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Damit es schneller geht: Ärzte am Telefon der Leitstelle?

Der neue DRK-Rettungsdienstleiter Martin Gneiting und Notärztin Lisa Federle über Notfallfristen

Wie lange ein Rettungswagen zu einer Unfallstelle braucht, kann über Leben und Tod entscheiden. Um diese Zeiten zu verkürzen, machen Martin Gneiting, der neue Leiter des Rettungsdienstes beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Tübingen, und die Notärztin und Tübinger DRK-Präsidentin Lisa Federle im Gespräch mit dem TAGBLATT mehrere Vorschläge.

19.02.2018

Von Lorenzo Zimmer

Das Tübinger DRK bei einem Unfall im Einsatz. Archivbild: Metz

Einer davon: „Man sollte vorsichtig darüber nachdenken, ob man nicht auch am Telefon in der Leitstelle schon einen Notarzt einsetzt“, so Federle. In anderen Ländern werde dies bereits seit Längerem so praktiziert. Damit könnten aus ihrer Sicht etliche Fehleinsätze verhindert werden. „Aus unserer Wahrnehmung wird es eindeutig häufiger, dass wir zu Lappalien gerufen werden“, fügt Gneiting hinzu. Die beiden schätzen den Anteil solcher unnötigen Einsätze auf 30 Prozent: „Und das ist noch vorsichtig geschätzt“, sagt Federle. Notärzte auch am Telefon der Notrufnummer 112 einzusetzen, wäre bundesweit eine Neuheit. „Die Vielzahl der Anrufe macht unseren Beruf bisweilen noch anstrengender als sowieso schon“, sagt Gneiting.

Das DRK organisiert in Tübingen fast alle Notfallfahrten, die
mit Rettungswägen gemacht werden – der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) stellt auch ein Fahrzeug. Die Notärzte stellt das Klinikum –
die Hälfte dieses Kontingents hat
es an das DRK abgetreten. Zur
Koordinierung hat das DRK eine Notarzt-Gruppe eingerichtet, in der die Dienste verteilt und abgestimmt werden.

Eine wichtige Rolle übernimmt dabei auch Martin Gneiting als neuer Leiter des Rettungsdienstes. Er und seine Kollegen in der Leitstelle entscheiden im Ernstfall, wie viele Rettungskräfte zum Unfallort aufbrechen und ob und wie viele Notärzte zusätzlich auf den Weg geschickt werden müssen.

Der Gesetzgeber sieht bei Notfällen eine Hilfsfrist von 15 Minuten vor, in der die Rettungskräfte in 95 Prozent der Fälle am Ort des Geschehens eintreffen müssen. Doch das gelingt auch in Tübingen nicht immer: „Der SWR hat vor Kurzem eine große Reportage zu diesem Thema gemacht“, sagt Gneiting. „Ihr Fazit war, dass es hier im Kreis noch ziemlich gut aussieht mit der Notfallfrist“, sagt Federle.

Weniger Fehleinsätze könnten indes auch dabei helfen, die erwähnte Notfallfrist von 15 Minuten noch besser einzuhalten. „Wir liegen in Tübingen ziemlich genau bei den gesetzlich geforderten 95 Prozent der Einsatzorte, die wir in 15 Minuten oder weniger erreichen“, zitiert Gneiting die Statistik. Doch das Anruf-Aufkommen steigt auch, weil die Versorgung mit Hausärzten – etwa in ländlicheren Regionen – immer schlechter wird.

Zudem bekommt das DRK in anderen Landkreisen zunehmend Konkurrenz. Mit Diensten wie dem ASB oder den Johannitern arbeitet das DRK „sehr gut zusammen“, so Federle – die Anbieter koordinieren sich selbst untereinander. Doch immer mehr komplett private Anbieter drängen auf den Markt. Aus Federles Sicht ist das besorgniserregend: „Sie nutzen den Personalmangel der Rettungsdienste aus und treiben die Preise nach oben.“

Wenn in Tübingen die gesetzliche Notfallfrist nicht eingehalten wird, liegt dies meist an den langen Strecken, so Federle und Gneiting unisono. Ein Beispiel: „Die nächstgelegene Rettungswache für Dettenhausen ist Tübingen“, so Gneiting. Doch die 15 Minuten vom Eingang des Anrufs bis zum Erreichen der Unfallstelle reichen nur ganz selten für die Anfahrt auf der rund 17 Kilometer langen Strecke. „Böblingen hat eine Wache in Schönaich, Esslingen eine in Bonlanden“, weiß Gneiting. Doch sie alle haben nach Dettenhausen eine Strecke von rund 20 Kilometern vor sich.

Die Lösung aus Sicht von Federle und Gneiting wäre, wenn in der Organisation der Leitstellen nicht kreisweit, sondern kreisübergreifend gedacht würde. „Ein solches Abkommen haben wir mit Balingen und Hechingen bereits, um Mössingen und Bodelshausen fristgemäß anfahren zu können“, so Federle. „Eine gemeinsame Wache in Waldenbuch würde das Dettenhäuser Problem lösen“, so Gneiting. „Für solche Absprachen sollte jetzt ein politischer Rahmen geschaffen und auf die Umsetzung gedrängt werden“, fordert Federle. Und Gneiting fügt hinzu: „In Waldenbuch muss es ja auch keine DRK-Wache sein. Wenn da ASB draufsteht und der Bevölkerung damit geholfen ist, macht uns das natürlich auch froh.“

Lisa FederleBilder: Metz

Das Tübinger DRK bei einem Unfall im Einsatz. Archivbild: Metz

Zur Person

Martin Gneiting ist 1982 in Nürtingen geboren. Nach einem Realschulabschluss in Neuffen und einer Ausbildung zum Industriekaufmann in Nürtingen war er von 2001 bis 2009 beim Rettungsdienst in Esslingen und Nürtingen tätig. Für zwei Jahre lehrte er danach als Dozent an der Landesschule des DRK, bis er 2011 Abteilungsleiter für Bildung und Personalentwicklung beim DRK in Tübingen wurde. 2016 wechselte er nochmal für ein Jahr nach Nürtingen, bevor er im vergangenen Jahr Abteilungsleiter des Rettungsdienstes in Tübingen wurde.

Die Notrufnummern

Die Rufnummer 116117 ist keine Notrufnummer, sondern führt zu einem Callcenter in Berlin. Man soll sie anrufen, wenn der Hausarzt geschlossen hat, aber ein ärztlicher Rat gebraucht wird. Das Callcenter schickt den Anrufer in die diensthabende Notfallpraxis im jeweiligen Landkreis. Ist ein Hausbesuch nötig, verbindet sie mit der Leitstelle des DRK vor Ort. Wer in einem Notfall die Nummer 112 wählt, landet in Tübingen entweder bei der integrierten Leitstelle des DRK und der Feuerwehr. Von dort können Rettungsfahrzeuge, Feuerwehreinsatzkräfte und Notärzte entsendet werden. Diese Nummer sollte nur in echten Notfällen gewählt werden: etwa Herzinfarkte, Schlaganfälle oder schwere Verkehrsunfälle.

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Erstellt:
19. Februar 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Februar 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2018, 01:00 Uhr

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