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„Ich schäme mich, ein Schwarzer zu sein“
Blick auf Tübingen. Bild: Metz
Berichte über zunehmenden Rassismus in Tübingen

„Ich schäme mich, ein Schwarzer zu sein“

Schwarze in Tübingen leiden unter Vorbehalten gegen sie. Seit anderthalb Jahren haben sie häufiger mit rassistischem Verhalten zu kämpfen.

21.04.2018
  • Sabine Lohr

Ebrima Dibba lebt seit 14 Jahren in Tübingen und hat sich hier immer wohl gefühlt. Doch seit etwa anderthalb Jahren, erzählt der 48-jährige Beikoch, habe sich etwas grundlegend verändert. Plötzlich geschehen Dinge, die vorher nie passiert sind. Dibba erzählt von einer Busfahrt, bei der er sich neben eine Frau setzen wollte. Er fragte höflich, ob der Platz noch frei sei. „Sie sagte ja, nahm ihre Tasche und stand auf.“ Die ganze Fahrt über habe sie gestanden, und erst, als er aufstand, weil er aussteigen wollte, setzte sie sich wieder auf ihren vorigen Platz.

Dibba sieht nicht gerade gefährlich oder gar bedrohlich aus, er hat keinen Ausschlag und er läuft nicht in zerfetzten Klamotten herum. Er erklärt sich das Verhalten der Frau allein mit seiner Hautfarbe: Dibba ist Schwarzer, er kommt aus Gambia. Und er fühlt sich mehr und mehr ausgegrenzt.

Dass er im Alten Botanischen Garten „fast immer“ kontrolliert wird, wenn eine Streife dort unterwegs ist, daran habe er sich längst gewöhnt, sagt er. Obwohl er sich darüber ärgert. Denn nicht nur einmal sei es vorgekommen, dass er, wenn er mit seinen beiden Kindern auf dem Spielplatz war, wieder mal seinen Ausweis zeigen musste. „Dann kommen meine Kinder und fragen, was die Polizei von mir wollte.“

Kontrollen kennen auch Lamin Kanteh, Barry Boukary, Bee Stafflon und Tapha Yarbon. Sie alle sind Schwarze (und bezeichnen sich selbst so), und sie alle berichten, dass sie seit etwa anderthalb Jahren anders wahrgenommen werden als vorher. Sie erzählen von Frauen, die nachts die Straßenseite wechseln, wenn sie ihnen begegnen. Dass sie nicht mehr in den Alten Botanischen Garten gehen, weil sie sich unter Generalverdacht fühlen und dauernd den Ordnungskräften ihre Ausweise zeigen müssen. „Aber nicht alle Gambianer sind Drogendealer“, stellt Dibba klar.

„Seit die Zeitung immer wieder von Übergriffen von Schwarzen berichtet, haben die Leute Angst vor uns“, glaubt Boukary. Auch er lebt schon seit 14 Jahren hier, hat viele deutsche und afrikanische Freunde, arbeitet als Altenpfleger und organisiert Spendenprojekte für sein Heimatland Burkina Faso. Früher hat sich der 47-Jährige mehrmals in der Woche mit Freunden in einem Club getroffen, oft auch mit Dibba. Doch seit dort ein neuer Inhaber ist, kämen er, Dibba und andere Schwarze nicht mehr dort rein. Auch nicht, um nur etwas zu trinken. Seit einem Jahr gehe er deshalb nur noch ins Schlachthaus oder in die Butterbrezel.

Offenbar hat sich in diesem Jahr in dem Club etwas geändert: Als das TAGBLATT Boukary bat, es noch einmal zu versuchen, wurde er, zwar nach einer Ausweiskontrolle, aber ohne Probleme, eingelassen.

Von Rassismus erzählt auch Karoline Meier. In Wirklichkeit heißt sie anders. Ihren richtigen Namen will sie aber aus Angst vor Repressalien nicht nennen. „An meinem Arbeitsplatz weiß niemand, dass ich mit einem Schwarzen zusammen bin“, sagt sie. Dass sie eine solche Tatsache verheimlichen würde, habe sie sich bis vor einem Jahr nicht vorstellen können. Doch seit sie mit Lamin Kanteh zusammen ist – seit etwa einem Jahr – hat sie mehr Rassismus erlebt, als sie sich vorher hat vorstellen können.

Das fing schon damit an, dass sie ihren Freund mit in ihre Wohnung nahm. Einen Tag später lag die Wohnungskündigung im Briefkasten. Meier vermutet, dass die Kündigung mit ihrem Freund zusammenhängt. „Der Vermieter wohnt im Haus und hat den Besuch mitbekommen.“ Er meldete Eigenbedarf an. Seither kommt Kanteh nicht mehr zu seiner Freundin nach Hause und Meier sucht eine neue Wohnung. Bisher erfolglos. Der Vermieter hat nach seiner Kündigung nicht mehr auf den Eigenbedarf hingewiesen.

Auch ihre Eltern reagierten extrem auf den neuen Freund der 45-jährigen Tochter: „Sie haben mich enterbt.“ Meier berichtet, dass sie in diesem einen Jahr dreimal bei einer Verkehrskontrolle gestoppt worden sei. Jedes Mal saß Kanteh mit im Auto. In den 20 Jahren davor sei sie nicht ein einziges Mal kontrolliert worden.

Sie erzählt auch, dass sie in zwei Clubs abgewiesen werde, wenn sie dort mit ihrem Freund hinein wolle. Vor einem Jahr habe sie deshalb die Türsteher des einen Clubs zur Rede gestellt und ihren Freund gebeten, das zu filmen. Das Ganze habe in einer massiven Auseinandersetzung geendet, bei dem das hinzugekommene Publikum auseinandergetrieben worden sei und einer aus dem Club Kanteh das Handy weggenommen, es auf den Boden geworfen und zweimal mit dem Fuß darauf getreten habe. Das Beweisstück hat Meier mitgebracht: ein zerstörtes Smartphone, mit dem nichts mehr anzufangen ist.

Die zierliche Frau berichtet auch, dass sie vor dem Club als „Schlampe“ und „Hure“ bezeichnet wurde und dass sie aus Angst vor diesem geballten Hass niemals händchenhaltend mit ihrem Freund unterwegs sei.

Boukary geht immer noch gerne aus. Allerdings achtet er sehr darauf, Frauen nicht anzuschauen und sich fern von ihnen zu halten. „Sonst kommt ja sofort ein Verdacht auf“, sagt er. Und: „Ich schäme mich, ein Schwarzer zu sein.“ Das geht auch dem 18-jährigen Bee Stafflon so: „Wenn ich gehe, dann schaue ich nicht mehr geradeaus, sondern halte den Kopf gesenkt.“ Er will die Blicke nicht mehr sehen, die ihn treffen.

Der Vorfall in dem Tübinger Club

Karoline Meierhat den Vorfall vor einem Jahr vor dem Tübinger Club glaubhaft geschildert. Sowohl von Details als auch von der Nennung des Clubs sehen wir dennoch ab, denn weder liegt uns das Video vor (das Handy ist zerstört), noch war der Club-Inhaber tagsüber erreichbar, um sich zu den Vorwürfen und dem Vorfall zu äußern. Auch auf eine Mailbox-Nachricht hat er nicht reagiert.

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21.04.2018, 01:30 Uhr
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22.04.2018

01:58 Uhr

cehage schrieb:

Ich halte den Artikel in mehrerlei Hinsicht, ja doch, für ziemlich konstruiert und teils sogar verwerflich. Angefangen damit, dass er die Freiheit und Rechte anderer angreift, will die Autorin uns auch noch ihr eigenes fehlerhaftes Schubladendenken als Maßstab aufdrängen.

Niemand weiß, weshalb die Frau im Bus aufgestanden ist und man kann es ihnen nicht verdenken, nachts niemand zu nahe kommen zu lassen. Zwischen den Zeilen gelesen scheint es auch mehr um Kontakt zu Frauen, als um Rassismus zu gehen.

Und was sagt uns der Vorfall vor dem Club? - Wenn jemand mit dem Vorsatz irgendwo hingeht, um selbstjustizmässig andere zu provozieren und heimlich zu filmen, darf man sich hinterher nicht wundern, wenn die Situation stattdessen eskaliert. Und wenn die zierliche Frau vorauseilend nicht zu ihrer Beziehung steht, wie sollen das dann andere?

Für mehr reicht der Platz nicht, aber man sollte immer bei sich bleiben, anstatt sich den Kopf über andere zu zerbrechen. Das bringt nichts.



21.04.2018

21:11 Uhr

manne12 schrieb:

Also ich muss mich schon wundern über manche Reaktionen im Facebook bezüglich unserem Oberbürgermeister. Herr Palmer spricht die unbequeme Wahrheit aus und die lieben Mitbürger bekommen eine Schnappatmung. Nur ein Gedankenspiel für unsere Tübinger "Schnappatmer": In einer afrikanischen Stadt beherrschen Weiße Männer den Drogenhandel und ein Weißer Mann wird als Serienvergewaltiger festgenommen. Auch ansonsten fallen viele der weißen Asylpflichtige negativ auf. Dann würde ich mich als weißer Mann nicht wundern, wenn auch ich öfter von der Polizei kontrolliert werde sowie von der einheimischen Bevölkerung mißtrauisch beäugt werden würde. Nun wieder zurück zu Tübingen: Hätte man die Straftäter unter den Asylflüchtigen, bzw. im Falle der Schwarzen mehrheitlich Wirtschaftsflüchtigen, sofort ausgewiesen - wäre das Vertrauen der Bevölkerung größer und das Mißtrauen gegenüber unseren Schwarzen Mitbürger kleiner.



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