Sindelfinger Cold Case

Ermittlerin: Kein Beweis für sexuell motivierte Tat

Warum musste Brigitta J. vor 25 Jahren sterben? Die Hauptsachbearbeiterin hat kein Motiv gefunden.

15.04.2021

Von DOMINIQUE LEIBBRAND

Brigitta J. wurde im Juli 1995 ermordet. Zentrale Frage: Warum? Foto: privat

Stuttgart. Hat der Ex-Topmanager Hartmut M. die Stuttgarter Künstlerin Brigitta J. vor mehr als 25 Jahren aus sexuell-sadistischen Motiven getötet? Davon jedenfalls geht die Nebenklage in dem Mammutprozess aus. Die letzte Hauptsachbearbeiterin in dem Sindelfinger Cold Case, die am Dienstag am Stuttgarter Landgericht im Zeugenstand sitzt, will das jedoch nicht bestätigen. Bei dem Angeklagten wurden Pornobilder gefunden, auf denen Frauen erniedrigt und gequält werden. Fallanalytiker der Polizei hätten bei der Sichtung jedoch keine „großen Auffälligkeiten“ festgestellt, sagt die 51-Jährige.

Überhaupt war die Frage nach dem Motiv, so zentral sie auch sein mag, nicht Kern der Ermittlungen der Kriminalbeamtin. Sich zu überlegen, welchen Antrieb der Täter gehabt haben könnte, nennt die Ermittlerin, die den Fall ab Herbst 2019 nochmal aufarbeitete, „spekulativ“.

Auch der Tatsache, dass M. 2007 schon einmal wegen der Tötung einer Frau verurteilt worden war, spielte offenbar keine Rolle. Die Ermittler hätten damals einen sexuellen Hintergrund vermutet, was man wegen des Verwesungszustands des Leichnams aber nicht habe beweisen können.

Für sie sei es darum gegangen, einen Beschuldigten zu finden, betont die leitende Ermittlerin. Das zumindest ist tatsächlich auch gelungen. Anfang 2020 war der 70-jährige Hartmut M. mittels auftypisierter DNA, die unter den Fingernägeln des Opfers gefunden worden war, überführt und verhaftet worden. Am Abend des 14. Juli 1995 soll er Brigitta J. gegen 23.40 Uhr in einem Sindelfinger Gewerbegebiet auf dem Weg von der Arbeit nach Hause attackiert und erstochen haben.

Ein Zufallsopfer – so die These der Kriminalhauptkommissarin. Aber warum trieb sich M. an jenem Abend in der verlassenen Gegend herum? War der Umstand, dass der Trauzeuge des Angeklagten seinerzeit Herbalife-Körperpflegeprodukte vertrieb und just am selben Wochenende in der Nähe des Tatorts eine Vertreterversammlung der Firma stattfand, ebenfalls ein Zufall?

Sie habe den Fall akribisch aufgearbeitet, versichert die 51-Jährige vor Gericht. Vieles konnte sie nach mehr als 25 Jahren, etlichen Sachbearbeitern und einer Polizeireform jedoch nicht mehr klären. Als sie den Fall übernommen habe, habe sie „ein großes Durcheinander“ vorgefunden. 20 Umzugskartons mit 150 Aktenordnern schaute sie durch. Akten waren unvollständig, Aservate verschwunden. So ist zum Beispiel unbekannt, wo der Angeklagte zum Tatzeitpunkt genau wohnte. Makaber: Brustbein und Rippe des Opfers fehlen bis heute.

Nach wie vor ein Rätsel ist zudem, mit welchem Fahrzeug der Täter an jenem Abend davonfuhr. Insassen eines roten BMW hatten einen schwarzen Honda CRX gesehen, wie ihn der Angeklagte damals fuhr. Ein US-Navy-Pilot, der die Tat quasi direkt beobachtet hatte, sprach indes von einem hellen Handwerkerauto. Möglicherweise „eine Wahrnehmungsstörung“, mutmaßt die Ermittlerin. Schließlich habe der amerikanische Zeuge unter Schock gestanden. Dominique Leibbrand

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Erstellt:
15. April 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
15. April 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. April 2021, 06:00 Uhr

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