Raumfahrt

„Final Countdown“ - Esa-Astronaut Maurer fliegt zur Raumstation ISS

Ende Oktober ist es soweit: ESA-Astronaut Matthias Maurer fliegt zur ISS. Ins All belgeitet ihn eine Musik-Playlist und ein Stein aus der Heimat.

19.10.2021

Von dpa

Esa-Astronaut Matthias Maurer sitzt in einer nachgebauten Apollo-13-Raumkapsel. Ende Oktober fliegt er ins All. Für den Aufenthalt im Weltraum hat er sogar gelernt, einen Zahn zu ziehen.

Houston. Erstmals seit drei Jahren fliegt Ende Oktober wieder ein Deutscher ins All – und Matthias Maurer kann den Start vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida kaum erwarten. „Da draußen ist so viel, was wir noch nicht erforscht haben und noch nicht verstehen. Und dieses unglaubliche Abenteuer, den Weltraum und alles, was darin vorkommt, zu entdecken, ist einfach faszinierend“, sagt Maurer voller Vorfreude auf seine Entdeckermission auf der Internationalen Raumstation ISS.

Rund ein halbes Jahr lang wird der Astronaut der Europäischen Raumfahrtagentur Esa auf dem Außenposten der Menschheit leben. Nach seinem Start zusammen mit drei US-Kollegen – zwei Männern und einer Frau – wird Maurer der zwölfte Deutsche im All sein und der vierte Deutsche auf der ISS. Als erster Deutscher wird er mit einer „Crew Dragon“-Kapsel zum fliegenden Labor gelangen. Das ist auch ein Zeichen für den Paradigmenwechsel im Weltraum: Maurers Vorgänger sind etwa mit russischen „Sojus“-Kapseln oder dem US-amerikanischen Space Shuttle zum Koloss im Kosmos gereist. Maurers Raumschiff hingegen stammt von der Privatfirma SpaceX von Tesla-Chef Elon Musk.

Mit 51 Jahren ist Maurer der älteste deutsche Raumfahrer bei einem Erstflug. Der Mann mit einem Doktortitel in Materialwissenschaft ließ nach seiner Esa-Bewerbung mehr als 8000 Kandidaten hinter sich. Jahrelang trainierte er für die Reise in die Schwerelosigkeit, unter anderem in Moskau. Sein Russisch sei zwar nicht so gut wie sein Englisch, sagt „Deutschlands nächster Mann im All“. Aber falls er wie geplant während seiner Mission ins All aussteige, trage er einen russischen Raumanzug. „Dann muss ich Russisch sprechen. Ich könnte zwar zu Englisch wechseln, will es aber auf Russisch schaffen.“

Überhaupt sei die sehr umfassende Ausbildung vom Wissenschaftler zum Techniker bis hin zum Mechaniker eine hervorragende Vorbereitung, sagt Maurer. „Im Fall der Fälle müssen wir unseren Kolleginnen und Kollegen helfen können. Deswegen lernen wir auch, eine offene Wunde zu reinigen, zu nähen, zu Klammern oder zu kleben. Im Extremfall können wir auch eine Zahnfüllung reparieren oder einen Zahn ziehen.“

Während seiner Mission namens „Cosmic Kiss“ wird Maurer mehr als 100 Experimente durchführen, davon 36 mit deutscher Beteiligung. Eins davon ist ein Fitnessanzug mit eingebauten Elektroden, der mit leichten elektrischen Impulsen den Muskelaufbau unterstützt.

Mit Musik ins All

Und wie nutzt er seine knappe Freizeit an Bord? Vor wenigen Tagen veröffentlichte er eine Liste mit 113 Liedern, die er im All hören möchte, etwa „Sternenhimmel“ von Hubert Kah oder „The Final Countdown“ von Europe. Im Gepäck hat Maurer auch einen Rötelstein aus der Heimat, dem Oberthaler Ortsteil Gronig. Solche Steine habe man einst zum Zeichnen verwendet – und die Oberthaler seien damit bis ans Mittelmeer gereist, um Handel zu treiben. Der Stein stehe für Wissenstransfer mit anderen Ländern, sagt der Esa-Astronaut. „Und genau das machen wir auch heute: Wir fliegen zur ISS als Teil eines internationalen Teams, und der Rötelstein soll ein Zeichen dafür sein, was man erreichen kann, wenn man gemeinsam etwas Großes angeht.“

Privatkleidung nimmt Maurer nicht mit. Er habe pro Woche ein T-Shirt, das er dann in der Folgewoche zum Sport trage. „Für meine sechsmonatige Mission habe ich sechs Hosen dabei – eine pro Monat. Da muss man schon aufpassen, dass man sich nicht schmutzig macht“, sagt er. Auf der ISS gebe es keine Waschmaschine. Schmutzwäsche packt die Besatzung in einen Transporter, der abgedockt wird und verglüht.

Frühmorgens soll Maurer am Samstag, 30. Oktober, mit den Nasa-Astronauten Thomas Marshburn, Raja Chari und Kayla Barron starten, das Andocken wird für Sonntag erwartet. Und falls es einmal zum Weltraumkoller kommen sollte? „Dann sprechen wir darüber. Wir sind dafür ausgebildet, dass wir Probleme rechtzeitig ansprechen – bevor sich eine richtige Krise entwickeln kann.“

Infobox: Die ISS: Leben 400 Kilometer über der Erde

Die Abkürzung für die „International Space Station“ (Internationale Raumstation) lautet ISS. Sie rast mit rund 28 000 Stundenkilometern in etwa 90 Minuten einmal um den Erdball und ist 400 Kilometer von ihm entfernt.

Gut ein Dutzend Nationen – neben den USA und Russland vor allem europäische Staaten sowie Japan und Kanada – beteiligen sich an der ISS. Der Forschungskomplex ist seit 2000 dauerhaft von Raumfahrern bewohnt.

Als bisher letzter Deutscher flog Alexander Gerst im Jahr 2018 zur ISS. Nach Thomas Reiter und Hans Schlegel ist er der dritte deutsche Astronaut auf der ISS und insgesamt der elfte Deutsche im Weltall.

Zum Artikel

Erstellt:
19. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Oktober 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App