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Die dritte Welle von Amazon

Geschäftsführer Christian Riethmüller über 420 Jahre Osiander und die Konkurrenz

Die Buchhandlung Osiander feiert dieses Jahr ihren 420. Geburtstag. Das Unternehmen blickt auf eine erfolgreiche Zeit zurück – und zuversichtlich in die Zukunft. Von Amazon will Geschäftsführer Christian Riethmüller etwas lernen.

02.06.2016

Von Lorenzo Zimmer

Osiander-Geschäftsführer Christian Riethmüller im Logistik-Zentrum seines Familienunternehmens in Derendingen. Hier bewältigen 100 Mitarbeiter Organisation, Verwaltung sowie Wareneingang der 40 Filialen und den Versand der Produkte direkt an den Kunden. 1000 Pakete gehen pro Tag an Privatkunden raus.Bild: Metz

Tübingen. Tradition, kompetente Mitarbeiter, soziales Engagement, Kundenfreundlichkeit, gesundes Wachstum: So beschreibt Christian Riethmüller die Philosophie des Buchhandels Osiander. Er führt es mit seinem Onkel Heinrich an der Spitze. „Ja wir sind mittlerweile eine Filial-Unternehmen“, räumt er ein, „aber mit Familientradition. Das spielt für uns eine große Rolle.“

Viele haben über

Amazon gelacht

Wie viele andere Bereiche auch ist der Buchhandel sehr stark vom digitalen Wandel betroffen. Ein Wandel, der das amerikanische Versandhaus Amazon – gegründet 1994 von Jeff Bezos – an die Spitze der Branche spülte. Und viele kleinere, traditionelle Buchhandlungen die Existenz kostete. „Als Amazon anfing, haben wir gelacht und uns gesagt: Was die vorhaben, klappt nie“, gesteht Riethmüller. Er, seine Familie und andere wurden eines besseren belehrt. Amazon wurde aus dem Stand zum Weltmarktführer für den Verkauf von Büchern, CDs und vielem mehr.

„Dann kam ihre zweite Welle. Da ging es um ihren E-Book-Reader Kindle und digitale Inhalte.“ Wieder habe die hiesige Branche über den amerikanischen Riesen gelacht: „E-Books liefen damals in Deutschland gar nicht“, weiß Riethmüller. Seine Betonung liegt dabei auf liefen. Heute ist Osiander selbst Mitglied der Tolino-Allianz, bestehend aus Telekom, Thalia, Hugendubel und Weltbild. Sie verkaufen zusammen einen E-Book-Reader und zugehörige E-Books im gemeinsamen Format. So vertreibt Osiander seine Bücher längst auch in digitaler Form.

Jetzt, so glaubt Riethmüller, deute sich die dritte Welle des Unternehmens Amazon an. Und sie werde den Markt erneut verändern – da ist sich Riethmüller sicher. Der Riese eröffnet zusätzlich zu seinem Online-Geschäft stationäre Buchhandlungen. Noch für dieses Jahr wird die erste Filiale in Deutschland erwartet. Deshalb sei es unabdingbar, so früh wie möglich zu reagieren, sagt Riethmüller. Der 42-Jährige war vor kurzem in Seattle. Dort ist nicht nur der Sitz des amerikanischen Unternehmens, es eröffnete vor einem halben Jahr ebenda auch sein erstes Ladengeschäft – mit Regalen, einem Tresen, Verkäufern aus Fleisch und Blut. Für Riethmüller war der Besuch überraschend: „Ich habe erwartet, dass ein reines Online-Unternehmmen nicht so viel vom stationären Buchhandel versteht.“

Doch aus seiner Sicht macht der Branchenriese in seinem ersten Laden vieles richtig: Das Sortiment ist kundengesteuert, richtet sich nach den Verkaufszahlen im Online-Versand. Die Bücher sind frontal präsentiert, statt nur mit dem Buchrücken zum Kunden. „Für Leute, die zum Stöbern kommen, ohne direkten Zielkauf, hat das Konzept etwas.“ Doch am meisten begeisterte den Tübinger Buchhändler die Kundenorientierung der Mitarbeiter: „Das können die Amerikaner besser als wir.“ So sei ihm beim Kauf eines Buches vom Mitarbeiter immer direkt ein ähnlicher Titel empfohlen worden: „So kann man mit einem Satz den Umsatz verdoppeln.“ In Europa sei es jedoch wichtig, nicht aufdringlich zu sein: „Diese Verkäufertätigkeit im richtigen Ton fehlt uns – und generell dem Handel in Europa – sicherlich noch ein bisschen.“

Das Tübinger Unternehmen feiert dieses Jahr seinen 420. Geburtstag – mit einem Festakt am kommenden Freitag im Sparkassen-Carré. Und will den Blick in die Zukunft richten. Osiander arbeitet derzeit mit dem Handelsberatungsunternehmen Porsche Consulting zusammen, will Prozesse optimieren und mehr Zeit für den Kunden gewinnen. „Wir haben festgestellt, dass ein Verkäufer 80 Prozent seiner Zeit gar nicht mit dem Kunden verbringt“, so Riethmüller. „Natürlich arbeiten wir nicht erst seit dem Druck durch Amazon an diesen Punkten.“ Und doch sei es gerade jetzt notwendig, sich zu verbessern. Riethmüller war durch einen Tipp des Thalia-Geschäftsführers Michael Busch auf die Idee gekommen, den Amazon-Store zu besuchen: „Er hat zu mir gesagt: Sie müssen diesen Laden in Seattle sehen, dann wissen Sie, warum die uns gefährlich werden“, erinnert sich Riethmüller.

Vertriebswege sind auch

im digitalen Wandel

Trotz allem ist der Tübinger bester Dinge, was die Zukunft seines Unternehmens angeht: „Wir werden noch mehr Geld in Warenwirtschaftssystem, unseren Webshop, aber auch unsere Läden stecken“, sagt er. Und weiter dem technologischen Wandel folgen. Neben dem klassischen Handel mit Büchern aus Papier will er weiterhin auf E-Books und mobile Einkaufsmöglichkeiten setzen: „Omni-Channel ist hier das Schlagwort“, sagt Riethmüller. Die Bedienung des Kunden auf allen möglichen Kanälen. Auf seine Mitarbeiter ist der Geschäftsführer stolz, will weiterhin mit ausgebildeten Buchhändler arbeiten statt mit Billigkräften. Beim Personal sparen? Da würde der Umsatz rasch stärker zurück gehen als das Eingesparte. „Damit Osiander betriebsbedingt entlässt, müssten wir vor dem Konkurs stehen“, sagt er. So sei es Praxis, bei der Schließung einer Filiale, was bisher zwei Mal vorkam, die Arbeitsplätze zu verschieben. Außerdem wachse das Unternehmen und übernehme stets das Personal der gekauften Buchhandlungen.

In lokalen Wettbewerbern wie Gastl oder in anderen Städten Thalia oder Hugendubel sieht Riethmüller nicht die Konkurrenz: „Die Konkurrenz ist Amazon.“ Auch deshalb ist Osiander vor einiger Zeit der Tolino-Allianz beigetreten. Ein Gegenprodukt zum amazonschen E-Book-Reader „Kindle“. Riethmüller kann sich auch weitere Kooperationen in der Zukunft vorstellen: „In manchen Bereichen werden wir Partner brauchen, weil man gewisse Dinge zusammen einfach besser hinbekommt“, sagt er.

Seit Januar hat das Unternehmen einen Aufsichtsrat, die Familie Riethmüller hat ihre Inhaberschaft technisch gesehen abgegeben: „An der Spitze steht eine Familienstiftung.“ So habe man der Sorge Rechnung getragen, einer der Erben des Unternehmens könnte nicht willens oder in der Lage sein, sich im Unternehmen sinnvoll einzubringen. Die ehemals sechsköpfige Geschäftsleitung wurde auf zwei verschlankt: Auf Christian und Heinrich Riethmüller, der auch Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist. Den Aufsichtsrat leitet Hermann-Arndt Riethmüller.

Für viele Bereiche des operativen Geschäfts gibt es Bereichsleiter: IT, Marketing, Einkauf, Personal, E-Commerce, Non-Books, Verkauf, Service und Logistik. Die Familie hat Verantwortung abgegeben, gibt Impulse, bastelt mit an der Strategie und repräsentiert Osiander: „Es war schon eine Herausforderung für uns, zu akzeptieren, dass wir nicht das Know-how haben, die einzelnen, immer komplexer werdenden Bereiche selbst zu leiten.“ Heute ist er stolz auf diesen Wandel: „Wir haben das als Familie super hinbekommen.“ Auch deshalb plagen Riethmüller keine Existenzängste: „Die Wahrscheinlichkeit, dass es uns in 30 Jahren noch gibt, ist höher, als dass der VfB Stuttgart zur selben Zeit erstklassig spielt“, verspricht das VfB-Vereinsmitglied mit einem Lachen.

Zum Unternehmen

Osiander hat bei 40 Filialen zum Jahreswechsel einen Umsatz von rund 75 Millionen Euro. Davon kommen 8 Prozent aus dem Internetgeschäft, etwa 1,5 Prozent fallen auf E-Books. Das Unternehmen beschäftigt 550 Mitarbeiter in bald 40 Filialen davon 85 Auszubildende. Das Logistikzentrum in Derendingen hat eine Kapazität für bis zu 60 Filialen – das Unternehmen möchte zwei bis drei Läden pro Jahr zulegen.

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Erstellt:
2. Juni 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Juni 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Juni 2016, 01:00 Uhr

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