Kommentar

Dieses Krankenhaus ist anders

Wow! Schon eine Woche vor Weihnachten 81 000 Euro für unsere Spendenaktion, das gab es noch nie in der TAGBLATT-Geschichte. Die Idee von Lisa Federle, eine mobile Arztpraxis für Flüchtlinge einzurichten, hat offenbar viele Leser/innen auf Anhieb überzeugt. Das freut uns, und wir danken unseren Leser/innen.

18.12.2015

Von Ulrich Janssen

Doch es gibt noch ein zweites Projekt, das uns am Herzen liegt: Die Palliativstation des Tübinger Paul-Lechler-Krankenhauses (siehe auch den Bericht im Inneren).

Über Menschen zu schreiben, die bald sterben müssen, ist für Journalisten nicht leicht. Man ist nervös, wenn man den Berg hinauf fährt, das hundert Jahre alte Gebäude betritt. Doch hinterher staunt man, wie einfach es war. Man geht ein wenig verwandelt, fast beglückt.

Das liegt daran, dass dort oben eine seltsame Freiheit herrscht. Weil es nicht mehr um den Sieg über den Krebs oder andere Krankheiten geht, nicht mehr um aufwändige, belastende Therapien, können sich die Ärzte, Pfleger und Therapeuten ganz auf das Wohlbefinden des Kranken konzentrieren.

Jeder, der dort oben ankommt, ist willkommen, egal wer er ist und in welcher körperlichen oder geistigen Verfassung er ist. Für jeden Kranken nehmen sich die Mitarbeiter Zeit, sie hören zu, setzen sich ans Bett, halten Hände, streichen über die Stirn. Auch untereinander gehen alle freundlich und respektvoll miteinander um. Man redet nicht schlecht übereinander, lächelt sich zu, berührt sich kurz beim Vorbeigehen am Arm. Es gibt viel zu tun, aber keinen Stress.

Als Journalist ist man skeptisch, wenn man so etwas erlebt. Man kann doch nicht zu allen Menschen freundlich sein. Es gibt doch immer ein paar Nervensägen, unter den Patienten wie auch unter Kollegen. Ist die große Freundlichkeit nicht aufgesetzt? Wird das „wir nehmen uns die Zeit“ nicht etwas zu mantra-mäßig ausgesprochen? Wirken die existienziellen Erfahrungen womöglich wie eine Art Droge?

Doch bald sieht man ein: Es ist anders. Die Präsenz des Todes verändert die Perspektive. Dinge, die draußen wichtig sind, sind hier unwichtig. Es herrscht eine große Aufrichtigkeit und Gelassenheit. Patienten, denen es gerade noch gut ging, können plötzlich zusammenbrechen. Andere, die kurz vor dem Tod standen, werden plötzlich wieder munter. Pläne zählen wenig, man lernt, den Tod und das Leben zu akzeptieren.

Es ist ein großes Glück, ein solches Krankenhaus in der Stadt zu haben. Ein Glück nicht nur für Schwerkranke, sondern auch für alle (noch) Gesunden. Sie können dort viel lernen über das, was im Leben wirklich zählt. Aber es ist auch ganz klar, dass so etwas wie das Paul-Lechler-Krankenhaus nur mit Spenden funktioniert. Das Geld der Kassen reicht nicht. Deshalb unser Appell: Spenden Sie weiter. Jeder Euro, der dort oben landet, ist sehr gut angelegt.

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Erstellt:
18. Dezember 2015, 21:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Dezember 2015, 21:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Dezember 2015, 21:00 Uhr

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