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Hacker nicht ins Hirn lassen

Die Ethik des Gedankenlesens

Tübinger Forscher sehen große Risiken für den Datenschutz bei Gehirn- Maschine-Schnittstellen und formulierten erstmals ethische Richtlinien.

07.07.2017

Von Ulrich Janßen

Sieht aus wie ein Handschuh, ist aber eine Handprothese, die sich mit Hirnsignalen steuern läßt. Bild: Surjo R. Soekadar / Universität Tübingen

Eine Maschine, die Gedanken lesen kann? So etwas gibt es bislang nur in Science Fiction-Filmen. Doch die Technik könnte, schneller als man denkt, Wirklichkeit werden. Der Tübinger Neurowissenschaftler Surjo R. Soekadar hält das Ausspähen von Gedanken zumindest theoretisch für möglich. „Die technologischen Fortschritte im Bereich der Gehirn-Computer-Schnittstellen entwickeln sich rasant.“ Schon heute lassen sich beispielsweise, wenn auch nur unter sehr speziellen Bedingungen, der elektronisch gemessenen Hirnaktivität eines Menschen einzelne Worte zuordnen. Bei Facebook erforscht inzwischen sogar eine ganze Abteilung, wie Anwender bis zu 100 Worte allein mit Gedankenkraft schreiben können. Schon in drei Jahren soll eine entsprechende Schnittstelle auf dem Markt sein.

Wenn Maschinen über spezielle Schnittstellen Hirnsignale eines Menschen lesen können, wirft das ethische und rechtliche Fragen auf, die bislang noch überhaupt nicht diskutiert wurden. Zusammen mit seinem Kollegen, dem Tübinger Neurowissenschaftler Prof. Niels Birbaumer und weiteren weltweit führenden Vertretern seiner Disziplin hat Soekadar deshalb erstmals in der renommierten Wissenschaftszeitschrift „Science“ ethische Richtlinien für den Einsatz von Gehirn-Computer-Schnittstellen formuliert.

„Die neuen Technologien“, sagt Soekadar, „sind eigentlich ein Segen und können beispielsweise das Leben gelähmter Menschen enorm erleichtern.“ Aber sie bergen auch große Risiken, die rechtzeitig bedacht werden müssten.

In ihrem Aufsatz fordern die Forscher unter anderem, dass Hirnsignale, die ein Rechner über Sensoren abgreift, sicher verschlüsselt werden müssen. Nur so könne der Datenschutz gewährleistet und das „Brainhacking“ verhindert werden, das unbefugte Lesen von Signalen.

Wichtig sei auch, dass Hirnsignale, mit denen Geräte gesteuert werden, in einer elektronischen „Blackbox“ aufgezeichnet und für eine begrenzte Zeit gespeichert werden. So könne gegebenenfalls rekonstruiert werden, wer für einen Unfall verantwortlich ist. Soekadars eigene Forschung zeigt, wie sinnvoll es ist, solche Fragen zu klären. Wenn jemand mit dem von seinem Team entwickelten hirngesteuerten Hand-Exo-Skelett einen Schaden verursachen oder einen Menschen verletzen würde, muss geklärt werden, ob das Kommando für die folgenreiche Bewegung vom Hirn kam oder ein technischer Fehler zugrunde lag. Haftungsrechtlich macht das einen großen Unterschied. Um Unfälle zu verhindern, müsse der Mensch auch jederzeit die Maschine mit Hilfe einer „Veto“-Funktion stoppen können. Soekadars Exo-Skelett lässt sich deshalb mit einer bestimmten Augenbewegung anhalten.

Im Moment scheinen die Gefahren, die durch Gehirn-Computer-Schnittstellen entstehen, für die meisten Menschen noch weit entfernt. Doch schon jetzt erfassen Fitness-Uhren und Smartphones permanent Daten des menschlichen Körpers, wie etwa Herzfrequenz, Blutdruck, Schlafzyklen oder Bewegungsmuster und übertragen sie an Server irgendwo auf der Welt. Diese Daten könnten von Unternehmen oder Geheimdiensten mit Informationen über Hirnaktivitäten verknüpft und zur Erstellung von sehr genauen Persönlichkeitsprofilen genutzt werden.

Noch unheimlicher ist die Vorstellung, dass Hacker über eine Schnittstelle das menschliche Gehirn manipulieren oder sogar kapern könnten. „Brainjacking“ wird das in der Szene genannt. Auch das ist nicht mehr reine Science Fiction. US-Unternehmer Elon Musk hat schon eine Firma gegründet, die Neuro-Implantate entwickeln soll, die ins menschliche Gehirn gespritzt werden, um es mit künstlicher Intelligenz zu verbinden. Die Leistungen des Gehirns könnten so enorm gesteigert werden. Über solche Schnittstellen ist theoretisch aber auch die Stimulation von außen, der externe und unerlaubte Eingriff in fremde Hirne denkbar.

Soekadar warnt vor Panikmache. Aber: „Wir wollen, dass die Leute verstehen, was man mit den Daten anstellen kann.“ Es sei höchste Zeit, über Richtlinien nachzudenken, „damit die Technologien nur zum Nutzen der Gesellschaft eingesetzt und unnötige Risiken vermieden werden.“

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Erstellt:
7. Juli 2017, 22:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Juli 2017, 22:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Juli 2017, 22:00 Uhr

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