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Gefangen in der Badewanne

Eine 87-jährige Tübingerin war tagelang im Bad eingesperrt – ein TAGBLATT-Austräger half ihr da raus

Heute könnte ich eigentlich mal baden, dachte eine betagte Frau an einem Sonntag in ihrer Wohnung auf dem Tübinger Schlossberg. Die 87-Jährige wollte also in die Wanne steigen und nicht wie sonst duschen. Sie ließ das Wasser ein und sich selber in der Wanne nieder. „Kaum war ich drin“, so erinnert sie sich Wochen danach, „wusste ich, da komm’ ich nicht mehr raus.“

19.08.2017

Von Ulla Steuernagel

Thomas Simon trägt Zeitungen aus und behält dabei die Augen offen. So half er, eine betagte Frau aus ihrer Zwangslage zu befreien. Bild: Faden

Der Frau – sie will namentlich nicht genannt werden – war klar, sie saß oder lag nun in der Falle, denn sie war „mit dem rechten Bein nicht gut zu Fuß“ und darum sehr unbeweglich. Aus heutiger Sicht wundert sie sich dennoch, warum sie es nicht geschafft hat, die Wanne zu verlassen. Andererseits weiß sie aber auch genau, dass sie alles unternommen hat, um sich wieder herauszuheben. Wirklich alles.

Doch was sie auch probierte, ihr fehlte einfach die Kraft. Der rote Knopf, mit dem sie die Johanniter hätte alarmieren können, lag nicht in Reichweite, das Telefon auch nicht. Nichts war in Reichweite – außer dem Wasserhahn und der Handdusche.

Das war immerhin ein Teil der Rettung für die Frau, sonst hätte sie ihr Badezimmer-Abenteuer gewiss nicht überlebt. Immer wieder ließ sie Wasser in die Wanne: „Warmes Wasser, wenn ich Hunger hatte und kaltes, wenn ich trinken wollte.“

Hunger und Durst stellten sich notwendigerweise ein, denn die Frau steckte ganze vier lange Tage in dieser Zwangslage. Klar habe sie gefroren, zum Glück hatte sie das warme Wasser. Den Stöpsel ziehen konnte sie gerade noch. Damit war ihre Bewegungsfreiheit aber auch schon erschöpft.

Noch schlimmer als die Tage waren die Nächte. Die Wanne war hart und das Bad dunkel, denn zum Lichtschalter kam sie ja auch nicht. Manchmal nickte sie kurz ein, das Zeitgefühl ging ihr verloren. Als man sie rettete, war sie der Meinung, sie habe „nur“ drei Tage in der Wanne gelegen. Seltsam war, so erinnert sich die Frau, dass sie „nicht in Panik“ geriet. „Ich dachte immer, ich komm schon wieder raus.“ Aber wie, das war ihr völlig unklar.

Erst nach zwei Tagen in hilfloser Lage sei sie auf die Idee gekommen, um Hilfe zu rufen – in der Hoffnung, ein Nachbar könne sie hören.

Thomas Simon hörte sie nicht. Aber er stand am Abend des vierten Tages vor dem Haus der alten Frau und fand den Briefkasten voller „TAGBLATT“-Ausgaben, als er den „Tagblatt-Anzeiger“ hineinstecken wollte. Das wunderte den 57-jährigen Zeitungsausträger. Und das war auch Teil zwei der Rettung für die Eingesperrte. Simon kannte die Frau und ihr fortgeschrittenes Alter. Er wusste, dass sie nicht in Urlaub fahren würde. Ihr voller Briefkasten kam ihm also komisch vor. Er fragte sich, ob die Bewohnerin vielleicht einen Unfall hatte oder überfallen worden sei. Zu hören war nichts, also klingelte er bei den Nachbarn. Gemeinsam gingen sie dann ums Haus und schließlich hörten sie die Hilferufe der Frau. Die Nachbarin habe gerufen: „Regen Sie sich nicht auf, wir holen Hilfe.“

Der Schlüsseldienst kam, die Frau wurde aus ihrer Zwangslage befreit. Und der Notarzt alarmiert. Die nächsten Nächte verbrachte die Befreite dann in der Medizinischen Klinik und anschließend noch einige Wochen im Paul-Lechler-Krankenhaus, bis sie entlassen werden konnte. Mittlerweile geht es ihr wieder gut, das Laufen sei allerdings etwas schlechter geworden. Dennoch klagt die Frau nicht. Im Gegenteil, sie ist vor allem ihrem Zeitungsausträger dankbar, der ihren Briefkasten sah und daraufhin kombinierte, dass etwas nicht in Ordnung ist. Die glückliche Frau wandte sich deshalb ans TAGBLATT und schrieb: „Herr Simon hat mein Leben gerettet.“

Thomas Simon fühlt sich gar nicht so sehr als Lebensretter. „Ich hab doch nicht viel getan“, sagt er. Der Mann, der mit dem Zeitungsaustragen am Schlossberg derzeit auf sechzig Kilometer in der Woche kommt, gibt jedoch zu: „Ich kenn die ganze Gegend und mir entgeht nix!“

Die dankbare Zeitungsabonnentin wird ihm diese Aufmerksamkeit nie vergessen. Sie scheint außerdem ihr gruseliges Badezimmererlebnis ganz gut verkraftet zu haben. Fünf bis sechs Kilo habe sie zwar durch die unfreiwilligen Hungertage abgenommen, aber von Albträumen werde sie nun nicht geplagt. Die Wunden vom langen Liegen auf harter Unterlage machten ihr zwar lange zu schaffen, aber auch die sind nun größtenteils verheilt. Eins aber hat sich die Frau geschworen: Sie will nie wieder baden.

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Erstellt:
19. August 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
19. August 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. August 2017, 01:00 Uhr

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