Leibesübung und Hohlkopfsalat: Das LTT nimmt sich Hesse und Dostojewski zur Brust

Eine Reise zu den lichten Höhen und in die Abgründe des Erzähl-Theaters

Seit längeren schon plündert das Theater allzugern die Nachbarbestände der erzählenden Literatur oder der Filmkunst – als ob nicht genügend Originales und Originelles im eigenen Repertoire vorhanden wäre. Am Wochenende gab’s im LTT gleich zwei Premieren-Beispiele zu begutachten. Und siehe da, das eine funktioniert prächtig, während das andere letztlich. an seinen Ansprüchen scheitert.

22.02.2016

Von Wilhelm Triebold

Hätten Sie’s gewusst? Bei dem Groß-Kopferten handelt es sich (von links) um Daniel Tille, Michael Ruchter, Franziska Beyer, Carolin Schupa und Raphael Westermeier. In „Schuld und Sühne“ am LTT.Bild: Gruenschloß/LTT

Hätten Sie’s gewusst? Bei dem Groß-Kopferten handelt es sich (von links) um Daniel Tille, Michael Ruchter, Franziska Beyer, Carolin Schupa und Raphael Westermeier. In „Schuld und Sühne“ am LTT.Bild: Gruenschloß/LTT

Tübingen. Auch am Landestheater ist der Trend, sich anderweitig zu bedienen, schon längst angekommen. Über die Hälfte des diesjährigen Premieren-Aufkommens ist entweder dem Kino („Wie im Himmel“, „Arsen und Spitzenhäubchen“) oder der Literatur („Abgesoffen“, „Bilder einer großen Liebe“, „Angerichtet“) geschuldet.

Dazu die beiden Prachtexemplare „Demian“ und „Schuld und Sühne“, sogar als Premieren-Doppelschlag an diesem Wochenende. Ein Grund, sich das Phänomen einmal genauer anzuschauen. Mit allen Unterscheidungen und Überschneidungen.

„Demian“ von Hermann Hesse

Als Erzählung eine wunderbare Anleitung zum Erwachsenwerden inklusive Unglücklichsein. Der Adoleszent Emil Sinclair, geplagt von Pubertät, Mutterkomplex und Gewissensbissen, von gefühligem Frühlingserwachen und gestrengem Elternhaus, flüchtet sich in unter die Fittiche komplizierter Kumpel-Komplizenschaft. So lernt er, dank Hesses tiefgründelnden Kalenderspruchweisheiten, die Welt ansatzweise besser zu verstehen und vor allem sich selbst zu erkennen – ein an den Zweifeln wachsender Steppenwolf im Schafspelz,

Was macht das LTT daraus? Eine letztlich intelligente, einleuchtende Leibesübung im Kindheitskäfig. Ausstatterin Sandra Fox hat ein schickes Klettergerüst auf die große Bühne gestellt, auf dem vier Fünftel der Akteure äußerst anspruchsvoll herumturnen oder wie Fledermäuse rumhängen. Die Bühnenfassung von Regisseur Dominik Günther und Chefdramaturg Stefan Schnabel schält klug und plausibel den tiefenpsychologischen Kern der Geschichte heraus, die – und das ist der springende Punkt – nicht nacherzählt, sondern einfach noch einmal vorgespielt wird.

Das ist dramaturgisch überzeugend, denn damit hält das Theater jene Übereinkunft ein, die der „Zeit“-Kritiker Peter Kümmel neulich treffend beschrieben hat: „Ein Schauspieler versucht, eine Figur zu erschaffen. Er stellt etwas her aus dem mit den Zuschauern geteilten Kinderglauben, auf der Bühne sei ein Leben möglich, das anderswo nicht ist. Und das nur entsteht, weil alle an diesem Abend im selben Raum sind: die Schauspieler und die Zuschauer.“

Die süße Theater-Lüge: hier wird sie eingelöst. Die Regie lässt den Jüngling seelenquälerisch mit sich und den anderen ringen, zum Teil zu zweit in einer Körperhülle, aus der sie sich herauspellen und gleichsam befreien: eine starke Bildersprache aus dem Geist der Darstellung, nicht der Behauptung.

Lukas Umlauft spielt die Hauptperson Emil mit verdruckst-bedrückter Haltung, ein wandelndes Fragezeichen auf der Suche nach Antworten. Ein Weltschmerzknabe im Dauerclinch, und dabei „im Streit mit der Welt“ – die er, „wie sie jetzt ist“, zugrunde gehen sieht.

Autor Hesse hatte eigentlich in seinem Testament verfügt, dass seine Werke nicht in andere Medien überführt werden dürfen. Er ahnte vermutlich warum. „Demian“ am LTT ist allerdings ein stichhaltiges Gegenargument.

Anti-Held Emil Sinclair wäre gewiss ein passionierter Dostojewski-Leser. Und er würde zweifellos Hesse zustimmen: „Wir müssen Dostojewski lesen, wenn wir elend sind, wenn wir bis zur Grenze unserer Leidensfähigkeit gelitten haben und das ganze Leben als eine einzige brennende, glühende Wunde empfinden.“

„Schuld und Sühne“ von Fjodor Dostojewski

Regisseur Gernot Grünewald, der im LTT beim Political „Palmer – zur Liebe verdammt fürs Schwabenland“ bereits die Puppen tanzen ließ, hat sich für den Dostojewski-Roman jetzt wiederum ein düsteres Püppelspiel einfallen lassen. Und Grünewald mag es, wenn „Schauspieler Erzähler von Geschichten sind und weniger eine geschlossene Figur einen ganzen Theaterabend behaupten müssen,“

An solch mangelndem Behauptungswillen und Stehvermögen krankt dann auch dieser ganze Abend. Die Kopfgeburt, den Schauspielern (die im Idealfall selbst „Gefäß“ der Theater-Übereinkunft sein dürfen) überlebensgroße Maskenschädel aufzubürden und sie ihnen wie einen Nachttopf überzustülpen, ist erstmal ein Hingucker, trägt aber nicht besonders.Ein Kunstkniff, der zur Erstarrung, nicht zur weiteren Erkenntnis führt.

Außerdem wird doppelt gemoppelt. Das Geschehen rund um die Bretter(dreh)bühne verhält sich wie ein Echtzeitecho zu dem Bericht, der unter die übrigen Schauspielern verteilt wird: Kaum erzählen sie von dem Beil, das der Möchtegernmörder Raskolnikow gleich ergreift, nimmt er es prompt in die Hand. Kaum kündigen sie an, der Arzt werde jetzt im Guckkasten-Verschlag den Puls fühlen, sucht der sogleich nach dem passenden Handgelenk.

Bloß – warum muss man das, was gerade kommentiert wird, nochmal anschauen, oder umgekehrt? Die Inszenierung am LTT weiß man auch keine rechte Antwort darauf. Sie versteckt sich hinter kleidsamen Hohlkopf-Masken, die für leicht gruselige Stummfilmstarre sorgen und ansonsten – anstelle von Mimik – jeweils nur einen sprechenden, mitunter sogar charakteristischen Gesichtsausdruck spazieren tragen (Herstellung: Judith Mähler).

Für Abwechslung sorgen immerhin gelegentliche Perspektivwechsel, erzeugt per wackelig-grieseliger Kameraführung, deren Angstbilder dann dekorativ an die Bretterwand projiziert werden.

Die Gemeinsamkeiten der beiden Aufführungen? Das Drehmoment auf der Bühne, samt Hang zur Käfighaltung. Plätschernde musikalische Konfektionsware (beidesmal von Dominik Dittrich), mal als Minimal-Glass-Verschnitt, mal als Mystical-Pärt-Magie. Zwei „Sternchenthema“-Aspiranten. Und schließlich: der parallele Blick auf die Themen Grenzüberschreitung und Tabubruch, Menschwerdung und Übermensch-Anwandlungen.

Was sie trennt? Vor allem, dass die theatralische Annäherung an Hesses „Demian“ die Kopfbühne des Lesers, die bei jeder Lektüre entsteht, in reale Schauspielräume überträgt, während „Schuld und Sühne“ in dieser Form nur aktionistische Kopfbühnenbilder produziert und projiziert. Und zuguterletzt, dass hundert Minuten Hesse plötzlich kurzweiliger erscheinen als 135 Minuten Dostojewski – wer hätte das gedacht.

Sorgen braucht man sich deshalb nicht zu machen, Dostojewskis Leidensszenarien werden weiter Konjunktur haben auf den Bühnen landauf, landab. Und an Hesse werden die Theater auch weiterhin selten, aber verlässlich scheitern (wie vor kurzem das Staatstheater Karlsruhe am „Glasperlenspiel“).

In „Schuld und Sühne“, wenn am Ende der Sträfling Raskolnikow halb gebrochen, halb geläutert Buße tut, liegen die nutzlos gewordenen Pappmaché-Häupter wie Kohlköpfe über die Bühne verstreut. Außen hui, innen hohl – ein Sinnbild dieser Aufführung.

Info „Demian“: Im großen LTT-Saal weitere Vorstellungen am 25. und 26. Februar sowie am 5. und 24. März, danach am 9. April. – „Schuld und Sühne“: In der LTT-Werkstatt weitere Aufführungen am 5., 6. und 24. März, außerdem am 7. April.

Helme zu Drum-Pads! Hier trommeln im „Demian“-Kletterkarussell (von links) Jennifer Kornprobst, Heiner Kock, Lukas Umlauft, Andreas Guglielmetti und Thomas Zerck.Bild: Sigmund/LTT

Helme zu Drum-Pads! Hier trommeln im „Demian“-Kletterkarussell (von links) Jennifer Kornprobst, Heiner Kock, Lukas Umlauft, Andreas Guglielmetti und Thomas Zerck.Bild: Sigmund/LTT

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Erstellt:
22.02.2016, 01:00 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 55sec
zuletzt aktualisiert: 22.02.2016, 01:00 Uhr

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