Arbeit finden trotz Duldung die wenigsten Flüchtlinge

Falsche Vorstellungen erschweren die Vermittlung in Ausbildung oder Festanstellung

An diesem Wochenende vor einem Jahr wurde der Höhepunkt des Flüchtlingsstroms erreicht. Viele junge Männer und Frauen sind in den Folgemonaten in die Region Tübingen gekommen. Die Hoffnung: Sie lernen schnell die deutsche Sprache und finden Jobs. Doch Erfolge auf dem Arbeitsmarkt sind weiterhin Einzelfälle.

04.09.2016

Von Maik Wilke

Tübingen / Reutlingen. Seit September 2015 sind alleine aus den acht für die Bilanz wichtigsten Nicht-EU-Staaten – darunter Syrien, Irak und Afghanistan – etwas mehr als 2200 Flüchtlinge in die Region gezogen. Arbeit finden trotz Duldung aber nur die wenigsten von ihnen. Lediglich knapp 200 von diesen Frauen und Männern wurden im Jahr 2016 fest angestellt, ein großer Teil hat zuvor ein berufsorientierendes Praktikum im gleichen Betrieb absolviert, erklärt Wilhelm Schreyeck, Leiter der Agentur für Arbeit Tübingen-Reutlingen.

Etwa 18 000 Personen sind im August bei der Arbeitsagentur als arbeitssuchend gemeldet – 2000 davon sind Flüchtlinge. Die Vermittlung in Ausbildung und Festanstellung ist schwieriger als von vielen erwartet, lautet der einstimmige Tenor bei den Kammern. Viele Betriebe seien nach wie vor bereit, einen Flüchtling einzustellen, sagt Rainer Neth, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer. „Aber das Bildungsniveau der Flüchtlinge ist leider nicht so hoch, wie erwartet. Da gibt es wenig anzuerkennen.“ Diese Einschätzung kann Schreyeck mit Zahlen belegen: 26 Prozent der überwiegend männlichen Flüchtlinge haben keinen Hauptschulabschluss, nur einer von vier hat eine formale Berufsausbildung abgeschlossen (26 Prozent).

Viele Praktika auf

inoffiziellem Weg

Wie viele Flüchtlinge in Tübingen und Reutlingen schon Kontakt zum Arbeitsmarkt aufgenommen haben, lässt sich nur schwer ermitteln. Besonders knifflig wird’s bei absolvierten Praktika. „Die laufen häufig auf inoffiziellem Weg und müssen nicht bei uns gemeldet werden“, sagt Schreyeck. Sicher ist: Zu den etwa 200 Festanstellungen melden Arbeitsagentur, HWK und die Industrie- und Handelskammer (IHK) noch zusätzlich etwa 25 unterschriebene Ausbildungsverträge. Die Lehre angefangen haben aber hauptsächlich Personen, die schon länger, meist seit zwei Jahren in Deutschland leben.

Mehr als 90 Prozent der Verträge wurden im Helferbereich abgeschlossen, also für Jobs, für die keine Ausbildung nötig ist. Am häufigsten kommen Betriebe und Flüchtlinge in der Gastronomie (20 Prozent), der Metall- und Kunststoffproduktion (16 Prozent) sowie im Bau (knapp 15 Prozent) und im Bereich Lager/Logistik (10 Prozent) zusammen. „Das wird sich im Laufe der Integration ändern, wenn die Sprachkurse erfolgreich sind“, so Schreyeck. Das Ziel der Arbeitsagentur: Vom Sprachkurs zum Praktikum, zur Ausbildung, zum festen Job oder auch zu einer Weiterqualifizierung sollen nie mehr als zwei Monate vergehen.

Den Fachkräftemangel im Handwerk können die Flüchtlinge bisher nicht abfangen. Auf 700 freie Lehrstellen sind gerade einmal 25 Bewerbungen von Flüchtlingen eingegangen, berichtete HWK-Präsident Harald Herrmann im Mai. Das Problem ist weiterhin der Spracherwerb, den laut Gerold Imhof, Geschäftsführer der Tübinger Kreishandwerkerschaft, viele unterschätzt haben: „Man dachte, die Flüchtlinge gehen hier ein Jahr auf die Sprachschule und können dann eingesetzt werden. Aber das dauert deutlich länger.“ Die Bürokratie sei ein weiteres Problem. Von der 3+2-Regel, die eine Duldung für drei Ausbildungsjahre und zwei weitere bei anschließender Beschäftigung genehmigt, erhoffen sich die Kammern, dass die Betriebe mehr Sicherheit bei der Einstellung von Flüchtlingen bekommen.

Aber nicht nur die Betriebe hatten eine falsche Vorstellung, auch die Flüchtlinge haben sich den deutschen Arbeitsmarkt anders vorgestellt, sagt Petra Brenner, Bereichsleiterin Ausbildung bei der IHK. „Ein häufig genannter Wunschberuf ist zum Beispiel Kfz-Mechatroniker. Aber diese Tätigkeit stellt hohe Anforderungen, auch in der Theorie.“ Vermutlich ließen sich viele junge Männer bei der Berufsorientierung von Klischees leiten – der deutsche Arbeitsmarkt werde allzu oft mit dem Produkt „Auto“ assoziiert.

Falsche Vorstellungen vom deutschen Markt

Geschafft hat die Region Tübingen-Reutlingen die Integration der Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt also noch nicht. Dennoch zieht Schreyeck positive Aspekte aus dem vergangenen Jahr und dem ersten Halbjahr 2016: „Bei den Bildungsqualifizierungen gibt es Erfolge. Außerdem arbeiten die Kammern und Netzwerkpartner sehr gut mit den Ehrenamtlichen zusammen.“ Diese Entwicklung sei sehr ermutigend.

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Erstellt:
4. September 2016, 18:00 Uhr
Aktualisiert:
4. September 2016, 18:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. September 2016, 18:00 Uhr

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