Mähringen · Gespräche

Einsamkeit: Eine Not, die man schlecht sieht

Immer freitags sitzt Daniel Neudeck auf seiner Bank vor dem Haus. Der Mähringer wartet auf Menschen, die einsam sind – um ihnen zuzuhören.

04.03.2021

Von Christine Laudenbach

Mit Abstand in der Sonne: Daniel Neudeck nimmt sich Zeit für ein Gespräch auf dem Bänkle. Bild: Ulrich Metz

Zwischen Mietgesuchen und Immobilienangeboten tauchte Ende Januar ein Thema im Gemeindeboten auf, das im Anzeigenteil sonst allenfalls versteckt zu finden ist. „Einsamkeit beschäftigt Sie?“, fragte da einer und versprach: „Ich (Daniel) freue mich auf Ihren Besuch!“

Für den Besuch hat Daniel Neudeck eine Bank vors Haus gestellt. Und seit Anfang des Jahres sitzt er da freitags zwischen 10 und 12 Uhr – und wartet. Auf wen? Im Grunde auf niemand bestimmtes, sagt er, in die Bahnhofstraße 43 kann jede und jeder kommen – „für ein Gespräch, Tee, Gebet …“. Dass die Mähringer seitdem vor seiner Haustüre Schlange stünden, kann nicht behauptet werden, räumt Neudeck ein. Aber wer setzt sich bei Minustemperaturen wie in den vergangenen Wochen auch schon aufs Bänkle?

Seit sich die Sonne öfter zeigt, bekommt auch Neudeck unangekündigten Besuch. Nicht nur das TAGBLATT schaute bei dem 31-Jährigen vorbei. Immer wieder findet jemand den schmalen Weg am Mähringer Ortsende und traut sich die Treppe zur Hausnummer 43 hinauf. Den Anfang macht dann Daniel Neudeck: „Herzlich willkommen, möchten Sie einen Tee?“ Mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen, funktioniere im Grunde wie Smalltalk vor einem Business-Meeting, sagt der Industriekaufmann. Im weiteren Verlauf müsse er dann meist „gar nichts sagen“ – sondern zuhören. Menschen, die sich Neudeck öffnen, haben sich ihre Einsamkeit selbst eingestanden. Das Bedürfnis „das Herz auszuschütten“, sei groß, unabhängig von Alter oder Familienstand. Was wen genau umtreibt, sei unterschiedlich, sagt er. „Jeder tickt anders.“

Im ersten Lockdown rief Daniel Neudeck Menschen, die sich alleine fühlten, regelmäßig an. Seine Oma zum Beispiel. Für Singles, sagt er, sei die Pandemie eine extrem harte Zeit. Die oft langen Telefonate nach einem Arbeitstag empfand Neudeck jedoch als sehr anstrengend. Die Idee mit dem Bänkle kam auf. Damit freitags Zeit für andere bleibt, reduzierte er seinen Job auf 80 Prozent. Ob „es funktioniert“, könne er noch nicht sagen. Nach der Anzeige im Gemeindeboten und diversen Posts in sozialen Medien habe er viele positive Rückmeldungen bekommen: Tolle Idee! fanden viele. Aber dass sich die Menschen im Schwäbischen oft schwertun Hilfe anzunehmen, spüre er schon. Sollte er freitags zu oft alleine mit seinem Buch auf der Bank bleiben, versuche er etwas anderes. „Es geht nicht um mich“, sagt Neudeck. Es geht darum, die Menschen „eine Stunde aus ihrer Einsamkeit zu lösen“.

Die Einsamkeit hat Neudeck für sich entdeckt, als er von ihr im Zusammenhang mit Krankheit und Tod las (siehe Infobox). Das Thema habe er „schon länger auf dem Herzen“. Und ja, sein Glauben spiele dabei eine Rolle. Im Gegensatz zu Obdachlosigkeit etwa sei Einsamkeit „eine Not, die man schlecht sieht“. Sie lasse sich „ganz einfach lösen“, indem man Menschen zusammenbringt. Dennoch warnt Neudeck davor, Einsamkeit mit Alleinsein gleichzusetzen. Es gibt Menschen, sagt er, die leben in Gemeinschaft und fühlen sich doch einsam.

Daniel Neudeck und seine Frau sind Mitglieder der International Christian Fellowship (ICF) Reutlingen, einer „freien, überkonfessionellen Kirche“. Viele junge Menschen gehörten dieser in der Schweiz gegründeten Gemeinschaft an, sagt Neudeck, der eine Zeitlang dort angestellt war. Seine Versuche, auch Gefängnisinsassen zu besuchen, wurden aus diesem Grund abgeschmettert, vermutet er. Vertreter von Freikirchen seien als Seelsorger dort nicht erwünscht. Er wolle es nun als Privatmann erneut versuchen.

Dass die Mähringer Besucher der Vorschlag, mit ihnen zu beten, abschrecke, denkt er nicht. Es sei ein Angebot. Über Gott und die Welt zu reden, tue gut. In ernsten Krisensituationen vermittelt Neudeck weiter an professionelle Hilfsstellen. „Ich will kein Seelsorger sein und kein Coach.“ Im Grunde, sagt er, „rede ich nicht gerne“.

Dass die Redezeit am Freitag um 12 Uhr endet, liegt jedoch nicht daran. Neudeck muss weiter nach Reutlingen. Seit längerem besucht er dort regelmäßig einen älteren Mann, den er in der Pomologie kennenlernte. Neudeck traf sich dort mit einem Freund. Der Mann auf der Bank nebenan schaute neidisch herüber und klagte, mit ihm wolle niemand etwas zu tun haben. Seitdem fährt Neudeck freitags für eine Stunde vorbei. Manchmal, sagt er, werde kaum etwas gesprochen. Manchmal „sitzen wir nur gemeinsam vor dem Fernseher“.

Und wie hält es Neudeck selbst mit der Einsamkeit? „Ich bin nicht gerne allein“, gibt er zu. Eine große Familie fange ihn auf. Auf den Härten, wo der Ohmenhäuser seit 2018 lebt, fühle er sich wohl. Sich hier mehr zu engagieren, beispielsweise im Team des Bürgerautos, könne er sich gut vorstellen. So ein Bänkle, sagt er zum Abschied, wäre im Übrigen auch etwas für die Gemeinde. Menschen mit Redebedarf könnten dort Platz nehmen und auf Gesprächspartner warten. Die Treppe zu Neudecks Bänkle steigt da bereits eine Besucherin hinauf. „Also direkt einsam bin ich nicht, aber …“

Ein Ministerium für Einsamkeit

Das Rote Kreuz spricht im Zusammenhang mit Einsamkeit und Isolation von einer „Epidemie im Verborgenen“. Laut Studie erhöht sie unter anderem das Risiko für Herz-erkrankungen um 29 Prozent, für Schlaganfälle um 32 Prozent. Nachdem sich laut Umfrage 9 Millionen Briten einsam fühlten richtete Großbritannien 2018 das erste Ministerium für Einsamkeit ein.  Der britische Sender BBC befragte zudem über 46.000 Personen aus 237 Ländern. Das Ergebnis: Menschen in individualistischen Gesellschaften fühlen sich am häufigsten einsam.

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Erstellt:
4. März 2021, 21:15 Uhr
Aktualisiert:
4. März 2021, 21:15 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. März 2021, 21:15 Uhr

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