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Auf dem Weg in den Himmel

Die Immenhäuserin Katrin Schäfer hält Sternenkinder für die Ewigkeit fest

Kinder die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben, werden liebevoll Sternenkinder genannt. Damit die Erinnerung an sie nicht ganz verblasst, wünschen sich manche Eltern Bilder. Katrin Schäfer erfüllt ihnen diesen Wunsch. Sie fotografiert die Babys und hilft der Familie damit in der Trauerarbeit.

29.07.2016

Von Christine Laudenbach

Katrin Schäfer fotografiert Kinder, die nicht lebensfähig sind – und hilft den Eltern damit in ihrer Trauer. Bild: Metz

Immenhausen. Wenn der Tod am Anfang eines Lebens steht, ist plötzlich alles anders. Der Traum von glücklichen Familientagen: geplatzt. Nichts scheint mehr wichtig. Doch obwohl, oder gerade weil die Zeit mit dem ersehnten Kind im Grunde abgelaufen ist, bevor sie begann, wollen sie manche Eltern auf Bildern festhalten.

Katrin Schäfer kann das nachvollziehen. Die Immenhäuserin ist eine von rund 600 Fotografen, die ehrenamtlich für „Dein Sternenkind“ im Einsatz sind. Die Initiative arbeitet in Deutschland, seit kurzem auch in Österreich und in der Schweiz. Wenn die Handy-App Alarm schlägt, nimmt in der Regel der Fotograf mit der kürzesten Anfahrt den Auftrag an. Katrin Schäfer teilt sich mit etwa elf Kollegen den „Kreis 27“. Theoretisch könnte sie schon mal nach München gerufen werden, sagt sie. Im Grunde decke sie jedoch Tübingen, Reutlingen und Stuttgart ab. Wobei aus Reutlingen bislang noch nie der Wunsch nach Sternenkinder-Fotos gesendet wurde.

Alarm schlägt ihr Smartphone mittlerweile mehrmals täglich. Meist stellt die Fotografin jedoch nach einem kurzen Blick fest: Betrifft mich nicht. Etwa einmal die Woche jedoch muss sie los. Zwei Arten von Einsätze sind zu unterscheiden. Zum einen der spontane, unvorhersehbare. Bei dem Eltern, nachdem das Kind tot zur Welt kam, entschieden haben: Wir möchten Fotos. Das obligatorische Formular auf der Internet-Seite würde in dieser Situation meist von Angehörigen oder Freunden ausgefüllt, erzählt sie. Nach dem Funk aus der Zentrale schließen sich die für diesen Kreis registrierten Fotografen kurz. Wichtig sei, dass die Eltern so schnell wie möglich Nachricht bekommen, wer zu ihnen kommen kann. Nach Angaben Kai Gebels, Initiator des Sternenkind-Netzwerkes, musste bislang noch keine Anfrage abgelehnt werden. 2013 hat der Fotograf, Filmemacher und sechsfache Vater aus Hessen die Initiative ins Leben gerufen.

Besondere Atmosphäre als Erinnerung festhalten

Wenn sich während der Schwangerschaft abzeichnet, dass das Kind nicht lebensfähig sein wird, kann ruhiger abgesprochen werden, was sich die Eltern wünschen und wann Katrin Schäfer in den Kreißsaal kommen soll. In der Tübinger Frauenklinik gehe man in der Regel sehr sensibel mit solchen Situationen um, so ihre Erfahrung. Vor Ort versucht Schäfer, im Hintergrund zu bleiben, sich „ins Geschehen einzufügen“, wie sie sagt. Hektik sei absolut fehl am Platz. Auch Fotos zu arrangieren widerstrebe ihr. Ihr liegt am Herzen, die Situation einzufangen, wie sie ist. Diese besondere Atmosphäre als greifbare Erinnerung festzuhalten.

Alles, was möglich war, wurde getan

Berührungsängste kennt die 34-Jährige nicht. Bevor ihre drei Jungs geboren wurden, arbeitete sie als Krankenschwester. Zurück in die Pflege wollte sie nach der Kinderpause jedoch nicht. Schäfer sattelte um und spezialisierte sich nach der Ausbildung auf die Fotografie von Babys, Kindern und Familien. Auf die Sternenkinder-Initiative stieß sie durch eine Freundin. Als klar war, dass deren Kind nicht lebensfähig sein würde, begleitete Schäfer sie ab der Geburt bis zum Tod der kleinen Tochter. Die wertvollen Augenblicke des kurzen Lebens hielt sie fotografisch fest. Diese zehn Tage „waren ein sehr einschneidendes Erlebnis“. Voller Traurigkeit. Danach erfüllte sie aber auch das Gefühl: „Alles, was möglich war, haben wir gemacht.“

Denn: Die Chance, diese Kinder zu fotografieren, komme nicht wieder. Erinnerungen verblassten, ebenso Gerüche. Die Bilder bleiben. Und auch wenn manche Eltern sie nicht sofort anschauen wollen und können: Vielen helfen sie irgendwann, die Trauer zu verarbeiten. Die Fotos bekommen die Familien kostenfrei auf DVD. Zur Sicherheit archiviert Schäfer die Bilder zwar, verpflichtet sich gleichzeitig jedoch, sie nicht zu verwenden.

Gründe, weshalb ein Kind nicht lebensfähig ist, können vielfältig sein: ein zu geringes Gewicht etwa, ein Gendefekt, Fehlbildungen. Gibt es Grenzen, ab wann Katrin Schäfer einen Auftrag ablehnen würde? Nein, sagt sie bestimmt. Weshalb auch? Ihr jüngstes und gleichzeitig kleinstes Sternenkind habe sie nach der 22. Schwangerschaftswoche fotografiert. Es sei keineswegs so, dass sie nach einem solchen Kreißsaalbesuch eine Woche nicht schlafen könne. Sie fühle sich eher geerdet, sagt sie nachdenklich, und immer wieder „sehr dankbar“.

Seit rund zwei Jahren hält die junge Fotografin Sternenkinder auf ihrem kurzen irdischen Weg für die Ewigkeit fest. Seine Wurzeln hat das Wort in der kindlich-religiösen Vorstellung, dass die verstorbenen Kinder in den Himmel kommen. Lange Zeit wurden diese Babys ausschließlich als Fehl- oder Totgeburten bezeichnet. Die rechtliche Situation dieser Familien hat sich seit 2013 verbessert (siehe Info-Kasten.) Katrin Schäfer ist froh, dass sich Eltern heute in Ruhe von ihrem toten Kind verabschieden können.

Info: www.dein-sternenkind.eu

Von der Totgeburt zum Sternenkind

Sogenannte Sternenkinder waren bis 2013 offiziell gar nicht existent. Viele Friedhöfe verweigerten den totgeborenen Babys mit einem Gewicht unter 500 Gramm die Bestattung. Nach dem die Bundesregierung sie als Kinder anerkannt hat, verbesserte sich die rechtliche Situation: Eltern dürfen diese Kinder beim Standesamt registrieren lassen und anschließend richtig bestatten – sie müssen dies jedoch nicht.

Deutschlandweit kommen pro Jahr rund 2000 Sternenkinder zur Welt. Harald Abele, leitender Oberarzt der Tübinger Perinatologie, schätzt die Zahl an der Frauenklinik auf „sicher über 100 im Jahr“.

Am hiesigen Klinikum gelten nicht nur diese nicht bestattungspflichtigen Babys als Sternenkinder, sondern „alle Kinder, die die Eltern gerne gehabt hätten, aber aus irgend einem Grund nicht halten konnten“, sagt Abele.

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Erstellt:
29. Juli 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
29. Juli 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Juli 2016, 01:00 Uhr

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