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Wankheim · Geschichte

Grabsteine erzählen vom jüdischen Leben

Bei der Führung über den Jüdischen Friedhof in Wankheim ging es um Grabinschriften und die Biografien der Verstorbenen.

02.09.2019

Von Werner Bauknecht

Martin Ulmer (mit roter Mütze) erklärt die Inschrift eines Grabsteins auf dem jüdischen Friedhof. Bild: Werner Bauknecht

Das Interesse am Sonntag war erstaunlich groß: Zum europäischen Tag der jüdischen Kultur boten die Geschichtswerkstatt Tübingen und der Förderverein für jüdische Kultur eine Führung über den jüdischen Friedhof in Wankheim an – und fast 200 Besucher kamen.

Wankheim war, was das jüdische Leben betraf, die Vorgängergemeinde von Tübingen oder Reutlingen, berichtete Martin Ulmer von der Geschichtswerkstatt. Der Wankheimer Friedhof wurde 1774 „von vier oder fünf jüdischen Familien in Pacht genommen“, wie der Fachmann ausführte. Das bezeichne auch den Beginn des dortigen jüdischen Lebens. Der Ortsrat in Wankheim schuf aus einer Scheuer durch Umbau Wohnraum für jüdische Familien. So lebten 1825 immerhin 73 Juden in Wankheim, das waren 15 Prozent der Bevölkerung des Ortes. Ihre Berufe: Viehhändler, Trödelhändler oder Handwerker, wie beispielsweise Graveur oder Metzger. Nicht immer war das Zusammenleben einfach, wie Aufschriebe zeigen.

Machten einst Juden ein Viertel der Bevölkerung Wankheims aus, zog 1886 der letzte Wankheimer Jude weg. Bereits 1882 hatte man die dortige Synagoge abgerissen. Aus den Steinen wurde die Tübinger Synagoge auf gebaut. „Die Juden wanderten damals in die größeren Städte ab“, so Ulmer. Der Wankheimer Friedhof allerdings wurde noch bis in das Jahr 1941 von den Juden genutzt.

Auf dem Friedhof gibt es 137 Gräber. Sie sind in der Regel in Richtung Jerusalem ausgerichtet. So können die Toten das Auferstehen des Messias nicht verpassen und damit auch selbst auferstehen. Friedhöfe seien für Juden „Häuser der Ewigkeit“, berichtete Ulmer. Sie werden deshalb auch nicht nach 25 Jahren abgeräumt, sondern bleiben ewig.

Die erste Beerdigung in Wankheim fand 1788 statt. Das Grab, das kleinste auf dem Friedhof, ist noch immer vorhanden. Zu Beginn waren alle Inschriften auf den Grabsteinen auf Hebräisch. Später gab es eine Mischung aus Hebräisch und Deutsch, am Ende wurde nur noch in deutscher Sprache in die Grabsteine geschrieben.

Die Gräber sind halbrund angeordnet, in der zweiten Reihe befinden sich die Kindergräber. Sie sind auch die kleinsten. Viele der Gräber wurden restauriert, da war der Förderverein tätig.

Bis ins 19. Jahrhundert seien Einzelgräber Usus gewesen, später kamen auch Familiengräber dazu, sagte Ulmer. Viele der Intarsien der Grabsteine ähneln sich. Auf ihnen sind, aus dem Stein gehauen, Bilder wie Zweige oder andere floristische Symbole. Das stehe, erklärt Ulmer, für das Leben.

Therese Hirsch aus Tübingen, gestorben 1895, hat einen auffälligen Grabstein, der sich durch seine glatte, dunkle Fläche von den Sandsteinen vieler anderer unterscheidet. Ihr Mann Leopold war der erste, der das Bürgerrecht in Tübingen Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt. Am Eingang steht ein neuer Stein. Auf ihm sind die Namen der 14 von den Nazis ermordeten Juden aus dem Tübinger Landkreis namentlich erwähnt.

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Erstellt:
2. September 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
2. September 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. September 2019, 01:00 Uhr

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