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Tübingen · Hölderlinturm

Wiedereröffnung: Die Linien der Lebenshälfte

Das beste Exponat ist der Turm selbst: Das Tübinger Wahrzeichen ist mit einer neuen fabelhaften Ausstellung ausgestattet und von diesem Wochenende an auch wieder öffentlich zugänglich.

14.02.2020

Von Wilhelm Triebold

Der sanierte Hölderlinturm ist ab Montag wieder öffentlich zugänglich. Bild: Anne Faden

Die Hälfte des Lebens verbrachte er pflegebedürftig in diesem Turm (beziehungsweise dem Vorgänger), schrieb erratische Verse, schaute Richtung Schwäbische Alb, bekam selten Besuch. Rechtzeitig zum 250. Geburtsjahr von Friedrich Hölderlin ist die komplett erneuerte Dauerausstellung in den generalsanierten Räumen am Neckar fertig geworden, und keine Frage, die Beteiligten sind hörbar stolz. Am besten brachte es gestern der Marbacher Kurator Thomas Schmid auf den Punkt: „Das erste Exponat, das wichtigste, schwierigste, ist der Turm selbst.“ Die Authentizität des Ortes sei „in den Mauern, den Möbeln, der Sprache“ zu finden, besonders in der Sprache.

Denn der Hölderlinturm orientiert sich, wie es moderne Museumskonzepte machen, stärker an einer zeitgemäßen Vermittlung anstelle des oft drögen Präsentierens original erscheinender er Dokumente. Weniger Papier, mehr sinnliches Erfahren und Erfassen – da erscheint die Dauerausstellung, nach immerhin 35 Jahren, in nun hellerem, fokussierendem Licht.

Das zeigt sich gleich zu Beginn. Als erste Station nach dem Eingangstresen, linkerhand des alten Zugangs am Neckarzwingel, stößt man auf eine Bretterwand. Auf den Holzschindeln sind die berühmten Zeilen „An Zimmern“ in mehreren Sprachen zu lesen, von den verschiedenen Linien des Lebens, die der verwirrte Dichter hier in der Werkstatt des Pflege-Patrons und Schreinermeisters Ernst Zimmer auf eine Holzschindel gekrakelt haben soll. Wer dazu den Hörrohrschlauch zur Hand nimmt und die andere auf eine Impulsfläche legt, bekommt das Pochen der gesprochenen Metrik zu spüren.

Eine von mehreren guten Ideen, Versmaß zu versinnlichen. Die Ausstellungsmacherinnen und -macher unter Schmids Federführung haben sich einiges einfallen lassen, ohne die Präsentation mit allzu viel medialem Ballast zu beschweren. Das hat alles Hand und Fuß, beim Durchpromenieren und Anfassen, beim Betrachten und Erlauschen.

Jener Tisch aus Lindauer Privatbesitz, der zuletzt 2015 auf der Marbacher Ausstellung „Der Wert des Originals“ zu bestaunen war, an den Hölderlin haltsuchend und taktschlagend Hand angelegt haben soll, ist zwar derzeit nur als annähernd originalgetreue Nachbildung zu sehen. Doch spätestens hier, an einem Endpunkt der Schau im oberen Turmschauraum, ist die Originalitätssucht, falls vorhanden, längst verflogen.

Pfiffig auch das Sprachlabor, in dem dann vermutlich ein überwiegend jüngeres Publikum in DJ-Manier am Soundboard durch Hölderlinsche Gedichtschlieren switcht. Es geht, sagt Schmid, um „metrische Sensibilisierung“, also auch um Sprach-Gefühl. Das droht abhanden zu kommen. Zumal Hölderlin kaum mehr in Stundenplänen auftaucht.

Gelegenheit, die Grundlinien der neuen Dauerausstellung im Hölderlinturm kennenzulernen, bietet ein Kuratorengespräch am morgigen Sonntag um 11 Uhr im Ratssaal im Rathaus am Markt. Im Anschluss ist der Hölderlinturm erstmals wieder von 12.30 bis 17 Uhr öffentlich und bei freiem Eintritt zugänglich. Reguläre Öffnungszeiten täglich außer dienstags 11 bis 17 Uhr, mittwochs bis 19 Uhr.

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Erstellt:
14. Februar 2020, 21:04 Uhr
Aktualisiert:
14. Februar 2020, 21:04 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2020, 21:04 Uhr

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