Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Wechsel an die Lobbyfront

Geschäftsführerin Astrid Stepanek verlässt die Ammertal-Schönbuchgruppe

Heute beginnt ihr neuer Job: Astrid Stepanek, die langjährige Geschäftsführerin der Ammertal-Schönbuchgruppe (ASG), startet mit 55 Jahren noch einmal durch. Sie wird Geschäftsführerin bei der Landesgruppe Nord des Verbandes kommunaler Unternehmen. Die Geschäfte der ASG wird Stepanek bis zum Jahresende in Teilzeit von Lübeck aus führen.

01.09.2016

Von Uschi Hahn

Astrid Stepanek ist zwar passionierte Schwimmerin. Doch in dieses Becken sprang die scheidende Geschäftsführerin der Ammertal-Schönbuchgruppe nie. Von hier aus wird das Brunnenwasser aus Poltringen in die Trinkwasserleitungen von rund 130 000 Menschen in der Region gepumpt. Bild: Sommer

Poltringen. Als sie am 18. September 1989 zur Chefin der Ammertal-Schönbuchgruppe gewählt wurde, titelte eine Zeitung „Frau schlug Mann“. Das amüsiert Astrid Stepanek noch heute. Eine Frau an der Spitze eines kommunalen Zweckverbandes: „Das war damals noch eine Sensation“, schmunzelt die DiplomVerwaltungswirtin aus Böblingen. Sie fand es dagegen „selbstverständlich“, als Frau Führungsaufgaben zu übernehmen, wie sie mit einem selbstbewussten Lächeln sagt.

Erste Erfahrungen in einer leitenden Position hatte die damals 28-Jährige bereits bei der Landespolizeidirektion in Böblingen gesammelt. Dort war sie fünf Jahre lang nicht nur fürs Personal zuständig, sondern auch für den Haushalt und das Gebäudemanagement verantwortlich. Und zwar zu einer Zeit, als in Böblingen eine neue Polizeidirektion gebaut wurde.

Mit Hoch- und Tiefbau kannte sie sich also aus, als sie zum kommunalen Zweckverband der Ammertal-Schönbuchgruppe wechselte, der 14 Städte und Gemeinden aus den Landkreisen Tübingen und Böblingen mit Trinkwasser versorgt. Insgesamt hat sie in der Zeit bei der ASG 38 kleine und größere Bauvorhaben durchgezogen und dabei „über 100 Millionen Euro verbaut“, wie Stepanek kürzlich mal zusammengerechnet hat. Alleine 1,5 Millionen gibt der kommunale Wasserversorger derzeit aus, um die 20 Jahre alte Enthärtungsanlage im Wasserwerk Poltringen zu sanieren und energetisch auf den neuesten Stand zu bringen.

Das nächste Projekt ist schon auf dem Weg: Im Dezember oder Januar wird der in den 60er Jahren gebohrte Brunnen in Entringen für 400 000 Euro auf Vordermann gebracht. Und dann steht auch noch der Neubau der über 60 Jahre alten Bodenseewasserleitung zwischen Dettenhausen und dem mitten im Schönbuch gelegenen Hochwasserbehälter Bromberg an. „Das hält dann wieder für 80 Jahre.“

„Da nimmt man schnell mal ein paar Millionen Euro in die Hand“, sagt Stepanek. Geld, das ihrer Ansicht nach gut investiert ist. „Man muss in der Wasserversorgung in Generationen denken“, findet sie, „und nicht in kurzfristigen Amortisationszeiten.“ Und auch nicht in Amtszeiten, wie sie noch anfügt. Sprich: Sie muss auch „Überzeugungsarbeit“ leisten bei den Bürgermeistern und Gemeinderäten. Denn die müssen als Mitglieder der ASG das Geld schließlich bereitstellen.

Der nötige „Mut zu Investitionen“ lohne sich gerade im Bereich der Wasserversorgung. Schließlich handelt es sich dabei um „unser wichtigstes Lebensmittel“, wie Stepanek immer wieder betont. Und diese Form von Daseinsfürsorge gehört ihrer Ansicht nach unbedingt in die öffentlich Hand.

Mit Sorge betrachtet sie daher die seit der Liberalisierung im Energiebereich Ende der 90er Jahre immer wieder aufkommenden Privatisierungs-Diskussionen. Die „ständigen Versuche, die Wasserversorgung in private Hände zu bekommen“ – wie jüngst wieder vom Nestle-Konzern in den USA – , ärgern sie. Das Lebenselixier Trinkwasser der Gewinnmaximierung zu unterwerfen, gehe gar nicht, findet Stepanek.

Was für Folgen das haben könnte, macht sie am Beispiel der ASG deutlich. Auf deren Infrastruktur mit einem Wiederbeschaffungswert von „gut 200 Millionen Euro“ könne sich „ein Privatunternehmer lange ausruhen, bevor er wieder etwas investiert“. Ist die Infrastruktur dann aber erst mal marode, müssten „die Bürger die Zeche zahlen“.

Auch der Schutz des Grundwassers könnte dabei auf der Strecke bleiben. Insgesamt 250 Quadratkilometer umfassen die Wasserschutzgebiete für sämtliche 14 Brunnen der ASG. Die einzurichten, habe zu den „größten Herausforderungen“ gehört, sagt Stepanek. „Dicke Bretter“ habe sie bisweilen bohren müssen. Schließlich gehe es da häufig um „klassische Interessenskonflikte“, denen man nur mit „Fakten, Fakten, Fakten“ beikommen könne. So wie zum Beispiel im Gebiet Siebenlinden III in Rottenburg, das nach gründlichen Untersuchungen eben nur zu einem kleinen Teil bebaut werden kann.

Zur Diskussion um den Au-Brunnen der Tübinger Stadtwerke, in dessen Schutzgebiet OB Palmer gerne Gewerbe ansiedeln würde, mag sich Stepanek aber nicht äußern. „Da fehlen mir die Detailzahlen“, winkt sie ab, „da kann ich mich nicht aus dem Fenster lehnen.“

Astrid Stepanek hat sich in den vergangenen Jahren viel technisches Wissen angeeignet. Schon zu Beginn ihrer ASG-Ära saß sie nächtelang über Büchern zum Thema Wasserchemie. Heute kann sie locker über Wasserhärte oder Pump- und Schüttvolumen parlieren. Das findet sie „spannend und interessant“. Sie habe sich „schon immer für Technik“ interessiert und „lieber mit dem Baukasten als mit Puppen gespielt“. Keine zehn Jahre alt war sie, als sie sich den von den Eltern erkämpfte. Und auch mit 55 Jahren bekommt sie noch leuchtende Augen, wenn sie vom ersten selbstgebauten Karussell erzählt: „Der Elektromotor tut noch.“

Den Baukasten nimmt Stepanek mit nach Lübeck, wo sie von heute an die Geschäfte der für Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein zuständigen Landesgruppe Nord des Verbandes kommunaler Unternehmer (VKU) führt. Mit technischen Detailfragen aber wird sie sich da wohl nicht mehr beschäftigen. „Es ist ganz klare Lobby-Arbeit“, sagt Stepanek über ihren neuen Job. Sie vertritt künftig die Interessen von 107 kommunalen Unternehmen aus den Bereichen Energie, Wasser und Abwasser sowie Abfallentsorgung. Im Bund hat der VKU, zu dessen Vorstand Stepanek schon als ASG-Geschäftsführerin gehörte, knapp 1430 kommunale Ver- und Entsorger als Mitglieder. Auf Länder- wie auf Bundes- oder EU-Ebene mischt sich der VKU in Gesetzes-Verfahren ein, arbeitet eng mit den kommunalen Spitzenverbänden zusammen.

In der Hauptsache gehe es auch dabei um „den Erhalt der kommunalen Daseinsvorsorge“, sagt Stepanek. Sie wird also weiter ihre „Stimme gegen Privatisierungstendenzen“ erheben, und „die Menschen von der Idee der kommunalen Wirtschaft überzeugen“.

Das operative Geschäft, den Umgang mit dem Wasser wird sie vermissen, bekennt die passionierte Schwimmerin. Doch sie wird es auch genießen, nicht mehr stets erreichbar zu sein. Wenn etwas richtig schief lief im Poltringer Wasserwerk, musste sie zur Stelle sein. „Auch nachts und gerne an Tagen wie Pfingsten, Weihnachten oder Silvester.“ Zur Not nahm sie dann ihre beiden Kinder, heute 19 und 16 Jahre alt, mit. Die fanden „spannend, was die Mama so macht“.

Ihr dagegen wäre weniger Aufregung manchmal lieber gewesen. Zum Beispiel als nach einem Planungsfehler beim Einbau neuer Technik in Poltringen zwei Pumpen hintereinander wegen Überspannung kollabierten. „Ich hatte schon überlegt, ob wir das Wasser jetzt mit Eimern zum Hochbehälter tragen müssen.“ Doch die dritte Pumpe funktionierte. „Die Verantwortung hier habe ich eben nicht am Freitagnachmittag abgeben können“, sagt Stepanek über ihre 27 Jahre bei der ASG. Nun hofft sie, dass ihr der neue Job „vielleicht ein Stück neue Freiheit verschafft“.

Zum Wasser jedenfalls wird sie es auch in Lübeck nicht weit haben. Von der Wohnung, die Astrid Stepanek angemietet hat, ist es „keine zehn Minuten zum Wasser“. Es ist halt kein Trinkwasser mehr aus dem Ammer- oder Neckartal. Sondern das Salzwasser der Ostsee.

Zum Artikel

Erstellt:
1. September 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
1. September 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. September 2016, 01:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+