Welterbe

Für die Menschheit und den Tourismus

Deutschland ist schon stark vertreten auf der Liste und setzt in diesem Jahr auf die Mathildenhöhe und das jüdische Erbe am Rhein – wann hat der Stuttgarter Fernsehturm eine Chance?

17.02.2021

Von Jürgen Kanold

Voralpine Kulturlandschaft Murnauer Moos. Foto: Jürgen Kanold

Als der Bauingenieur Fritz Leonhardt davon erfuhr, dass der Süddeutsche Rundfunk auf dem Hohen Bopser einen hässlichen Gitterfunkmasten errichten wollte, der auch seine private Aussicht verschandeln würde, setzte er sich ans Zeichenbrett. Gemeinsam mit dem Architekten Erwin Heinle entwarf er einen eleganten Turm mit dreigeschossigem „Korb“ für Gastronomie und Aussichtsplattform: 1956 wurde der Stuttgarter Fernsehturm eröffnet – und sorgte global für Aufsehen.

Und jetzt soll die 217 Meter hohe Konstruktion von „Spannbeton-Papst“ Leonhardt, dem auch die Kochertalbrücke der A6 zu verdanken ist, ein Weltkulturerbe werden. Jedenfalls möchte das Wirtschaftsministerium (als oberste Denkmalschutzbehörde des Landes) den Fernsehturm dafür, wie berichtet, nominieren. Und auch die Keltensiedlung Heuneburg im Kreis Sigmaringen.

Aber das kann dauern, es ist ein langwieriger Prozess, der auch nicht unbedingt von Erfolg gekrönt sein muss. In den vergangenen Jahren wurden offizielle Bewerbungen wie die der Franckeschen Stiftungen zu Halle und des Jüdischen Friedhofs in Hamburg-Altona wieder zurückgezogen oder fanden keine Gnade beim Welterbe-Komitee, wie jene des Schwetzinger Schlosses.

Märchenschloss Neuschwanstein. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Wie läuft das Verfahren ab? Die Länder benennen Favoriten, die Kultusministerkonferenz beschließt dann (wohl wieder 2023), was neu auf die deutsche Vorschlagsliste kommt und womit Deutschland künftig ins Welterbe-Rennen geht.

Eiszeithöhlen kamen 2017 dazu

Deutschland muss aber zunächst mal seine aktuelle Vorschlagsliste (Tentativliste) abarbeiten. Was steht da noch alles drauf? Warum ist der Titel „Weltkulturerbe“ so begehrt? Mit dem Dom zu Aachen fing 1978 alles an: Die Unesco erklärte die Pfalzkapelle Karls des Großen als eines der „großen Vorbilder religiöser Architektur“ zum ersten deutschen Weltkulturerbe. Seither ist die Liste auch dank ausgezeichneter Lobbyarbeit beim Welterbe-Komitee der UN-Kulturorganisation stark angewachsen: auf 46 Welterbestätten, darunter seit 2017 auch die Eiszeithöhlen auf der Schwäbischen Alb.

Es geht um Baudenkmäler und Stadtensembles, um Naturgebiete und Ökosysteme von „außergewöhnlichem universellen Wert für die Menschheit“ – 194 Staaten sind der Welterbekonvention der UN-Kulturorganisation beigetreten, sie haben sich verpflichtet, diese Stätten zu schützen. Was dann auch mal peinlich werden kann: 2009 zog die Unesco den Welterbe-Titel für das Elbetal wieder zurück, weil Dresden partout dort eine Autobrücke durch die Landschaft baute. Andererseits träumen natürlich Lokalpolitiker und Tourismusmanager vom Titel, als sei „Weltkulturerbe“ ein Qualitätssiegel, als vergebe eine internationale Jury einen Sehenswürdigkeiten-Oscar.

Der Stuttgarter Fernsehturm. Foto: Alexander Kluge/SWR

Wegen der Corona-Krise fiel vergangenes Jahr die Sitzung des Welterbe-Komitees im chinesischen Fuzhou aus, sie soll nun im Juni oder Juli dort stattfinden. Deutschland ist mit gleich fünf Nominierungen dabei. Da wäre zunächst die „Künstlerkolonie Mathildenhöhe“ in Darmstadt, ein Gebäudeensemble des Jugendstils. Und dann die sogenannten SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz am Rhein mit ihrem „jüdischen Erbe für die Welt“, mit mittelalterlichen Synagogen, Ritualbädern und Friedhöfen.

Unter Federführung Tschechiens ist Deutschland auch bei der internationalen Nominierung „Great Spas of Europe“ dabei – europäische Bäder des 19. Jahrhunderts. Zu den Kurorten gehören Bad Ems, Bad Kissingen und Baden-Baden. Und die Unesco berät in Fuzhou auch über den Antrag „Grenzen des Römischen Reiches – Der Niedergermanische Limes in den Niederlanden, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz“ sowie erneut über die mögliche Welterbestätte „Grenzen des Römischen Reichs – Donaulimes“; da ist Deutschland gemeinsam mit der Slowakei und Österreich gefragt.

Das Kurhaus in Baden-Baden. Foto: Uli Deck/dpa

Auf der deutschen Vorschlagsliste aber steht noch mehr. Erfurt hat gerade die erweiterte Bewerbung für sein jüdisch-mittelalterliches Erbe eingereicht, die Alte Synagoge und die Mikwe zählen dazu. Icomos, der internationale Rat für Denkmalpflege, prüft nun den Antrag und gibt sein Votum ab – 2022 könnte die Unesco entscheiden. Mecklenburg-Vorpommern hofft auf einen Zuschlag für das Schweriner Schloss, in dem der Landtag seinen Sitz hat: üppig-romantischer Historismus. Bayern ist mit zwei Nominierungen vertreten: neben den „gebauten Träumen“ von König Ludwig II., darunter das Schloss Neuschwanstein, sind das die alpinen und voralpinen Kulturlandschaften wie das Murnauer Moos.

Leonhardts SWR-Fernsehturm also muss noch durchhalten – und Stadt und Land müssen ihr potenzielles Welterbe schön pflegen.

46 Welterbestätten befinden sich in Deutschland, dazu gehören die Klosteranlage Maulbronn und die Klosterinsel Reichenau. Weltweit gibt es derzeit 1121 Unesco-Welterbestätten.

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Erstellt:
17. Februar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Februar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2021, 06:00 Uhr

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