Corona

Für Jüngere kein zweites Astrazeneca

Das Hin und Her um den Einsatz des britisch-schwedischen Vakzins erschwert weiter die Impfkampagne. Wie es jetzt weitergeht – und wer bei Nebenwirkungen haftet.

08.04.2021

Von HAJO ZENKER

Foto: afp

Berlin. Wirbel ohne Ende um Astrazeneca: Nachdem die Europäische Arzneimittelagentur wochenlang den Impfstoff in höchsten Tönen lobte, ist nun auch dort der Zusammenhang zwischen Astrazeneca-Impfungen und Fällen von gefährlichen Thrombosen anerkannt worden. In Deutschland ist das Vakzin nur noch für Menschen ab 60 Jahren empfohlen, in Dänemark ist die Verwendung gestoppt. Selbst in Großbritannien, wo zunächst keine Probleme vermeldet wurden, sind nun tödliche Thrombosen registriert worden. Fragen und Antworten.

Wenn ich als unter 60-Jähriger ein Mal Astrazeneca bekommen habe – was ist dann mit der Zweitimpfung? Wer die erste Astrazeneca-Dosis erhalten hat, soll die zweite Injektion von Biontech oder Moderna bekommen. Bislang wurden laut Robert-Koch-Institut 3,2 Millionen Erstdosen und 2258 Zweitdosen Astrazeneca verabreicht. Nach Angaben von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) haben davon 2,2 Millionen Menschen unter 60 Jahren die erste Impfung erhalten. Da das Impfen mit dem Vakzin hierzulande Anfang Februar gestartet und der Abstand zur zweiten Impfung auf mittlerweile zwölf Wochen festgelegt wurde, müssen die meisten Zweitimpfungen also erst ab Mai vorgenommen werden.

Das Problem daran: Selbst die Ständige Impfkommission (Stiko) gibt zu, dass das wissenschaftlich noch nicht abgesichert ist. Stiko-Chef Thomas Mertens hatte mit der Bemerkung für Irritationen gesorgt, bisher habe man nur positive Tierexperimente. Dabei gibt es zumindest Zwischenergebnisse englischer Studien, nach denen menschliche Immunantworten sehr gut sind, wenn für eine Impfung mRNA-Impfstoffe (wie Biontech und Moderna) und für die andere Dosis Vektorvakzine (wie Astrazeneca oder Sputnik) verwendet werden. Gestartet wurden diese Studien eigentlich, um Mutationen besser in den Griff zu bekommen.

Moderna soll aber auch Probleme haben. Tatsächlich werden vom US-Vakzinhersteller Moderna Lieferprobleme gemeldet, auch hier nicht zum ersten Mal. Offenbar wird diesmal eine für Ende April geplante Lieferung von um die 700 000 Dosen für Deutschland komplett gestrichen. Der Impfstoff spielt hierzulande eine deutlich kleinere Rolle als Biontech und Astrazeneca. So wurden bisher von Biontech 12,4 Millionen Dosen geliefert, von Astrazeneca 5,6 Millionen und von Moderna 1,8 Millionen.

Angesichts der Akzeptanz- und Lieferprobleme bei Astrazeneca verzögert der Moderna-Engpass aber die Impfkampagne weiter. Insofern wäre es wichtig, dass der Impfstoff von Johnson & Johnson tatsächlich in der zweiten April-Hälfte erstmals zur Verfügung steht – er hat den großen Vorteil, dass nur eine Injektion nötig ist. Damit bald größere Mengen ankommen, wird IDT Biologika in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt) das J&J-Vakzin drei Monate lang fertigen.

Auch Moderna setzt verstärkt auf europäische Hilfe – das Schweizer Unternehmen Lonza wird jetzt an zwei Standorten im Alpenland das US-Vakzin herstellen. Vielleicht kommt auch bald der russische Impfstoff Sputnik V. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) teilte am Mittwoch mit, einen Vorvertrag über die Beschaffung abgeschlossen zu haben – und zwar mit dem russischen Konzern R-Pharm, der in seinem bayerischen Werk in Illertissen das Vakzin nach der Zulassung herstellen wird.

Was ist denn nun eigentlich das Thrombosen-Problem? Bei Sinus- und Hirnvenenthrombosen kommt es zu einem Verschluss von Venen im Gehirn durch Blutgerinnsel. Die Erkrankung tritt bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern, was offenbar hormonelle Gründe hat. Eine solche Thrombose äußert sich meist durch Kopfschmerzen, häufig treten epileptische Anfälle oder Lähmungserscheinungen auf, auch Seh- und Sprachstörungen sind typisch. Hirnthrombosen führen im Schnitt in zehn Prozent der Fälle zum Tod, bei weiteren zehn Prozent der Patienten bleiben Spätfolgen.

Insgesamt waren in Deutschland bisher nach der Impfung 29 Frauen und zwei Männer von 20 bis 63 Jahren betroffen, neun Fälle verliefen tödlich. Das Paul-Ehrlich-Institut spricht deshalb von etwa einem Fall pro 100 000 Impfungen mit Astrazeneca. Normalerweise aber tritt diese spezielle Thromboseform im Hirn noch viel seltener auf, Untersuchungen gehen pro Jahr von drei bis fünf Betroffenen pro eine Million Einwohner aus. Laut Forschern der Unimedizin Greifswald führt bei den Geschädigten die Impfung zur Bildung spezieller Antikörper, die Blutplättchen verklumpen. Die Klümpchen führten dann zu den Verstopfungen der Hirnvenen.

Und wenn ich mich als Jüngerer trotzdem mit Astrazeneca impfen lassen möchte? Möglich ist das – zumindest theoretisch. Laut Stiko bleibt nämlich der Einsatz unterhalb der Altersgrenze von 60 Jahren „nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoakzeptanz nach sorgfältiger Aufklärung möglich“, und zwar grundsätzlich in den Arztpraxen. Allerdings hat bereits der Vizechef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Stephan Hofmeister, darauf hingewiesen, dass der Zeitbedarf für eine intensive Aufklärung jüngerer Patienten einer schnellen Impfkampagne diametral entgegenstehe. Er empfehle den Praxen, Astrazeneca nur an über 60-Jährige zu verimpfen. Allerdings seien die Ärzte frei in ihrer Entscheidung.

Was ist eigentlich mit der Haftung? Wer durch eine von der obersten Landesgesundheitsbehörde öffentlich empfohlene Schutzimpfung einen Impfschaden erlitten hat, erhält laut Bundesgesundheitsministerium auf entsprechenden Antrag hin eine Versorgung vom Land. Da die Länder auf Grundlage des Stiko-Beschlusses die Impfung mit Astrazeneca für alle ab 60 Jahre sowie nach ärztlichem Ermessen und nach sorgfältiger Aufklärung auch für unter 60-Jährige empfohlen haben, haften die Länder, wenn schwere Nebenwirkungen auftreten.

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Erstellt:
8. April 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
8. April 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. April 2021, 06:00 Uhr

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