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Fiasko mit Fischer-Fresko

Ein ungewöhnliches Kunstwerk konnte doch nicht gerettet werden

Wie erst jetzt bekannt wurde, ist das vor einem dreiviertel Jahr mit großem Aufwand aus einer Tübinger Professorenvilla ausgebaute Fresko des Münchner Malers Ernst Maria Fischer noch beim abendlichen Abtransport irreparabel beschädigt worden. Kurz vor der vorübergehenden Unterkunft in einer Balinger Fabrikhalle war der Schwertransporter mit einem Baum kollidiert.

17.08.2016
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen.Spektakulärer hätten Ausbau und Abtransport kaum erfolgen können. Eine Spezialfirma hatte Mitte Oktober vorigen Jahres im Wohngebiet Wanne einen knapp 100 Kubikmeter umfassenden Flurraum mit Decke, Boden und Wänden aus dem Obergeschoss einer Abbruch-Villa gesägt, den mit Stahlträgern unterfangenen Kubus aus dem abgedeckten Dach gehievt und auf einen Tieflader gesetzt.

Der Kubus enthielt ein aus dem Jahr 1933 stammendes Fresko, das einige Jahrzehnte unter einer Tapete verborgen war. Kurz vor dem Abriss der Villa hatte es die Restauratorin und Kunsthistorikerin Julia Feldtkeller vor der Zerstörung retten und als begehbares Kunstwerk erhalten wollen. Als möglicher Ausstellungsort war das Untergeschoss des künftigen Stadtarchivs in der ehemaligen Güterhalle im Gespräch. Kulturbürgermeisterin Christine Arbogast hatte an der Großarchivalie Interesse gezeigt und Albrecht Kroymann namens der Kulturstiftung einen fünfstelligen Zuschuss in Aussicht gestellt. Bis zur endgültigen Klärung seiner Zukunft sollte das 20 Tonnen schwere Kunst-Paket in einer Halle bei Balingen zwischenlagern.

Gegen 22 Uhr, rund sieben Stunden nach dem perfekt geglückten Ausbau, hatte sich der Transporter an dem Oktobertag in Bewegung gesetzt, vorneweg und hinterher Fahrzeuge mit Blaulicht. Dazu zwei eskortierende Polizisten auf Motorrädern, um bei Engstellen die Gegenfahrbahn für den überbreiten Tieflader zu sperren. Das rollende Ungetüm fuhr auf der B27 durch Dußlingen und Ofterdingen, an der Kreisgrenze wechselte das Team der Polizei. Weiter ging die Fahrt durch Hechingen, Balingen, dann auf der Landesstraße nach Weilstetten, wo die beauftragten Baudenkmalpfleger, die für den Transport ein Subunternehmen beauftragt hatten, eine Halle als Lager zur Verfügung haben.

Die Freude über die Rettung wurde jäh gestoppt. Zum Verhängnis wurde kurz vor dem Ziel ein Baum, von dem ein starker Ast laubverdeckt in die Fahrbahn ragte. Der Ast schrappte ein Stück an der rechten Oberkante der Kiste entlang. „Der Transporter hielt sofort an“, berichtet Julia Feldtkeller, die hinter dem Gefährt herfuhr. Noch verhüllte die Plane den tatsächlichen Schaden. Erst als der Tieflader mit der Kunstkiste in die Halle eingebogen war, konnten die Beteiligten im Lichtkegel ihrer Handys erkennen, dass der Unfall nicht ganz so glimpflich abgegangen sein konnte.

„Ich war geschockt und sprachlos“, erinnert sich Feldtkeller an diese Situation. Fast ein halbes Jahr hatte sie sich mit dem Kunstwerk beschäftigt, nachdem sie von einer Frau aus der Nachbarschaft der Villa darauf aufmerksam gemacht worden war. Die Restauratorin hatte das Fresko freigelegt, wissenschaftlich erforscht und war von dem Ergebnis so fasziniert, dass sie den Immobilien-Investor Ulrich Polzer gewann, ihr den Kubus für die weiteren Rettungspläne zu überlassen. Doch nun, unter der teilweise weggeschnittenen Plane, kamen die Risse im Mauerwerk zum Vorschein, auf dem Boden der Halle lag bemalter Putz.

Vor Ort habe man sich darauf verständigt, zunächst durch Fachleute den Schaden begutachten zu lassen und Möglichkeiten einer Restaurierung zu überlegen. An die Öffentlichkeit habe man zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht, sagt Julia Feldtkeller auf Nachfrage.

In den nächsten Monaten besahen verschiedene Fachleute den Zustand. An den Fresken stellte Feldtkeller Schäden fest, die nie mehr zu kaschieren sind. „Alle Flächen sind, unterschiedlich stark, zerrissen. Am schlimmsten an der Südwand, die jetzt durchgehend von einem knapp zwei Zentimeter breiten Spalt durchzogen ist.“ Putz hat sich teils großflächig gelöst und ist nach dem Aufprall auf dem Boden zersprungen. Selbst bei größter Fertigkeit lassen sich diese Schäden am Fresko nicht mehr unsichtbar machen.

Noch gravierender hat sich der Unfall auf die Statik des Raums ausgewirkt. Hier ergab ein Gutachten, dass sich der Kubus nicht mehr transportieren lässt, ohne weiter zu zerfallen. Schmerzliches Fazit für die Restauratorin: Totalschaden. Das Fresko sollte komplett im Objekt dokumentiert werden. „Das Ziel für die aufwändige Bergung ist zunichte.“

Wer für die erheblichen Kosten aufkommen soll, die im Detail noch aufgerechnet werden müssen, ist offen und Streitgegenstand von Versicherungen. Den vergeblichen Aufwand bereut Feldtkeller dennoch nicht. „Ich würde mich wieder so entscheiden.“

Ernst Maria Fischer und Oswald Kroh

Oswald Kroh war ein Tübinger Pädagogik-Professor und Parteigänger der Nazis. Sein befreundeter Münchner Kollege Aloys Fischer machte ihm 1933 zum Einzug in seine neue Villa ein Geschenk: ein großformatiges Fresko, das sein Sohn gestalten sollte. Der Künstler Ernst Maria Fischer war Antifaschist. Krohs Kollege verlor, weil er mit einer Jüdin verheiratet war, 1937 seinen Lehrstuhl, auf den Kroh 1938 berufen wurde. Aloys Fischer starb noch 1937 an den Folgen einer Magenoperation, sein Sohn 1939 an der Nachwirkung einer Kriegsverletzung, seine Frau 1944 im KZ Theresienstadt. Nicht nur diese Personenkonstellation, sondern auch das ungewöhnliche Bildprogramm bekräftigten Julia Feldtkeller in der Absicht, das Fresko samt umgebender Architektur als kunsthistorisches Zeugnis zu erhalten.

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17.08.2016, 00:30 Uhr
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