Geldanlage

Die Hoffnung trägt den Bitcoin

Kryptowährungen sind in aller Munde. Hinter ihnen steckt die Blockchain, die für so genannte Miner mathematische Rätsel bereithält. Im Interview erklärt der Wirtschaftsmathematiker Thomas Dimpfl von der Uni Hohenheim seine Sicht auf Kryptowährungen wie Bitcoin – und skizziert, wie ihre Zukunft aussehen könnte.

17.12.2021

Von TEXT: Lorenzo Zimmer|FOTO: Privatbild, © Markus Mainka/stock.adobe.com

Kaum ein Thema beschäftigt die Welt der Anleger und Banken derzeit so sehr wie Kryptowährungen. Angetreten, um konventionelle Banken eines Tages zu ersetzen, haben sie vielen Anlegern aus früheren Tagen dicke Gewinne beschert. Doch wie lange können Bitcoin und andere noch weiter steigen? Wie funktionieren die Währungen überhaupt genau und was steckt dahinter? Im Interview beantwortet der Wirtschaftsmathematiker Thomas Dimpfl, der bis zu seinem Ruf an die Uni Hohenheim in Tübingen tätig war, die wichtigsten Fragen zu Kryptowährungen.

Herr Professor Dimpfl, die ganze Welt redet über Kryptowährungen, der Markt wächst und wächst.
Was ist so neu und aufregend an diesen Währungen?

Neu und innovativ ist an den Kryptowährungen vor allem, wie sie zur Verfügung gestellt werden. Normale Währungen werden von Zentralbanken herausgegeben und von Geschäftsbanken zur Verfügung gestellt. Bei Kryptowährungen gibt es keine Zentralbank, sie funktionieren sozusagen dezentral.

Wer steckt stattdessen dahinter?

Letztlich steckt ein Computerprotokoll dahinter, eine so genannte Blockchain. Ihre Idee ist, dass jemand ein mathematisches Problem lösen muss, um einen Teil der Blockchain, der neue Transaktionen erhält, zu verifizieren. Dafür nutzen sie ihren Computer und werden zu so genannten Minern. Dieses Mining, also das Lösen einer mathematischen Aufgabe, überwacht die Kryptowährung und die Blockchain. Sie wird wie eine Datenbank immer wieder erweitert und enthält ihre eigene komplette Historie. Dadurch wird transparent und nachvollziehbar, welche Transfers stattfinden. Und man spart sich einen Mittelsmann, der diese Kontrolle übernehmen müsste – zum Beispiel eine Bank.

Es wird häufig davon gesprochen, dass Kryptowährungen anonym funktionieren. Wenn alles zurückverfolgbar ist, ist man trotzdem anonym?

Um diese Währungen zu verwenden, werden in der Regel so genannte Wallets genutzt. Also Geldbörsen im Internet. Sie sind mit ihrer Adresse in den Blockchains vermerkt und somit auch zurückverfolgbar. Aber wem welche Wallet gehört, ist im Wesentlichen nicht ausfindig zu machen und bleibt somit anonym.

Was bringt das für Vorteile?

Die Idee dahinter war, Mittelsmänner im Finanzsektor zu vermeiden und direkten Handel zweier Personen möglich zu machen.

Ist das gelungen?

Ehrlich gesagt kauft man die Kryptowährungen größtenteils auch bei bestimmten Handelsbörsen. Diese sind gewissermaßen an die Stelle der Banken getreten und stellen die Währung für den Verbraucher oder Investor zur Verfügung.

Also geht es doch nicht ohne bMittelsmänner ...

So scheint es. Hinzu kommt noch, dass Kryptowährungen derzeit vollkommen unreguliert sind. Da kann es schon mal vorkommen, dass Betrügereien passieren oder eine Börse einfach mal vom einen auf den anderen Tag weg ist. Wenn es keine Überwachung gibt, kann es eben durchaus passieren, dass Schindluder getrieben wird.

Glauben Sie, dass die Funktionsweise dieser Währungen, also die dahinter stehende Blockchain, bleiben wird?

Ich gehe fest davon aus. Diese Technik ist sinnvoll und hat viele Anwendungen. Ein willkürliches Beispiel wäre eine Wein-Blockchain: Aus ihr kann man zu jeder Flasche auslesen, wo und wie die Trauben gewachsen sind, wo der Wein gekeltert wurde und wie er transportiert wurde. Letztlich gibt es dafür sehr viele Anwendungen: alle Bereiche, in denen man etwas nachvollziehen will. Das Grundbuch, ein Gebrauchtwagen – diese Dinge könnte man in eine Blockchain dokumentieren. Dadurch würde das Auto mit einem Algorithmus diese Daten in der Kette hinterlegen – und man wäre nicht mehr von einem Intermediär abhängig, dem man vertrauen muss. Der kann ja wieder schummeln.

Wird die Blockchain auf diese Weise klassische Banken ablösen?

Ausgeschlossen ist das nicht, aber ich sehe es nicht unmittelbar auf uns zukommen. Zu vieles ist ungeklärt, was die Regulierung und die Akzeptanz angeht. Auf der anderen Seite sehen wir auch, dass viele der klassischen Akteure am Finanzmarkt ihre eigenen digitalen Währungen vorbereiten. Die Banken werden ihre Geschäftsmodelle daran anpassen und abändern, sterben werden sie daran wohl nicht.

Womit beschäftigen Sie sich als Uniprofessor in Ihrer Forschung zu Kryptowährungen?

Ich wurde auf diese Währungen aufmerksam und habe mich gefragt, wie diese Objekte gehandelt werden und wie ihre Preise entstehen. Ich bin in das Thema hineingestolpert und habe mir zunächst die Märkte angeschaut. Interessant war, wie die Kryptowährungen angetreten waren: alles neu, alles revolutionär. In der Realität wurde schnell klar: Auch beliebte Börsen wie Kraken oder Coinbase, auf denen man Kryptowährungen handeln kann, folgen sehr stark den Regeln und Mechanismen am herkömmlichen Kapital- und Aktienmarkt. Das fand ich spannend. Denn offensichtlich gibt es in der Realwirtschaft Dinge, die von den Krypto-Fans doch als gut und bewahrenswert klassifiziert werden.

Welche sind das?

Die Börsen funktionieren mit einem Limit-Order-Buch wie an der Börse auch. Ich kann einen Auftrag einstellen, kann so Verkaufs- und Kaufangebote machen. Ich kann nach dem aktuellen Marktpreis handeln oder einen bestimmten Preis festlegen, auf den ich warte.

Wo liegt denn der größte Unterschied zu konventionellen Märkten, etwa dem Aktienmarkt?

Der größte Unterschied ist wohl das Risiko, das man eingeht. Die Volatilität ist bei Kryptowährungen viel höher und die Gründe für Preisanstiege oder Preisstürze sind undurchsichtiger.

Können Sie ein Beispiel geben?

Stellen Sie sich vor, Sie wollen die Aktie einer Firma kaufen, die Land gekauft hat, auf dem sie nach Öl bohren will. Als Anleger weiß ich, dass meine Investition in diese Chance risikobehaftet ist und damit weiß ich auch, worauf ich mich einlasse. Wenn Öl gefunden wird, steigt der Wert meiner Anlage. Und wenn nicht, sinkt er. Bei einer Kryptowährung weiß ich im Zweifel nicht genau, warum sie steigt. Da habe ich bloß die Hoffnung.

Bisher haben sich die Hoffnungen vieler Krypto-Anleger bewahrheitet, der Markt ist immer weiter gewachsen, die Coins sind gestiegen.

Richtig. Die Frage ist immer: Was steckt dahinter? Welcher reale Wert verbirgt sich hinter dem Investment? Bei Kryptowährungen kann man schon sagen, dass es Verwendungen gibt und natürlich kann auch ein Name einen Wert erlangen. Denken Sie an Gold: Seit mehreren Jahrtausenden vertrauen die Leute darauf, dass Gold seinen Wert behält. Aber selbst wenn Gold als Währung nicht mehr akzeptiert würde, findet es in der Industrie und der Schmuckherstellung weiterhin Verwendung.

Welche Verwendung haben Aktien?

Wenn Sie ein Wertpapier kaufen, gehen Sie davon aus, dass das Unternehmen Gewinne erzielt und Sie über Dividenden daran teilhaben lässt. Wenn Sie Bitcoin kaufen, glauben Sie einfach daran, dass der Wert steigt. Wenn alle Investoren gleichzeitig zur Erkenntnis kommen, dass sie den Bitcoin nicht mehr brauchen und alle gleichzeitig verkaufen, sinkt der Wert – theoretisch sogar auf Null. Hinter dem Coin an sich steht quasi kein Wert. Es geht immer nur darum, was die Anleger denken, was in Zukunft passiert. Letztlich ist das eine Parallele zum Aktienmarkt – auch da geht es häufig darum, was die Anleger denken, was in Zukunft passiert. Es ist bloß die Frage, mit welchem Risiko das verbunden ist.

Wie kann man solche Risiken senken?

Wenn man Geld anlegt, sollte man sowieso nicht auf ein einziges Pferd setzen. Im Aktienmarkt nennt man das Diversifikation. Man streut das Investment auf verschiedene Märkte, verschiedene Länder oder Themengebiete. Bei Kryptowährungen beobachten wir eine sehr synchrone Bewegung, meistens steigen oder fallen die Coins gemeinsam. Eine wirkliche Differenzierung innerhalb dieses Marktes ist also schwer.

Sollte man von Kryptowährungen also die Finger lassen?

Das muss jeder selbst entscheiden. Man muss sich aber bewusst sein, dass man da eine sehr risikoreiche Anlage kauft. Ich drehe es mal um: Meiner Großmutter hätte ich diese Währungen nicht empfohlen, für kurzfristige Anlagen ist der Markt viel zu unsicher. Wenn ein Bitcoin heute 50000 Euro kostet, können es in zwei Wochen nur noch 25000 Euro sein. Solche Abstürze gibt es im Aktienmarkt sicher seltener. Es gibt aber Untersuchungen, dass Kryptowährungen zusammen mit sehr vielen anderen Anlagetypen gut als diversifizierendes Element funktionieren.

Ein kleines Invest kann also nicht schaden?

Ich würde nicht meine Rente aufs Spiel setzen in der Hoffnung, dass ich mich mit 50 auf die Bahamas absetzen kann und nie wieder arbeiten muss. Ich bin aber auch nicht so risikofreudig als Anleger. Wenn man gerne wettet, ist der Markt nicht der allerschlechteste. Und wenn man 500 Euro übrig hat und sich gedanklich von ihnen verabschiedet, dann ist das vermutlich in Ordnung.

Zur Person Thomas Dimpfl

ist im September 1980 im bayerischen Furth im Wald an der Grenze zur tschechischen Republik geboren. Nach dem Abitur studierte er internationale Betriebswirtschaftslehre an der Uni Tübingen mit einem Auslandsjahr an der Nelson Mandela University in Ggeberha, Südafrika. Seine Promotion über internationale Finanzmärkte begann Dimpfl an der Uni Tübingen und schloss sie schließlich in Erfurt ab. 2010 kehrte er als Post-Doc nach Tübingen zurück, habilitierte und wurde zunächst Privatdozent und später außerplanmäßiger Professor. 2021 wechselte er an die Universität Hohenheim und lehrt und forscht dort heute im Bereich der Wirtschaftsmathematik und der Datenwissenschaften.

Zum Artikel

Erstellt:
17. Dezember 2021, 08:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Dezember 2021, 08:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Dezember 2021, 08:00 Uhr

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