Komponist

Der Maestro des Kinos

Er hat Musik für rund 500 Filme geschrieben und damit auch die Popkultur geprägt. Nun ist Ennio Morricone im Alter von 91 Jahren in seiner Heimatstadt Rom gestorben.

07.07.2020

Von MAGDI ABOUL-KHEIR

Ennio Morricone bittet auf seiner „Farewell Tour“ 2019 in der Berliner Mercedes-Benz Arena das Tschechische Nationale Symphonieorchester (CNSO) und einen Chor aus 75 Sängerinnen und Sängern, sich zu erheben. Foto: Christoph Soeder/dpa

Filmmusik gehört ins Kino und nicht in den Konzertsaal. Darauf bestand Ennio Morricone früher. Doch in den letzten 15 Jahren tourte er mit Orchester und Chor um die Welt, füllte die Arenen, wurde als Star gefeiert. Denn viele seiner Soundtracks haben sich von ihren Filmen längst gelöst und sind zu Phänomenen der Popkultur geworden. Nun ist der Komponist im Alter von 91 Jahren in seiner geliebten Heimatstadt Rom gestorben.

Eine Karriere der Superlative. Morricone hat rund 500 Kino- und Fernsehfilme vertont: von „Spiel mir das Lied vom Tod“ bis „Es war einmal in Amerika“, von „Ein Käfig voller Narren“ bis „Cinema Paradiso“, von Euro-Trash wie „Als die Frauen noch Schwänze hatten“ (1970) bis Hollywood-Hochglanz wie „Die Unbestechlichen“ (1987).

Zitiert, remixt, gesampelt

Mit Italiens erster Regie-Garde wie Sergio Leone, Pier Paolo Pasolini und Bernardo Bertolucci hat Morricone die europäische Kinogeschichte mitgeprägt. Aber auch Roman Polanski, Mike Nichols, Oliver Stone und Brian de Palma schätzten seine Kompositionen – wobei sich Morricone stets weigerte, Englisch zu sprechen. Er hat Melodien geschrieben und Klänge kreiert, die sich ins kollektive Bewusstsein eingebrannt haben, und er hat die Syntax des filmischen Erzählens mitgeprägt. Morricone wird zitiert, remixt, gesampelt, hat Chart-Hits komponiert und – Oscar hier, Grammy dort – fast jede Auszeichnung erhalten.

Als Workaholic mit eisernem Arbeitsethos konnte sich Morricone den Anforderungen des bewegten Bildes anpassen, war aber doch kompromisslos in seinen Ansichten. Er stand morgens um vier auf, machte Sport, auch im hohen Alter, und dann legte er los: mit Notenpapier und Bleistift – das Kompositionshandwerk ging ihm über alles. Wichtig waren ihm sonst nur seine Frau Maria, mit der er 64 Jahre verheiratet war, und die vier Kinder, Espresso und der AS Rom.

Im Herzen und im Kopf blieb er Avantgardist, das zeigte sich auch in seinen Konzertwerken. 1928 in Rom als Sohn eines Musikers geboren, besuchte er das Santa-Cecilia-Konservatorium, studierte Trompete und Komposition, verschrieb sich alsbald einer radikalen Tonsprache.

Doch arbeitete er in den 50ern auch für TV- und Radio-Shows, arrangierte Schlager – für Mario Lanza und andere. 1961 schuf er seine erste Filmmusik, „Für eine Handvoll Dollar“ bedeutete 1964 den Durchbruch. Das berühmte Titelthema dieses Italo-Westerns mit Maultrommel, Gitarrensolo und Peitschenknaller basierte auf einem seiner pfiffigen Pop-Arrangements. Fortan gelang es ihm, seine Klangwelten – Klassik, Avantgarde und Unterhaltungsmusik – in seiner Karriere schaffenswütig zu durchmischen.

Bei Morricone traf Belcanto auf Beat, Atonalität auf Easy Listening und Oper auf Seifenoper. Als er mit „The Mission“ (1986) eine südamerikanische Christianisierungsgeschichte vertonte, türmte er indianische Trommelrhythmen, barocke Melodien und sakrale Chorsätze aufeinander. Musik, die gleichermaßen illustriert, kommentiert und transzendiert. Musik, die das Geschehen auf der Leinwand erhaben wirken lässt und auch fernab des Kinos überzeugt. Und wenn Morricone mal gefälligen Streicherschmelz ablieferte, konnte doch in jedem Takt eine taktlose Überraschung lauern. Er war gleichermaßen ein Tonmalermeister des Oberflächenglanzes wie der Kanten und Ecken. Und des galligen Humors, da wurde in einem „Marsch der Bettler“ pointiert gerülpst.

Ob grandiose Historienepen oder psychedelische Horrorstreifen, ob alberne Erotikklamotten oder sozialkritische Grotesken: Akademischer Anspruch und pragmatische Sichtweise waren für Morricone kein Widerspruch. Der „Maestro“, wie er immer genannt werden sollte, wusste: „Mit guter Musik kann man keinen schlechten Film retten.“ Aber er konnte nicht anders, als es immer und immer wieder zu versuchen. Und damit Musik zu schaffen, die für sich unsterblich wurde.

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Erstellt:
7. Juli 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Juli 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Juli 2020, 06:00 Uhr

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