarken. Eine zu hohe Inflation kann zu einer Preisspirale führen. Höhere Preise bedeuten, dass Verbraucher für ihr Geld weniger Ware bekommen. Sie werden also höhere Löhne verlangen, um ihren Lebensstandard halten zu können. Um die höheren Löhne zu bezahlen, werden Unternehmen wiederum die Preise für ihre Produkte weiter erhöhen – ein Teufelskreis. dpa

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Erstellt:
30. November 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
30. November 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. November 2021, 06:00 Uhr

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