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Die älteste Rottenburgerin aller Zeiten

Elisabeth Tränkner feiert heute ihren 110. Geburtstag

Schon vor einem halben Jahrtausend machte eine Rottenburger Elisabeth von sich reden: Es war die 105-jährige Müllerstochter und Franziskanerin Elisabeth Wendelstein. Inzwischen wurde die Priorin der Oberen Klause von Elisabeth Tränkner überholt, die heute ihren 110. Geburtstag begeht.

11.08.2016
  • URSULA KUTTLER-MERZ

Rottenburg. „Ich ess‘ alles, bloß warm muss es sein!“ antwortet Elisabeth Tränkner auf die Frage, was ihr denn besonders gut schmecke. Ihr Leibgericht waren ansonsten lebenslang Rinderrouladen, die sie noch als Hundertjährige für alle festlichen Anlässen zubereitete. Und zu ihrem 100. Geburtstag backte sie selbst einen Kuchen. Auch im Haus am Neckar genießt sie den Nachmittagskaffee mit Kuchen oder Gebäck wie auch die abendliche Suppe. Nur Tee und Wasser mag sie nicht, dann schon lieber Apfelschorle.

Elisabeth Tränkner geborene Triem kam am 11. August 1906 in Frankfurt am Main zur Welt. Ihre Mutter Elisabeth starb wenige Tage nach dem zweiten Geburtstag der kleinen Tochter, die nun zwei Jahre bei ihren Großeltern in Pirmasens lebte. Nach der Wiederverheiratung des Vaters Jakob Triem mit Lina Lenzholz wuchs die kleine Elisabeth in Frankfurt auf. Als Franzosen im Ersten Weltkrieg die Großstadt bombardierten, schickte man Elisabeth wie viele andere Kinder in den Taunus, wo sie in einer Bauernfamilie eine fröhliche und nahrhafte Zeit erlebte.

1919 zog die Familie Triem von der Mainmetropole ins ländliche Rottenburg mit seinen Kuhfuhrwerken und „Mischtene“ vor den Häusern – ein Kulturschock. Jakob Triem hatte die Fabrik des im Krieg gefallenen Vorbesitzers Wolf in der Grünau gekauft: Die ehemalige Hammerschmiede mit ihrem großen Wasserrad samt Neckarkanal und alten Bäumen war ein wunderbarer Abenteuer-Spielplatz für die Hammerwasen-Kinder, zu denen auch der spätere Gipswerk-Unternehmer Rudolf Wendler gehörte. Die „Maschinenfabrik Grünau“ produzierte Schuhmaschinen wie Stanzen, Pressen und Durchnähmaschinen. Statt eines Autos in der Garage hatte die Familie zwei Pferde im Stall und fuhr sonntags mit der Kutsche in die Kirche. Weniger vornehm war das Milchholen: Zu Fuß ging Elisabeth vom Preußischen den Stationenweg hinauf zur Familie Vollmer, die neben der Altstadt-Kapelle ihren kleinen Hof hatte.

Elisabeth wurde im Töchterinstitut Sancta Klara wegen ihres „anderen Gesangbuchs“ nicht aufgenommen und musste dann eben, als bisherige Mittelschülerin, die evangelische Volksschule in der „Ga’s-Allee“ am Neckar besuchen. In Freiburg absolvierte sie ein Jahr Hauswirtschaftsschule St. Elisabeth; dort hatte man keine Bedenken wegen der Konfession. Nach einem Haustochter-Jahr in Krefeld wurde sie sogar in die Rottenburger Handelsschule Sankt Klara aufgenommen. Als Angestellte arbeitete Elisabeth Triem dann bei der Rottenburger Volksbank in der „Linde“ an der Oberen Brücke, die sie als „armseligs Bänkle“ bezeichnet. Diese Tätigkeit fand ein jähes Ende, als Stiefmutter Lina Triem eine Gehirnblutung erlitt, die bleibende Schäden hinterließ. Die Tochter musste nun die fünfköpfige Familie versorgen und obendrein in Vaters Büro mitarbeiten.

In ihrer Freizeit traf sie sich im evangelischen Mädchenkreis mit ihren Freundinnen, mit denen sie bis zu deren Tod eng verbunden blieb. Freundschaftliche Kontakte gab’s auch in der Tanzstunde mit katholischen Oberschülern, deren Mütter voll Sorge darauf achteten, dass ihre Söhne der bildhübschen Protestantin doch ja nicht zu nahe kamen. Und von einer Freundin wurde Elisabeth gar in der katholischen Studentenverbindung Alemannia als Verbindungsdame eingeführt. Unter den Tübinger Studenten, die damals gern zum Futtern und Feiern in die Grünau kamen, waren auch der spätere Ministerpräsident Gebhard Müller und der spätere Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger.

Fabrikant Jakob Triem starb 1938, der 21 Jahre alte Sohn Armin musste den Betrieb übernehmen. Im folgenden Jahr heiratete Elisabeth Triem den aus Sachsen stammenden Ingenieur Walter Tränkner, der – von Alfred Planck auf der Hannover-Messe angeworben – als Chefkonstrukteur einer neuen Rundstrickmaschine bei Fouquet & Frauz tätig war. 1945 starb er, inzwischen Vater von zwei kleinen Kindern, weil der Arzt wegen der Ausgangssperre nicht schnell genug geholt werden konnte und es an Medikamenten fehlte. Elisabeth Tränkner arbeitete dann bis zum Ruhestand bei Fouquet & Frauz, zuerst in der Buchhaltung, später bei der Betriebskrankenkasse. In dieser Zeit unternahm sie auch gerne Auslandsfahrten mit dem von Johannes Czemmel geleiteten Rottenburger Reisezirkel.

Ihr Rottenburger Leben verbrachte Elisabeth Tränkner nahezu durchgehend am Ufer des Neckars – vom Elternhaus im Hammerwasen, der Schule in der Kirchgasse, der ersten Wohnung in der Gartenstraße, Hauskauf in Siebenlinden direkt am Wasser bis zum Arbeitsplatz in der Gartenstraße. Nach einem Abstecher ins Kreuzerfeld zog sie 2010 ins Haus am Neckar mit Blick auf den ihr ans Herz gewachsenen Fluss. Heute wird die 110-Jährige mit ihrer Familie feiern, zu der auch die beiden Urenkelinnen Carolin und Daniela gehören. Falls es Musik gibt, wird sie vielleicht wieder den Takt dazu klopfen – wie jüngst für die beiden Akkordeonspieler beim Sommerfest des Pflegeheims.

Auch Oberbürgermeister Stephan Neher wird morgen die älteste Bürgerin der Stadt besuchen und ihr in einer kleinen Feier zum 110. Geburtstag gratulieren. Er bringt eine Urkunde des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann mit, der damit zugleich der ältesten oder zweitältesten Baden-Württembergerin – genau lässt sich das nicht feststellen – gratuliert.

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11.08.2016, 01:01 Uhr
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