Corona

Hoffnung auf eine Atempause?

Stabilisieren sich die Inzidenzen in Deutschland? Ein Virologe sagt ja, Karl Lauterbach widerspricht. Ärzte und Apotheker streiten derweil darum, wer impfen darf.

01.12.2021

Von Michael Gabel, Dominik Guggemos, Hajo Zenker

Die Politik ringt um neue Pandemie­maßnahmen, auch wegen der Omikron-Variante. Das Verfassungsgericht hat dafür Raum gelassen. Wie ist die Lage?

Beruhigen sich die Infektionszahlen? Tatsächlich meldete das Robert-Koch-Institut am Dienstag 452,2 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner und Woche – nach dem bisherigen Höchstwert von 452,4 am Tag zuvor. Einen Rückgang der Sieben-Tage-Inzidenz hatte es zuletzt vom 2. auf den 3. November gegeben. Ob sich die Werte jetzt auf einem hohen Plateau einpendeln, ist noch unklar. Eine gute Nachricht: Die Reproduktionszahl, (R-Wert), die beschreibt, wie viele Menschen ein Erkrankter ansteckt, liegt bei 0,93. Rein rechnerisch stecken also 100 Infizierte 93 weitere Menschen an. Liegt der R-Wert für längere Zeit unter 1, flaut das Infektions­geschehen ab. Für den Virologen Hendrik Streeck ist das ein „sehr gutes Zeichen“. Dagegen warnt der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauter­bach: „Die Abschwächung der Dynamik kann wie vor einem Jahr Vorbote eines neuen Anstiegs sein“.

Die Kliniken jedenfalls füllen sich. Laut der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin liegen 4636 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 37 mehr als am Vortag. Vor einer Woche waren es 3987 gewesen, vor einem Monat 1932. Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, betont, dass „in den nächsten zehn, zwölf Tagen weitere Tausende von Patienten“ eingeliefert würden. Die Zahl der der Corona-Toten stieg zuletzt um 388 auf 101 344.

Wann impfen Apotheker? Ob die scheidende Kanzlerin Angela Merkel (CDU), der künftige Kanzler Olaf Scholz (SPD), FDP-Chef Christian Lindner oder RKI-Präsident Lothar Wieler: Die Idee, dass auch Apotheker bei der Corona-Impfkampagne helfen sollen, findet breite Unterstützung. Rein rechtlich geht das aber noch nicht. Noch-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte lediglich dafür gesorgt, dass es Pilotprojekte für Grippeschutzimpfungen gibt. Laut der Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Gabriele Regina Overwiening, gibt es bundesweit 2600 Apothekerinnen und Apotheker, die bereits eine Impfschulung absolviert haben. Sie wären am schnellsten einsatzfähig. „Bei allen anderen bräuchte es natürlich etwas Zeit zur Vorbereitung.“ Insgesamt gibt es 53 000 Pharmazeuten in Apotheken.

Gegenwind kommt von Medizinern. Für Ärztekammerpräsident Klaus Reinhardt ist Impfen eine „ärztliche Handlung“. Lothar Wieler bescheinigte Ärzten deshalb, sie stellten „Eigeninteresse über das Gemeinwohl“. Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, hat Wielers Äußerung als „unverschämt“ zurückgewiesen. Ein Machtwort der Politik steht aus.

Was macht Omikron? Die Variante verbreitet sich weiter. Nach Fällen in Schottland ist nun auch in Sachsen ein Betroffener mit Omikron infiziert, der keie direkte Verbindung zu Auslandsreisenden hatte. In Baden-Württemberg gibt es erste Fälle bei Reiserückkehrern. In den Niederlanden wiesen die Behörden den Erreger in zwei Proben nach, die auf den 19. und 23. November datiert sind. Südafrika hatte die Entdeckung am 24. November bekanntgegeben. Der Chef des US-Impfstoffherstellers Moderna, Stéphane Bancel, geht derweil von einer „erheblichen Abnahme“ der Schutzwirkung der Vakzine im Vergleich zu Delta aus.

Wie viel Einfluss haben Geimpfte auf das Infektionsgeschehen? Nur einen geringen. Von zehn Neuinfektionen sind Ungeimpfte an acht bis neun beteiligt, berechnet ein Fachartikel von Forschern um den Modellierer Dirk Brockmann (HU Berlin) und die Psychologin Cornelia Betsch (Uni Erfurt), der noch nicht begutachtet wurde. Damit unterstützen sie die These der „Pandemie der Ungeimpften“, zumal Immunisierte viel seltener ins Krankenhaus müssten. Zudem seien Geimpfte nur zwei bis drei Tage ansteckend, Ungeimpfte bis zu acht. Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte könnten den R-Wert deutlich stärker senken als bei Geimpften.

Welche Folgen hatten die Unterrichtseinschränkungen für Schulkinder? Verheerende. Laut einer aktuellen Umfrage sagen 68 Prozent der Eltern in Deutschland, ihre Kinder hätten Lernrückstände „in einem oder mehreren Fächern zurückbehalten“. Auf Platz zwei der Umfrage, die der Online-Nachhilfeanbieter Gostudent unter mehr als 12 000 Teilnehmern durchführte, folgt Frankreich, wo 65 Prozent der Eltern ihren Kindern Schwierigkeiten attestieren. Am besten schneiden die Niederlande ab. Dort beklagen nur 45 Prozent Lernlücken bei ihren Kindern durch Schulschließungen und Wechselunterricht. Michael Gabel/Dominik Guggemos/Hajo Zenker

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Erstellt:
1. Dezember 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
1. Dezember 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Dezember 2021, 06:00 Uhr

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