CDU/CSU

Eine „Zukunftskoalition“ als Rettungsring

Verluste hin oder her: Armin Laschet will Kanzler werden und so auch den Zusammenhalt der Union sowie seine eigene Zukunft retten.

27.09.2021

Von ELLEN HASENKAMP

Armin Laschet (links) geht nur knapp auf die Niederlage ein. Den größten Applaus im Konrad-Adenauer-Haus bekommt Bundeskanzlerin Angela Merkel (rechts). Zwischen ihnen Silvia Breher aus Laschets „Zukunftsteam“. Foto: John Macdougall/afp

Berlin. Eine „Zukunftskoalition“ also. So lautet der Begriff des Abends bei der CDU, ein Wort, das wie eine Verheißung klingen soll, aber in Wahrheit auch ein Rettungsring ist. Generalsekretär Paul Ziemiak wirft ihn als erster aus, kaum, dass die ersten Prognosen über die Bildschirme gelaufen sind. Von „Aufholjagd“ spricht er, von „unglaublicher Mobilisierung“ und von eben jener „Zukunftskoalition“ aus Union, Grünen und FDP. Eher pflichtschuldig kommt er danach noch kurz auf die „bitteren Verluste“ für CDU und CSU zu sprechen. Dabei ist der schwarze Balken förmlich nach unten gerauscht, das schlechteste Ergebnis in der bundesdeutschen Geschichte.

Doch mit Rückschau und Problemanalyse hält sich an diesem Wahlabend im Konrad-Adenauer-Haus niemand lange auf. Die Strategie wird schnell deutlich: Volle Kraft voraus – der Kampf um die Bildung einer Regierung für Deutschland ist eröffnet. Und natürlich geht es dabei nicht nur um die Zukunft des Landes, sondern auch um die der CDU und um die von Parteichef und Kanzlerkandidat Armin Laschet erst recht.

Der betritt eine knappe Stunde später die Bühne in der Parteizentrale, eingerahmt von gleich einem Dutzend Männer und Frauen aus Präsidium und Vorstand. Kanzlerin Angela Merkel steht schräg neben ihm, der einflussreiche Ministerpräsident Volker Bouffier ist da, aber auch CDU-Größen, die zuletzt nicht gerade als beinharte Laschet-Fans galten; Gesundheitsminister Jens Spahn zum Beispiel oder der Außenpolitiker Norbert Röttgen. Diese Aufstellung soll vor allem eines zeigen: Die CDU steht hinter ihrem Chef. Der Aufstand, den viele für genau diesen Fall eines im Grunde verheerenden Wahlergebnisses erwartet hatten, findet nicht statt. Vorerst jedenfalls.

Die Friedenspflicht scheint sogar für die CSU zu gelten. Hauptsache „kein Linksbündnis“, verkündet Generalsekretär Markus Blume. Und Parteichef Markus Söder signalisiert Zusammenarbeit: „Wir als CSU wollen da unseren Beitrag mit der CDU erbringen.“

Denn Laschet will liefern: Er meldet – Verluste hin oder her – seinen Anspruch auf das Kanzleramt an. „Zu dieser Aufgabe bin ich bereit“, schließt er seine kleine Ansprache und wird dafür ausgiebig beklatscht. Für das schwache Ergebnis hat auch der Parteichef nur ein paar knappe Worte übrig. „Mit dem Ergebnis können wir nicht zufrieden sein.“

Beinahe hätte Laschet übrigens sogar seine eigene Stimme gefehlt – und daran wäre er auch noch selbst schuld gewesen. Erst eine Nachricht vom Bundeswahlleiter beendete am Sonntagnachmittag eine längere Debatte über die Folgen der „Fehlfaltung“ des Kanzlerkandidaten. Als nämlich Laschet am Morgen wie immer in der früheren Grundschule seiner Kinder in Aachen Burtscheid seinen Wahlschein einwarf, waren die beiden Kreuze bei der CDU entgegen der Vorschriften deutlich zu erkennen. Der Kanzlerkandidat hatte seinen Zettel falsch geknickt. Aber, so schließlich die Entscheidung, der Stimmzettel sei nun mal in die Urne gelangt, könne nicht mehr aussortiert werden „und ist gültig“. Glück gehabt. Ein kleiner Zwischenfall, aber viele in der Union dürften dennoch, „ein typischer Armin mal wieder“, mit den Augen gerollt haben.

Dass Laschet sich auch im Wahlkampf immer wieder Schlampereien und vermeidbare Fehler leistete, geben auch die in der CDU zu, die sich inhaltlich gut hinter dem Mann der Mitte einsortieren können. Sehr lange, viel zu lange ging Laschet davon aus, dass es schon irgendwie reichen werde. Und tatsächlich sah es im Frühsommer gut aus – aber dann stürzten seine Werte ab. Laschet, der stets Ruhe ausstrahlen und sich selbst treu bleiben wollte, wurde hektisch: Plötzlich teilte er, der sich doch als Kanzler „für alle“ inszenierte, mächtig gegen „die anderen“ aus; der größte Wahlkampfschlager des Versöhners Armin war fortan der Kampf gegen Rot-Grün-Rot. Der Laschet, der sich erst zum Teamplayer ausrief, dann aber doch kein Team wollte, stellte in den zurückliegenden Wochen dann so viele Experten für dies und jenes vor, dass selbst Hardcore-Politikfans irgendwann erst den Überblick und dann das Interesse verloren. Und der Laschet, der immer betont hatte, nicht der Erbe von Merkel zu sein und sich das Kanzleramt selbst erkämpfen zu wollen, stand in der letzten Wahlkampfwoche gleich drei Mal zusammen mit der beliebten Kanzlerin auf Wahlkampfbühnen im Norden, im Süden und im Westen des Landes.

Vor einem halben Jahr erst hatte sich Laschet den CDU-Vorsitz erkämpft, die Macht aber hat er seither nie wirklich errungen. Sein Einfluss war nur geliehen, notgedrungen hatte sich die Partei – mal mehr, oft weniger – hinter ihm versammelt, weil er nun mal der Kandidat war. Und deswegen ist Laschet nun zum Erfolg verdammt bei den Gesprächen mit FDP und Grünen. Auf der CDU-Bühne am Wahlabend machte er schon mal freundliche Angebote: Von mehr Klimaschutz sprach er und weniger Bürokratie. Von „Weltoffenheit“ und „marktwirtschaftlichen Lösungen“ und einer „Koalition, die das Land zusammenhält“. Und seine CDU gleich auch.

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Erstellt:
27. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. September 2021, 06:00 Uhr

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