Die Mittelstands-Ministerin

Nicole Hoffmeister-Kraut ist Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg. Die 48-jährige Balingerin, die aus der Bizerba-Unternehmerfamilie stammt, führt seit Mai 2016 das baden-württembergische Wirtschaftsministerium. WIP sprach mit der Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie – Corona-bedingt nicht live, sondern digital.

04.12.2020

Von TEXT: Ralf Flaig / Simone Maier|FOTO: Martin Stollberg

Vor einem Jahr hätten wir dieses Interview wohl anders geführt. Die baden-württembergische Wirtschaft brummte, und Sie als Wirtschaftsministerin hatten ganz andere Themen auf der Agenda. Wie sehr hat die Corona-Pandemie diese verändert?
Zu 100 Prozent? Oder sind auch Themen unverändert geblieben?

Corona beeinflusst einfach alles: natürlich die Wirtschaft und die Politik, aber auch die persönlichen Lebensbereiche. Hier waren meine Familie und ich natürlich selbst betroffen. Als Eltern von drei Töchtern wurden auch wir mit Home Office & Co. an den Rand des Leistbaren gebracht. Schlafzimmer, Büro, Wohnzimmer – irgendwann waren alle Zimmer belegt.

Was die Wirtschaft anbelangt, würde ich sagen, dass der April als schwärzester Monat in die Nachkriegsgeschichte eingeht. Es gab massive Einbrüche in den Leitbranchen wie dem Automobilsektor und dem Maschinenbau, um nur zwei Beispiele zu nennen. Positiv hervorzuheben in dieser Zeit waren die Baubranche, der Lebensmittel-Sektor und alles, was mit digitalen Themen zu tun hat.

Genau genommen fing der Abschwung aber schon früher an: Ein erster konjunktureller Einbruch war bereits Ende 2018, Anfang 2019 spürbar. Corona kam dann quasi als Brandbeschleuniger dazu. Das Gute in Deutschland war, dass die Industrie nicht – wie zum Beispiel in Italien und Spanien – komplett heruntergefahren wurde. Dennoch waren natürlich die Lieferketten auch bei uns unterbrochen, und somit kam es zu den immensen Auswirkungen auf alle Lebensbereiche und Branchen.

Wie sehr trifft Corona die baden-württembergische Wirtschaft? Härter als in anderen Bundesländern aufgrund der starken Exportorientierung und der exponierten Stellung der Automobilindustrie einschließlich der Zulieferer?

Ja, ganz klar sind wir stärker betroffen. Das Bruttoinlandsprodukt ist allein in Baden-Württemberg im ersten Halbjahr 2020 um 7,7 Prozent zurückgegangen. Zum Vergleich: Auf Bundesebene wurde ein Rückgang von 6,6 Prozent verzeichnet. Ein zentraler Grund ist der Nachfragerückgang in wichtigen Absatzmärkten wie den USA oder in der EU: Davon sind wir mit unserer sehr hohen Exportquote von 39 Prozent in besonderer Weise betroffen.

Im dritten Quartal zeichnete sich dann eine positivere Entwicklung ab. Ein kleines Licht am Horizont. China verzeichnete beispielsweise schon bald wieder ein Wachstum. Durch den jetzigen Teil-Lockdown ist die Stimmung natürlich wieder getrübt. Gut ist, dass im Unterschied zum ersten Lockdown im Frühjahr die Schulen und Kitas sowie der Einzelhandel geöffnet bleiben, wenngleich mit nun wieder stärkeren Einschränkungen durch die kürzlich gefassten Beschlüsse zur Quadratmeter-Regel.

Das oberste Gebot ist jetzt, dass ein Großteil der Kontakte eingeschränkt werden. Allerdings möchte ich unbedingt dafür plädieren, den stationären Einzelhandel so gut und so oft es geht zu unterstützen und wenn möglich, nicht bei den Internet-Riesen, sondern lokal einzukaufen.

Was waren und sind die konkreten Maßnahmen, um der Wirtschaft im Ländle zu helfen?

Bund und Land haben innerhalb kürzester Zeit vielfältige Hilfsprogramm auf den Weg gebracht, um das Überleben der Unternehmen zu sichern, unter anderem auch gezielte Hilfsprogramme für besonders durch die Pandemie gebeutelte Branchen wie Hotels oder Gastronomie oder die Veranstaltungswirtschaft. Außerdem können Soloselbstständige und Kleinstunternehmen bereits seit Frühjahr einen fiktiven Unternehmerlohn bis zu einer Höhe von 1080 Euro pro Monat beantragen. Damit waren wir bundesweit Vorreiter.

Die baden-württembergische Wirtschaft ist sehr stark vom Mittelstand geprägt. Hilft diese Struktur bei der Bewältigung von Corona?

Absolut. Die vielen kleinen und mittleren Unternehmen, die KMU, tragen zur Systemkompetenz bei. Sie stehen für Innovation, Qualität und technischen Fortschritt. Im Ländle gibt es sehr viele, familiengeführte Unternehmen, welche den Slogan „In der Region verwurzelt, in der Welt zuhause“ leben. Die unternehmerische Gesellschaftsverantwortung – CSR – ist für den Mittelstand äußerst wichtig. Mittelstand in Baden-Württemberg ist eine Haltung und ich sehe mich als Mittelstands-Ministerin.

Wie wichtig sind Cluster in den heutigen globalen Wirtschaftsbeziehungen? Sind Vernetzungen innerhalb von Unternehmen und innerhalb von Regionen und
Ländern nicht ein probates Mittel, gerade auch in Krisenzeiten?

Kein Zweifel, Netzwerke bringen nur Vorteile. Uns ist es wichtig, mit unserer Clusterpolitik Akteure zusammenbringen, vor allem in der zunehmend digitaler werdenden Welt. Cluster gewinnen zunehmend an Bedeutung, gerade auch in Krisen. Die Clustermanager fungieren dabei als Ansprechpartner in unserer diversifizierten Wirtschaftsstruktur. Hervorragende Beispiele sind das Innonet Kunststoff in Horb, das Medical Valley in Hechingen und das Cyber Valley in Tübingen sowie die enge Kooperation mit den Fraunhofer-Instituten. Mit KI-Hubs und Digital-Hubs müssen wir noch mehr in die Fläche gehen, wie ich es zum Beispiel bei meinem letzten Besuch in China und den dortigen Investitionsparks gesehen habe.

Ein weiterer Punkt in diesem Zusammenhang sind die Popup-Labore, Werkstätten auf Zeit, in der die kleinen und mittleren Unternehmen innovative Technologien, neue Geschäftsmodelle und agile Organisationsformen kennen und einsetzen lernen. Kurzum: KMU können hier Wirtschaft und Digitalisierung über das Tagesgeschäft hinaus neu denken und gestalten.

Welches sind die wichtigsten Vorhaben Ihres Hauses im Jahr 2021?

Zum einen die Transformation: Die Automobilindustrie mitsamt den Zulieferern steht vor gewaltigen Umbrüchen. Mit Werkstätten der Zukunft sowie dem Ausbau der nachhaltigen Mobilität müssen wir hier gemeinsam Antworten finden.

Baden-Württemberg überzeugt durch eine starke Wirtschaft mit hoch qualifizierten Fachkräften, eine exzellente Hochschul- und Forschungslandschaft und eine moderne Infrastruktur. Damit wir auch weiterhin zu den führenden Innovationsregionen in Europa zählen, wollen wir im Rahmen von Invest BW 300 Millionen Euro in die Förderung von Zukunftstechnologien investieren. Und last but not least wollen wir mit unserer Wohnraum-Offensive für ausreichenden und bezahlbaren Wohnraum sorgen.

Am 14. März 2021 sind die Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Das heißt, die Legislaturperiode neigt sich dem Ende entgegen. Wie lautet denn das Fazit Ihrer Amtszeit,
vor und seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie?

(schmunzelt) Es ist immer schwierig, sich selbst zu beurteilen. Als Wirtschaftsministerin bin ich kraft Amt die Stimme der Wirtschaft im Land. Ich denke, mein Ministerium konnte viel auf den Weg bringen. Nach meiner Überzeugung vertreten wir Baden-Württemberg gut auf Bundes- und EU-Ebene. Festzustellen ist, dass es diesen starken Mittelstand so wie bei uns in anderen Ländern nicht gibt.

Baden-Württemberg soll, so unser gemeinsames Ziel, zum Vorreiter einer klima- und umweltschonenden Mobilität werden und damit auch in neuen Technologien ein weltweit führender Automobil- und Mobilitätsstandort sein.

Insgesamt steht viel auf dem Spiel. Die Wirtschaft steht an einem Scheideweg: Stichworte Digitalisierung und Transformation. Aber alles in allem sind wir, denke ich, auf einem guten Weg.

Als einziges Bundesland ist Baden-Württemberg mit einem Pavillon auf der Weltausstellung 2021 in Dubai vertreten. Die geschätzten Gesamtkosten belaufen sich mittlerweile auf über 15 Millionen – Ihr Ressort wird dafür heftig kritisiert. Wie äußern Sie sich dazu?

Die Expo Dubai ist eine einmalige Chance, unseren Wirtschafts-, Wissenschafts-, Kultur-, Innovations- und Tourismusstandort einem Weltpublikum zu präsentieren. Deshalb stehe ich auch weiterhin hinter dem Projekt, das wir als Land zum Erfolg führen wollen. Der Pavillon war ursprünglich als Projekt der Wirtschaft konzipiert. Leider blieben unter anderem aufgrund der Pandemie die Sponsorenmittel bislang hinter dem gesteckten Ziel zurück. Ich bin aber zuversichtlich, dass unsere Projektgesellschaft weitere Sponsoren gewinnen wird bis zum Start der Expo. Die entstandenen Mehrkosten sind übrigens im Wesentlichen durch die pandemiebedingte Verschiebung entstanden. Ansonsten bewegt sich das EXPO-Projekt in dem Finanzrahmen, den der Landtag im Dezember 2019 bewilligt hat. Eine „Kostenexplosion“ kann ich hier nicht erkennen.

Würden Sie denn für eine zweite Amtsperiode zur Verfügung stehen?

Fest steht, dass ich wieder in meinem Wahlkreis als Abgeordnete für den Landtag kandidiere. Fakt ist auch, dass ich eine große Freude an meiner Aufgabe als Ministerin habe und nach wie vor sehr motiviert und engagiert bin. Alles andere müssen die Wähler und nach der Wahl die entsprechenden Gremien entscheiden.

Nicole Hoffmeister-Kraut

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut wurde 1972 in Balingen geboren. Nach dem Abitur am Gymnasium Balingen studierte sie BWL an der Universität Tübingen, schloss als Diplom-Kauffrau ab und promovierte 2001 an der Universität Würzburg.

Ihre Zeit in London begann Hoffmeister-Kraut bei der Investmentbank Morgan Stanley, danach arbeitete sie bis 2005 als Analystin bei Ernst & Young in London und Frankfurt. Sie ist seit 1999 Gesellschafterin der Bizerba SE & Co. KG in Balingen. Dort war sie von 2014 bis zu ihrem Amtsantritt als Ministerin im Mai 2016 Mitglied des Aufsichtsrats.

Nicole Hoffmeister-Kraut engagiert sich außerdem in der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Balingen, im Förderverein und Elternbeirat verschiedener Balinger Schulen, im Stiftungsrat der Psychiatriestiftung Zollernalb und im Beirat der Balinger Tafel.

Seit Mai 2016 ist sie Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg, am 12. Mai 2016 wurde Hoffmeister-Kraut zur Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau des Landes Baden-Württemberg ernannt.

Bis Mai 2016 war sie Mitglied des Gemeinderats der Stadt Balingen und Mitglied im Kreistag des Zollernalbkreises.

Nicole Hoffmeister-Kraut ist verheiratet und hat drei Töchter.

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Erstellt:
4. Dezember 2020, 07:58 Uhr
Aktualisiert:
4. Dezember 2020, 07:58 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Dezember 2020, 07:58 Uhr

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